Was dem einen sein Rommel…

Geschichte ist keine exakte Wissenschaft, sondern Glaubenssache, meint unser Kolumnist Der Ulenspiegel.

Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der „Wüstenfuchs" ist der Deutschen liebster Weltkriegs-General. Er war erfolgreich, er war ein Soldat der alten Schule, aber er war ein Schwabe und kein preußischer Krautjunker. Und er war, am Ende, auch ein Opfer des Naziregimes. Darum erinnert man sich gerne an ihn und seinen Gentleman-Krieg in Afrika. Man widmet ihm Fernsehfilme, Dokus und Spiegel-Titel. An den Krieg im Osten erinnert man sich weniger gerne, obwohl das Geschehen an der Ostfront eher kriegsentscheidend war, als Rommels Indianerspiele mit den Briten.

Geschichte ist keine objektive und exakte Wissenschaft. Jede Zeit interpretiert die Vergangenheit auf ihre Weise. Das gilt umso mehr für die populäre Geschichtsbetrachtung, wie sie in Medien und Sonntagsreden zum Tragen kommt. Der Wüstenfuchs bedient hierbei zwei sich eigentlich widersprechende Bedürfnisse. Einerseits den Wunsch der Deutschen, auch ein paar militärische Erfolge aufweisen zu können, derer man sich ungestraft rühmen darf. Anderseits die Sehnsucht, zu den Opfern zu gehören und damit nicht zu den Tätern. Die Figur Rommel kommt also der deutschen Befindlichkeit entgegen, ohne dass man zur direkten Manipulation greifen müsste.

Die tragische deutsche Geschichte macht eine solche selektive Deutung besonders attraktiv für die Volksseele. Dabei ist Geschichtsklitterung keineswegs ein deutsches Privileg. Eine 2009 ins Leben gerufene und inzwischen wieder aufgelöste Kommission sollte „Geschichtsfälschungen" verfolgen, die „den Interessen Russlands zuwiderlaufen". Der russische Satiriker Viktor Schenderowitsch fragte rhetorisch, ob es gemäß dieser Aufgabenstellung nicht logischerweise auch Geschichtsfälschungen im Interesse Russlands geben müsse.

Diese Vermutung ist gar nicht so abwegig und gilt nicht nur für Russland. Geschichtsinterpretationen, seien sie falsch oder richtig, nützen immer jemanden und schaden meist auch einem anderen. Und die Frage nach „falsch" oder „richtig" hat oft mehr mit dem jeweiligen Standpunkt in Zeit und Raum zu tun, als mit den historischen Fakten. So meinen Amerikaner und Engländer, den zweiten Weltkrieg ganz alleine gewonnen zu haben. Die Franzosen behaupten, auch zu den Siegern zu gehören. Die Russen glauben, dass die ganze Welt ihnen für den Sieg über Deutschland dankbar ist. Viele Völker Mittel- und Osteuropas hingegen beklagen, dass die Befreiung durch Russland in Wahrheit eine neue Besetzung war. Die Österreicher schließlich wollen der Welt weißmachen, dass sie das erste Opfer der Nazis gewesen seien.

Ein solcher Reichtum an Interpretationen ist nicht auf immer noch virulente Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg beschränkt. Wer hat

Napoleon besiegt? Der Volkszorn, Barclay, der Winter oder Russlands Gott? fragte schon der Dichter Alexander Puschkin. Die Franzosen schieben auch heute noch, wie auch später die Wehrmacht, dem ominösen „General Winter" die Schuld für ihre Niederlage in Russland in die Schuhe. Russische und sowjetische Historiker verherrlichten im Einklang mit Leo Tolstoi den senilen Feldmarschall Michail Kutusow als genialen Regisseur des Sieges, obwohl ihn Puschkin gar nicht vorgeschlagen hatte. Sein Kandidat, General Michael Barclay de Tolly, wurde von der Geschichtsschreibung in Ost und West stiefmütterlich behandelt.

In Russland missachtete man den Protagonisten der Rückzugsstrategie wegen seines „fremdländischen Namens" wie Puschkin klagte. In der angelsächsischen Welt heißen die Überwinder Napoleons Nelson und Wellington, weil Sieger stets englische Namen tragen – den Namen Barclay einmal ausgenommen. Und natürlich bieten auch die Österreicher eine eigene Version und behaupten keck, Erzherzog Karl habe Napoleon in die Knie gezwungen.

Napoleons Russlandfeldzug endete vor 200 Jahren, ziemlich genau in diesen Tagen. Die Frage, ob Europa damals von einem Tyrannen befreit wurde oder die Chance verpasst hat, erheblich früher eine moderne Gesellschaft herauszubilden, ist auch zwei Jahrhunderte später umstritten. Geschichte ist eben keine exakte Wissenschaft, sondern Glaubenssache. Und jeder hat seinen Rommel, auch wenn dieser immer wieder andere Namen trägt.

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