Coworking: Ein Trend erreicht Russland

Heute bieten die Moskauer Gemeinschaftsbüros komplett eingerichtete Arbeitsplätze, die für Tage, Wochen, Monate oder Jahre gemietet werden können. Auf dem Bild: Das Coworking-Space "Cabinet Lounge".  Foto: Pressebild.

Heute bieten die Moskauer Gemeinschaftsbüros komplett eingerichtete Arbeitsplätze, die für Tage, Wochen, Monate oder Jahre gemietet werden können. Auf dem Bild: Das Coworking-Space "Cabinet Lounge". Foto: Pressebild.

Coworking ist in Städten wie Berlin und Hamburg längst weit verbreitet. Immer mehr Menschen, vor allem Selbstständige, nutzen diese neue Form des Arbeitens. Auch in Russland liegen die Gemeinschaftsbüros im Trend. Russland HEUTE stellt die interessantesten russischen Coworking-Spaces vor.

Als Partner der Firma des britischen Architekten Norman Foster arbeitete Anton Chmelnitski in London und reiste häufig nach Moskau. Da er nicht ganztägig Bedarf an einem Büro hatte, traf er einen Kunden nach dem anderen in Restaurants und Empfangshallen von Hotels. „Das war ich irgendwann wirklich leid", sagt Chmelnitski. „Je mehr Treffen du hast, desto unangenehmer ist es, sich an öffentlichen Orten zu verabreden."

Deshalb beschloss Chmelnitski, die „Cabinet Lounge" zu gründen. Für einen Mitgliedsbeitrag können Besucher dort Treffen veranstalten, das Internet nutzen, Präsentationen halten oder einfach nur einen Kaffee trinken. „Es geht weniger darum, einen Schreibtisch und einen Bürorechner zu haben, sondern eher, andere Menschen zu treffen", erklärt er.

„Cabinet Lounge" gehört zur neuen Welle von Moskauer Unternehmen, die sich dem Coworking widmen. Seit solche Einrichtungen vor einigen Jahren im Silicon Valley entstanden sind, bezieht sich dieser Ausdruck auf einen gemeinschaftlich genutzten, öffentlichen Arbeitsplatz. Im Gegensatz zu den Cafés, die Selbständige häufig aufgesucht haben, ist ein solcher „Coworking Space" ein selbst gewählter Unternehmenssitz.

Büro- und Konferenzräume für Tage, Monate oder Jahre


In Moskau hat dieser Trend im vergangenen Jahr einen neuen Höhepunkt erreicht. Heute bieten Gemeinschaftsbüros komplett

eingerichtete Arbeitsplätze, die für Tage, Wochen, Monate oder Jahre gemietet werden können. Die Besucher des Coworking Space der „Flacon Design Factory" sind hauptsächlich Computerprogrammierer und Designer. Sie bezahlen tageweise für Arbeitsplätze und Konferenzräume, in der Regel für einen Zeitraum zwischen fünf Tagen und einem Jahr oder mehr. „Es soll eine Art Ameisenhügel geschaffen werden", erklärte der Koordinator Alexej Balalykin. „Jeder arbeitet für sich, doch davon profitieren auch seine Nachbarn."

„To-Do-Club", ein kleines Büro in der ehemaligen Fabrik Krasni Oktjabr, bietet ausschließlich Konferenzräume und ist für Menschen gedacht, die anderswo in dem Gebäude über voll ausgestattete Büros verfügen. „Die Leute können sich hier sehr bequem treffen", meint die Managerin Anna Anstal. „Doch leider ist es nicht immer möglich, den ganzen Tag hier mit einem Computer zu sitzen und zu arbeiten."

Am exklusiven Ende des Spektrums ist die „Cabinet Lounge" positioniert, die sich in einem schicken Gebäude am Nowaja Ploschchad befindet. Im Eingangsbereich liegen glänzende Holzfußböden, die Decken sind hoch, und die Wände mit riesigen Leinwandgemälden behängt, die als Leihgaben aus der Galerie Regina stammen. Die preiswerteste Mitgliedschaft ist eine Clubkarte, die eine Basisnutzung erlaubt und rund 2000 Euro kostet. Ein unbegrenzter Zugang, der auch das Recht umfasst, einen Konferenzraum zu reservieren und die Drucker zu benutzen, ist für ungefähr 3100 Euro zu haben.

Wichtig ist vor allem die Atmosphäre


Etwa 100 Mitglieder konnte die „Cabinet Lounge" seit ihrer Eröffnung im vergangenen Dezember gewinnen. Viele Kunden sind Personalreferenten und Kleinunternehmer, doch es gibt auch Banker, Anwälte, Designer und Architekten, die in Moskau oder anderen Städten ansässig sind. Gründer Chmelnitski führt aktuell Gespräche, um weitere Stützpunkte in Moskau und Sankt Petersburg zu eröffnen.

„Hier gibt es alles, was wichtig ist: Internet, die erforderliche Ausstattung, Konferenzräume", sagt Kasbek Borlakow, der Leiter eines Rechtsberatungs-Unternehmens. Borlakow trägt einen Anzug ohne Krawatte und spricht im Flüsterton. Obwohl er ein Büro im selben Gebäude gemietet hat, verbringt er viel Zeit in der „Cabinet Lounge". „Am wichtigsten ist die Atmosphäre", erklärt er. „Das hat eine sehr positive Auswirkung auf Treffen mit Kunden und Partnern."

Eine jüngere, künstlerischer ausgerichtete Menge trifft sich in der

Rabotschaja Stantsija („Arbeitsplatz"), einem neuen Coworking Space am Hintereingang vom Neskutschni Sad. „Man kann sich entspannen, Playstation spielen, fernsehen, Freunde treffen und auch ein wenig arbeiten", meint der Wirtschaftswissenschaftler Juri Krylow. Die Stimmung hier erinnert eher an eine Universitätsbibliothek als an Firmenschick. Lange, helle Hartholztische stehen voller Lampen, MacBooks und bunten Kaffeetassen. Von den rund 15 Gästen, die bei einem Besuch dort kürzlich anwesend waren, trugen mindestens drei Holzfällerhemden.

Kein Internetcafé


Rabotschaja Stantsija bietet vier verschiedene Nutzungsmöglichkeiten, die alle Zugriff auf die gemeinsamen Räumlichkeiten, Getränke und einen Drucker erlauben. Die günstigste Option („Hipster") kostet 12 Euro für einen Tagesaufenthalt, während für 90 Euro pro Woche („Freelancer") ein persönliches Fach und ein fester Arbeitsplatz zur Verfügung stehen. Besucher können ihre Kinder bei einem Café und Kinderzentrum nebenan abgeben.

„Als wir anfingen, hatten die Leute keine Vorstellung davon, was Coworking ist", erzählt der Mitbegründer und Architekt Michail Komarow. „Die Menschen dachten, wir seien ein Internet-Café." Jetzt, nach nur sechs Wochen, bereiten Krylow und Komarow sich bereits darauf vor, weitere Standorte zu eröffnen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Gemeinschaftsbüros in der Stadt ist die Rabotschaja Stantsija rund um die Uhr geöffnet, sieben Tage die Woche. Der Grafikdesigner Juri Lebedew kommt häufig nachts und an den Wochenenden hierher. „Für Menschen meines Berufsstands kommt die Inspiration nachts, wenn es dunkel ist", erklärt er.

Bis vor kurzem arbeitete Lebedew in einer großen Werbeagentur. Er bevorzugt die Atmosphäre, die beim Coworking entsteht. „Hier stehen die Leute nicht rauchend in der Tür und unterhalten sich über den Chef oder über ihren Unmut", erläutert er. „Hierher kommen die Menschen, um zu arbeiten, gehen schnell zum Mittagessen und arbeiten dann weiter."

Dieses Maß an Konzentration kann für die Besitzer problematisch sein, da sie die Zusammenarbeit fördern wollen. „Es stellt sich heraus, dass das ganz schön schwierig ist", meint Krylow. „Die meisten Menschen kommen her, um Arbeit wegzuschaffen, und wollen keine Kontakte knüpfen." In der Hoffnung, die Vernetzung untereinander zu unterstützen, organisiert die Rabotschaja Stantsija Lesungen und andere gesellschaftliche Ereignisse.

Coworking 2.0


Bislang arbeiten alle Moskauer Coworking Spaces getrennt voneinander. Doch diesen Sommer kündigte das Bürgermeisteramt die Schaffung eines Dachverbands an: „Coworking 2.0". Mit diesem neuen Plan werden staatlich unterstützte und private Gemeinschaftsbüros in der Lage sein, sich in einem einzigen System zusammenzuschließen, so dass die Kunden Zugang zu mehreren Standorten erhalten, aber nur für einen zahlen müssen.

In einer Stadt mit geringer Ausdauer kann die Mobilität, die Coworking ermöglicht, von entscheidender Bedeutung sein. „Ich reise mit einem iPad, und im Grunde benötige ich nichts außer einem Sofa und einem Kaffee", erklärt Chmelnitski. „Nun ja, natürlich brauche ich auch eine gute WLAN-Verbindung."

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Moscow News.

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