Wo steht Russland im Jahr 2030?

Bild: Sergej Jolkin.

Bild: Sergej Jolkin.

Welche wirtschaftliche Zukunft erwartet Russland bis zum Jahr 2030? Auf der gerade abgeschlossenen Konferenz des internationalen Diskussionsklubs „Waldai“ in Sankt Petersburg diskutierten russische und ausländische Experten mehrere mögliche Zukunftsszenarien.

Auch wenn gleich mehrere europäische Professoren behaupten, dass sich in 18 Jahren eine Weltregierung um die sozialen und wirtschaftlichen Belange der Weltbevölkerung kümmern werde, zog die Mehrheit der auf dem Forum in Sankt Petersburg vertretenen Ökonomen bei der Einschätzung der Zukunft Russlands die Möglichkeit einer Weltregierung nicht in Betracht. Sie stützten ihre Prognose lieber auf mehrere Szenarien. Diesen lagen zwei Indikatoren: die Erdölpreise und das Tempo künftiger Reformen.

Dabei ließen die Autoren des Berichts „alarmistische Situationen" außer Acht, also etwa einen neuen Weltkrieg oder eine Klimakatastrophe, durch die der Preis eines Barrels Öl unter die Marke von 80 Dollar fallen würde. Die Experten gingen angesichts der gegenwärtigen Tendenzen in der Weltwirtschaft von einem Erdölpreis von 94 und 140 Dollar pro Barrel aus.

Vier Entwicklungsszenarien bis 2030

In groben Umrissen wurden vier Entwicklungsszenarien für Russland bis 2030 vorgeschlagen: Das erste trägt die Bezeichnung „Sanguiniker" und sieht im Land tiefgreifende, umfassende Reformen in Verbindung mit dem günstigsten Ölpreis vor. In diesem Fall würde sich das Wirtschaftswachstum in Russland stärker beschleunigen als in der übrigen Welt, und der Lebensstandard der Bevölkerung würde bis 2030 das jetzige Niveau der Schweiz erreichen.

Am pessimistischsten erschien das Szenario „Melancholiker", denn hier sind die Preise für die Energieträger niedrig und die russische Regierung weigert sich, Reformen durchzuführen, wodurch die Situation in ihrer jetzigen Form „erstarrt". In diesem Fall würde das russische Wirtschaftswachstum ein wenig unter dem Durchschnitt der Welt bleiben, und der Anteil des Bruttoinlandsprodukts von Russland an der Weltwirtschaft würde auf dem heutigen Stand von 2 % verharren. Die Einkommen der Bevölkerung wären dann ungefähr mit denen im gegenwärtigen Tschechien zu vergleichen.

Für optimal halten die Experten von Waldai jedoch zwei andere Szenarien: Das Szenario „Phlegmatiker" und das Szenario „Choleriker". In der ersten Variante strebt die Regierung bei einem relativ niedrigen Ölpreis von 94 $ pro Barrel energisch nach Reformen. In der zweiten bleiben bei einem hohen Ölpreis von 140$ pro Barrel die Reformen entweder völlig aus oder haben rein lokalen Charakter. Der Lebensstandard der Bevölkerung würde im Jahr 2030 dann demjenigen des jetzigen Frankreich entsprechen.

Nach Meinung der Ökonomen wäre das Szenario „Phlegmatiker"

vorzuziehen, da es ein größeres Wirtschaftswachstum als das der „Choleriker" mit sich bringt. „Sämtliche Gespräche über die Wirtschaftspolitik sind sinnlos, solange wir nicht entschieden haben, was wir aufbauen wollen, und solange wir keine realistische Strategie für die Entwicklung des Landes festgelegt haben", meint das Mitglied des Konsultationsrats von Waldai Sergej Karaganow, Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und -politik an der Moskauer Wirtschafthochschule.

Nachfrage nach Reformen quer durch alle Bevölkerungsschichten

Soziologische Untersuchungen zeigen immer wieder, dass in der russischen Gesellschaft der große Wunsch nach Reformen besteht. Ihnen zufolge wünschen sich 68 % der Russen mit überdurchschnittlichem Einkommen, dass ihre Kinder im Ausland studieren und arbeiten, während 37 % sogar möchten, dass ihre Kinder ständig im Ausland leben.

Die Soziologen registrieren eine verborgene Unzufriedenheit nicht nur beim gebildeten Mittelstand, sondern auch bei den bedürftigeren Bevölkerungsschichten, obwohl sich die Gründe für die Protesthaltung unterscheiden. Um den Stillstand komplexer Produktionsverfahren und die „Deintellektualisierung" des gesellschaftlichen Lebens zu verhindern, die zu einer Emigration begabter junger Menschen führen wird, muss die russische Regierung der Gesellschaft bereits in den nächsten Jahren neue, positive Ziele anbieten.

Ebenfalls muss sie in der Praxis ihre Bereitschaft nachweisen, diese Ziele wirklich anzustreben. Im Laufe der Diskussionen kritisierten viele Experten die Schwächen – und manchmal auch das Fehlen – effektiver Institutionen, die niedrigen Aufwendungen für Innovationsprozesse sowie den Mangel an Anreizen für das Unternehmertum, in das eigene Land zu investieren.

Wachstumsgenerator Eurasische Wirtschaftsunion

Aber die Durchführung von institutionellen Reformen, zu denen die Waldai-Teilnehmer aufriefen, ist nur einer der „Generatoren" der russischen Wirtschaft. Es gibt noch andere. Ein Mitarbeiter von Präsident Putin, der Ökonom Sergej Glasjew, nannte Zahlen, die das Potenzial einer Eurasischen Wirtschaftsunion belegen, der neben Russland auch Weißrussland und Kasachstan als „Wachstumsgeneratoren" angehören.

Seiner Meinung nach können die Kooperationsprogramme innerhalb der Organisation im Laufe von zehn Jahren einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um 10-15 % für die Teilnehmer bewirken. Dadurch würde sich das Wachstumstempo der russischen Wirtschaft auf jährlich 7-8 % erhöhen und sie attraktiv für inländische Investoren machen, die ihr Geld zurzeit in Offshore-Zonen exportieren. Glasjew hält dies für eine untragbare Situation, in der Russland der einzige Staat bleibt, der „kein Abkommen über den Austausch von Steuerinformationen mit den Offshore-Gebieten abgeschlossen hat".

Ein weiterer Wachstumstreiber könnte nach Meinung der Klubteilnehmer darin bestehen, die Konkurrenzvorteile Russlands zu nutzen. Damit meinen sie vor allem das Investitionspotenzial in Sibirien und im Fernen Osten, wo Kapitalanlagen in einzelne, auf den asiatischen Markt orientierte Projekte imstande seien, einen beschleunigten Wirtschaftsaufschwung der Regionen herbeizuführen. Russland wird wie früher zwischen Europa und Asien wählen müssen.

Europa diktiert den Lieferanten von Energieträgern seine eigenen Regeln. In Asien dagegen, wo es kaum gemeinsame Regeln, doch viele nationale Besonderheiten gibt, bilden sich die infrastrukturellen Möglichkeiten für das russische Unternehmertum noch heraus.Diese zusätzlichen Wachstumstreiber werden Russland vielleicht zum „Phlegmatiker"-Szenario verhelfen, auch wenn sich die Reformen im Land nicht so tief greifend und umfassend gestalten, wie es die Experten des Waldai-Klubs empfohlen haben.

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