Sandsturm im Wasserglas

Die ganze Welt klagt über die Amerikanisierung. Unser Kolumnist Der Ulenspiegel ist überzeugt, dass die Menschen in Europa und Asien selbst dazu beitragen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leser, aber ich mag keine Nachrichten mehr über „Sandy" hören. Natürlich ist es schrecklich, wenn die Natur uns Menschen mal wieder zeigt, wer der Herr im Haus ist. Und die Opfer einer Naturkatastrophe sind nicht weniger bemitleidenswert, wenn sie im reichen Amerika ums Leben kommen.

Aber müssen wir wirklich im Minutentakt mit Informationen darüber versorgt werden, wie viel Schaden der Sturm schon angerichtet hat, was amerikanische B-Promis darüber denken und wie sich das Unwetter auf die Halloween-Partys ausgewirkt hat?

Was in Amerika stattfindet, das verfolgt die ganze Welt, egal ob Präsidentenwahl, Hurrikan oder dem neuesten Skandal um Paris Hilton. Und was die Amerikaner feiern, das feiert heute die ganze Welt, siehe

Halloween und Valentinstag. Manche nervt das, andere nehmen es hin, gedankenlos oder begeistert. Dafür die Amerikaner verantwortlich zu machen ist ziemlich ungerecht. Halloween wurde hierzulande durch einen einheimischen Hersteller von Karnevalsklamotten popularisiert. Er suchte nach Wegen, die Verluste, wieder wettzumachen, die seine Branche aufgrund der deutschen Partyabstinenz während des ersten Golfkriegs erleiden musste. Nach dem Motto: „wenn die Amis uns mit ihren Kriegen die Feten vermasseln, dann müssen wir eben ihren Festtagskalender übernehmen". Und auch die Medien in Deutschland und anderswo werden nicht von der CIA gezwungen, jeden Pups aus den USA eilfertig zu vermelden.

Wer über Amerikanisierung klagt, sollte zuerst überlegen, was er selbst dazu beiträgt. Zwar sind die US-Medien, Hollywood und Wallstreet sehr einflussreich, aber wir können immer noch weitgehend selbst entscheiden, was wir zur Kenntnis nehmen und was nicht. Wenn wir freiwillig in jeden Blockbuster und rennen und anschließend ins Fastfood-Restaurant, dann brauchen wir uns nicht über amerikanischen Kulturimperialismus zu beschweren.

Es gibt doch genügend andere Angebote, „Russland Heute" präsentiert nur eines davon. Wer mag, kann sich ja auch für Japan, Frankreich oder das alte Rom begeistern. Oder auch als Lokalpatriot die Erzeugnisse der ländlichen Küche mit Zutaten aus der Region genießen und Heimatkrimis lesen. Die Amerikaner werden es uns nicht verbieten.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland