Amüsantes aus Russland: die Komödie Kokoko

Aus Russland kamen in den letzten Jahren eher ernstere Filme. Umso mehr erstaunt und erfreut die Komödie „Kokoko“ von Produzent Sergej Seljanow und Regisseurin Awdotija Smirnowa. Ein Film über die Freundschaft zweier Frauen, die nicht unterschiedlicher sein können – und nun auf dem Cottbusser Filmfestival zu sehen.

Lisa (Anna Michalkowa) ist Museums-Ethnologin in St. Petersburg, Ende Dreißig, gebildet, übergewichtig, gutmütig, idealistisch und etwas lebensfremd. Sie trifft ihren Ex-Mann ab und zu noch, der ihr aus Loyalität aus der einen oder anderen Patsche hilft, und sie schläft gelegentlich mit ihm. Lisa "adoptiert" die deutlich direktere Vika (Jana Trojanowa) aus Jekaterinburg, als diese sich im Zug Portemonnaie und Papiere stehlen lässt. Vika ist schlank, modeversessen, gut aussehend, etwas vulgär, und ihr Kunstgeschmack ist kitschig. Sie zieht bei Lisa ein, "bis sie was Eigenes hat".

Ähnlich wie bei "Kokowääh" versteht man den Titel von Awdotja Smirnowas Film erst auf halber Strecke: als Lisa ihrer neue Mitbewohnerin Vika einen Job im Museum für Ethnologie verschaffen will, geht sie mit ihr die Kunstgeschichte durch, damit sie die richtigen Begriffe lernt und nicht als Provinzmädchen durchfällt: Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Romantik. Beim Wiederholen scheitert Vika: "Kokoko?"

Porträt zweier Lebensweisen im heutigen Russland

Das ist der Rahmen für die Freundschaftsgeschichte dieser sehr unterschiedlichen Frauen, die viel Raum für komische Momente liefert. Dabei ist es leicht zu übersehen, dass hinter den Missverständnissen und Kabbeleien auch ein präzise gezeichnetes, aber liebevolles Porträt zweier Lebensweisen im Russland von heute erkennbar ist.

Weder die Nachkommen der Intelligenzija der Sowjetunion noch die Frauen aus den vergleichsweise "provinziellen" Städten haben materiell das große Los gezogen. Für Vika ist Petersburg ein Abenteuerspielplatz, sie denkt über die Konsequenzen nächtlicher Streifzüge nicht lange nach. Aus einer „Begegnung“ mit einem Priester hat sie zu Hause noch eine Tochter als lebende Erinnerung. Lisa wirkt, als sei sie seit 20 Jahren nicht mehr ausgegangen. Ihre Zeit verbringt sie aus Gewohnheit im Museumskreis und engagiert sich ein bisschen bei den Politikprotesten ihres Kollegen Mitja.

Sowohl Stadtmaus wie Landmaus haben das Herz am richtigen Fleck. Der richtige Fleck sitzt allerdings bei beiden an unterschiedlichen Stellen. Vika hat es gelernt, sauber zu machen, und ihr freiwilliger Einsatz und ihre liebevoll-ungeschickte Art machen es (teilweise) wett, dass einer Putzaktion in Lisas staubigem Haushalt eine kostbare Radierung zum Opfer fällt. Auch wenn die kulturellen Unterschiede immer deutlicher werden, sind beide um die Freundschaft bemüht. Und so endet die Geschichte eigentlich so, wie sie angefangen hatte.

Der Film erzählt bei aller inneren Ruhe schnell und assoziativ geschnitten. Mir gefiel die sorgfältige Balance zwischen Humor und Drama, die bei aller Leichtigkeit nie in Klamauk umschlägt. Wer nach vielen ernsten Filmen aus Russland eine Komödie kennenlernen will, bei der man weder Kopf noch Herz betäuben muss, hat in Cottbus zwei Mal Gelegenheit dazu.


KOKOKO


84 Minuten. Russland 2012 (Erstaufführung: Juni 2012)
Regie: Awdotja Smirnowa. Produzent: Sergei Seljanow. Produktion: STV.

Aufführungen in Cottbus:


08.11.2012 | 17.00 | Stadthalle Cottbus
09.11.2012 | 12.00 | Weltspiegel Cottbus

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