Das Auto - der beste Freund des Menschen?

In Russland ist das Auto nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern auch ein wichtiges Statussymbol. Foto: RIA Novosti.

In Russland ist das Auto nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern auch ein wichtiges Statussymbol. Foto: RIA Novosti.

Ein Auto ist in Russland heute so wichtig, wie nie zuvor. Bei der Arbeitssuche ist es oft wünschenswert, dass der künftige Mitarbeiter neben einem Führerschein auch ein eigenes Auto hat. Die Popularität von privaten Kraftfahrzeugen in Russland kann durch die alltägliche Notwendigkeit begründet werden. Aber braucht denn wirklich jeder ein Auto?

Trotz der Überfüllung der Straßen in Großstädten, trotz Staus, Abgasen und scheinbar allgegenwärtigen Autos, bleibt der PKW in Russland nach wie vor ein Luxusgegenstand. Pro tausend Einwohner zählt man hier 170 Automobile, das ist etwas weniger als in Lybien und etwas mehr als in Rumänien. In Deutschland sind es 573 Autos pro tausend Einwohner. Dieser Wert wird nur in Italien und in Ländern wie Lichtenstein und Monaco übertroffen.

Die Zahlen machen es deutlich: In Deutschland gibt es viel mehr glückliche Auto-Besitzer als in Russland. Jedoch ist die Bereitschaft, auf sein Fahrzeug zu verzichten, bei Deutschen deutlich größer als bei Russen.

Carsharing und Radfahren


Die Tendenz scheint klar zu sein: Je entwickelter und reicher ein Land ist, desto mehr Autos gibt es und desto größer ist die Nachfrage, desto mehr Menschen wollen ein Auto haben. Jedoch sieht es in der Praxis etwas anders aus.

Die Einstellung zum privaten Kraftfahrzeug ist in Deutschland prinzipiell anders als in Russland. Immer mehr Menschen, besonders in Großstädten, verzichten bewusst auf ein eigenes Auto. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Zum einen sind es die Umweltschutzgründe, die sowohl freiwillig als auch erzwungen akzeptiert werden.  Zum anderen ist es wirklich teuer ein Auto zu halten: Die Ökosteuern beißen. 

Zwar macht das Auto seinen Besitzer mobil, verbindet ihn aber gleichzeitig mit einer Masse von Verpflichtungen: Autoversicherung, Parken, Steuern, Gebühren, teurer Sprit... Genau diese Argumente halten viele junge und nicht arme Menschen vom Kauf eines Autos zurück. Und wenn man in einer Großstadt lebt, dann stehen immer sehr gute öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung, notfalls auch ein Taxi.

Das wichtigste Argument gegen den Besitz eines eigenen Autos besteht für viele Deutsche darin, dass es eine Menge von Möglichkeiten gibt, ein Auto zu fahren, ohne es zu kaufen. Das Carsharing wird immer verbreiteter: Mehrere Personen oder Familien kaufen zusammen einen Wagen und benutzen ihn gemeinsam. Alle Kosten werden dabei untereinander aufgeteilt.

Große Autokonzerne setzen dieses Konzept folgendermaßen um: Sie bieten die Möglichkeit ein Auto für eine Stunde oder noch weniger zu mieten. Dabei kann der Automieter den Ort und die Zeit selbst bestimmen. Ist denn diese Möglichkeit, jederzeit ein Auto für einen mäßigen Preis zu mieten, kein gewichtiges Argument, um auf den Stress mit Steuern und Versicherungen zu verzichten?

Geschlechterfrage?


Keines von diesen Argumenten funktioniert in Russland. Umweltschutz interessiert hier fast niemanden. Der Verzicht auf das Auto zugunsten des Umweltschutzes wird in Russland im besten Fall als Eigensinn

wahrgenommen, im schlimmsten Fall als Versuch den Geldmangel zu überspielen. Ein Auto in Moskau sowie in anderen Großstädten Russlands ist genauso eine Notwendigkeit, wie in einer deutschen Provinz: Der öffentliche Verkehr ist schlecht, nicht zuverlässig oder existiert gar nicht. Aus diesem Grund ist das Auto im Alltag unumgänglich. "Was ist schon dabei, dass man mit seinem Auto in Moskau täglich drei Stunden lang im Stau stehen muss? Busse stehen im selben Stau. Dafür kann man im Auto Klimaanlage und Musik anschalten, das ist mein privater Raum", sagt ein Moskauer, der seit kurzem ein stolzer Autobesitzer ist. Eine Aussage, die sich kaum abstreiten lässt.

Nichtsdestotrotz bleibt das Auto in Russland nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern auch ein wichtiges Statussymbol. Typische junge Frau aus Moskau ist überzeugt, dass ein Mann unbedingt einen Wagen besitzen sollte. Auch wenn eine junge Frau selbst weder ein Auto noch einen Führerschein hat, sind die Chancen eines jungen Mannes, eine Partnerin zu finden, ohne ein eigenes "Eisenpferd" nicht besonders groß. 

Auf die Frage, ob es etwas Gemeinsames in der Einstellung zum Auto in Russland und Deutschland gibt, kann man mit Sicherheit sagen, dass es

überall eine besondere Kategorie von Autofahrern gibt. Es handelt sich um eine dünne Schicht von fanatischen Autofahrern, die ihr Auto zum Fetisch gemacht haben. Dabei nehmen sie keine Rücksicht darauf, ob das Auto praktisch und für das andere Geschlecht attraktiv ist. Sie sind bestimmt mal solchen Leuten begegnet: 100 Fotos auf Facebook im Album „Mein Eisenross", ständige Gespräche über das Auto mit einem Hauchen in der Stimme und blitzenden Augen, ausgezeichnete Kenntnisse über das Tunen und über Orte, wo es das beste Benzin der Stadt gibt. Dieses fast intime Verhalten zum eigenen Wagen trifft man überall.

Gleichzeitig stößt es russische und deutsche Frauen ab, denn im „Rundum-Paket", mit dem ein Mann seine Frau versorgen soll, muss auch Liebe drin sein. Die Liebe zur Frau und nicht zum Auto.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei To4ka-Treff.

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