Getrennter Unterricht: Warum Jungen und Mädchen besser getrennt lernen

Getrennt unterrichtete Kinder lernen besser als ihre Altergenosse aus den koedukativen Klassen, meinen die russische Forscher. Grund darür ist die Unterschied in Informationsverarbeitung bei Mädchen und Jungen. Foto: ITAR-TASS.

Getrennt unterrichtete Kinder lernen besser als ihre Altergenosse aus den koedukativen Klassen, meinen die russische Forscher. Grund darür ist die Unterschied in Informationsverarbeitung bei Mädchen und Jungen. Foto: ITAR-TASS.

Alle Eltern wünschen sich für ihre Kinder eine gute Ausbildung. Eine überraschend erfolgreiche Methode ist der getrennte Unterricht von Jungen und Mädchen: Kinder in Schulen nach der Methode Basarnij zeigen bessere Lernerfolge – und sind gesünder.

Die Unterrichtsräume für die ersten Klassenstufen der Moskauer Schule Nr. 760 unterscheiden sich von denen üblicher Schulen. Neben den Schulbänken sind dort Pulte für das Lernen im Stehen angebracht. Alle 15 Minuten wechseln die Kinder ihren Platz. Wer zuvor saß, steht auf – und umgekehrt.

Außerdem stehen während einer Unterrichtsstunde mehrmals leichte Aufwärmübungen und ein spezielles Augentraining auf dem Programm. Die Kinder „fangen" die an verschiedenen Stellen des Klassenzimmers aufscheinenden Lampenlichter. Man könnte meinen, das sei weiter nicht schwer. Das Ergebnis aber ist erstaunlich. Im Moskauer Durchschnitt sind 23% der Schüler kurzsichtig, an der Schule Nr. 760 lediglich 12%.

Abgeschrägte Schulbänke für eine gesunde Haltung im Alter


Ein weiterer „Feind" der Erstklässler sind die Schulbänke, insbesondere solche ohne Abschrägung. Sie zwingen das Kind über lange Zeit in eine angespannte Haltung. Die einfachen und leicht zugänglichen Alternativen gehören zu den Grundlagen des vor 30 Jahren von dem russischen Professor Wladimir Basarnij entwickelten Ansatzes. Basarnij war zu der Erkenntnis gelangt, dass alle Krankheiten eines erwachsenen Menschen sich in den Ansätzen bereits im Schulalter entwickeln. Besonders die ersten Unterrichtsjahre betrachtete er als entscheidend.

Als Hauptursache ist der Stress anzunehmen, dem ein Kind ausgesetzt ist, das in seinem natürlichen Bewegungsdrang behindert wird. Wenn es gezwungen ist, lange Zeit in einer unnatürlichen Haltung an einer unbequemen Schulbank zu sitzen, so tritt der Effekt einer „ungerichteten" Entladung von Nervenenergie ein, eine Art des Ausbrennens mit der Folge ernsthafter Krankheitsrisiken.

Häufig kommt es zu einer Vergrößerung der Schilddrüse, zu Erkrankungen des Herzens und der Wirbelsäule. Eine Änderung der Haltung und zeitweiliges Stehen können solchen Krankheiten vorbeugen.

Jungen und Mädchen getrennt


Eine weitere wichtige Komponente von Basarnijs System ist das getrennte Unterrichten von Jungen und Mädchen in parallelen Klassen, insbesondere in der Grundschule. Während der Pausen können sie frei miteinander umgehen, für die Schulstunden aber gibt es getrennte Unterrichtsräume.

Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland nur Jungen- und Mädchenschulen. Die Bolschewiki jedoch schafften dieses System als „Relikt der Vergangenheit" ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden

zaghafte Versuche unternommen, zum getrennten Unterricht zurückzukehren. Sie waren allerdings nicht von langer Dauer. Heute gilt der nach Geschlechtern getrennte Unterricht als Bestandteil von Elite-Bildungskonzepten. Nicht zufällig wird dieses Prinzip in vielen teuren Privatschulen Großbritanniens, Deutschlands, Japans und der USA befolgt. Dank der Forschungen Basarnijs kehrten einige russische Schulen ebenfalls zu diesem System zurück. Die Ergebnisse sind verblüffend, vor allem in Fällen direkter Vergleichbarkeit, wenn also getrennt unterrichtete und koedukativ geführte Klassen parallel bestehen. Das Gymnasium „Garmonija" in Schelesnogorsk (Gebiet Krasnojarsk) folgt den Prinzipien Basarnijs bereits seit über 20 Jahren.

Während gemischt unterrichtete Klassen während dieser Jahre im Durchschnitt einen einzigen Einser-Schüler aufzuweisen hatten, waren es in den getrennt geführten 25-35%. Aus den koedukativen Klassen wurden 46-52% der Jungen als wehrdiensttauglich anerkannt, in den getrennt unterrichteten fast 100%.

Die Gehirne entwickeln sich bei Mädchen und Jungen unterschiedlich


Wie aber lassen sich diese so deutlich verschiedenen Schulerfolge erklären? Natalja Kuindschi, Doktor der Medizin am Forschungsinstitut für Hygiene und Gesundheitsschutz für Kinder und Heranwachsende der Russischen Akademie der medizinischen Wissenschaften befasst sich seit vielen Jahren mit der Frage des getrennten Unterrichts unter physiologischen Gesichtspunkten. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: Die entscheidende Rolle spielen die Besonderheiten der altersspezifischen Entwicklung des Gehirns von Mädchen und Jungen.

Bei Kindern im Vorschulalter dominiert die rechte Gehirnhälfte. Mit dem

Eintritt in die Schule und in der ersten Zeit des schulischen Unterrichts ändert sich das. Die Entwicklung der Mädchen basiert mehr auf der linken Gehirnhälfte, die der Jungen weiterhin auf der rechten. Bekanntlich ist der rechten Gehirnhälfte die Kreativität zuzuordnen, die Phantasie, während die linke für die Entwicklung des logischen Denkens zuständig ist. Später gleichen sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern wieder einander an. In den frühen Phasen des schulischen Lernens aber sind sie der entscheidende Grund dafür, dass Jungen und Mädchen Informationen unterschiedlich verarbeiten.

Bei den Jungen verläuft die Informationsverarbeitung bildhafter und gefühlsgeleiteter. Es fällt ihnen leichter, Aufsätze zu schreiben. Sie sehen die Rechtschreibefehler nicht, weil sie die Informationen ganzheitlich aufnehmen, nicht in Details. Für sie ist der Sinn wichtiger als eine aufgestellte Regel.

Die Mädchen dagegen merken sich Regeln leichter. Sie schreiben bessere Diktate, sie erkennen falsch geschriebene Wörter, sie arbeiten gut nach Plänen. Mädchen fügen sich mit diesen Voraussetzungen bei weitem besser in das schulische System ein. Sie entsprechen viel mehr den Anforderungen der Lehrer an den Standardschüler, die in erster Linie aus Zuhören und Büffeln bestehen.

Die Jungen können da kaum mit ihren weiblichen Altersgenossen konkurrieren. Es überrascht daher nicht, dass nach den Forschungsergebnissen von Kuindschi in gemischt unterrichten Klassen auf ein Mädchen mit Minderleistungen 5-6 Jungen mit vergleichbar schlechtem schulischen Erfolg kommen, die von den Lehrern schnell als Faulpelze oder Dummköpfe abgestempelt werden. Was aus diesen Schülern tatsächlich im Leben werden könnte, werden sie selbst nie erfahren, umso weniger deren Eltern und Lehrer.

„Jungen mögen keine langen einleitenden Ausführungen, sie wollen sofort anfangen zu zeichnen. Mädchen dagegen muss man die gesamte Prozedur erst erklären", beschreibt Marina Resnikowa, Kunstlehrerin am Moskauer Gymnasium Nr. 1257, in dem bereits seit vielen Jahren getrenntes Unterrichten praktiziert wird, ihre Erfahrungen.

Der Erfolg kann sich sehen lassen


Die Erfolge dieses Ansatzes im Schulunterricht sind sehr überzeugend. In den vergangenen 20 Jahren studierten ausnahmslos alle Schulabgänger des Gymnasiums Nr. 1257 an einer Universität, viele von ihnen an sehr angesehenen Moskauer Hochschulen. Erstaunlicherweise nehmen nach den Ergebnissen medizinischer Forschungen die Kennziffern der physischen Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zum Schuljahresende hin bei getrennt unterrichteten Schülern positivere Werte an. An den koedukativen Regelschulen sind gegenteilige Tendenzen festzustellen.

Heute arbeiten in Russland etwa 2000 Schulen nach der Methode Wladimir Basarnijs. Diese Kapazitäten scheinen jedoch nicht auszureichen. Die Zahl der Bewerber um die Einschulung am Gymnasium Nr. 1257 lag in diesem Jahr bei etwa dem Doppelten der verfügbaren Plätze dieser Schule. Viele Eltern sind bereit, ihre Kinder quer durch Moskau zur Schule zu fahren. Pädagogen berichten, dass Mütter und Väter heutzutage sehr gut informiert sind und wissen, was sie von einer Schule für ihre Kinder erwarten.

Dabei geht es nicht nur um die körperliche Gesundheit, obwohl das zweifelsohne ein wichtiger Aspekt ist. Der getrennte Unterricht öffnet einen individuellen Zugang zum Kind. Somit hat es größere Chancen, sein eigenes kreatives Potential zu entdecken. Und das versteht man schließlich unter Elitebildung.

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