Nicht wirklich orthodox – die Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg

Im Stadtbild von St. Petersburg ragt der 122,5 Meter hohe Kirchturm der Peter-und-Paul-Kathedrale weit empor. Der einzigartige Bau diente als Vorzeigeobjekt eines fortschrittlich denkenden Zaren.

Peter-und-Paul-Kathedrale in

Sankt-Petersburg. 

Foto: Flickr, Dennis Jarvis.

Ursprünglich sollte die Peter-und-Paul-Festung die Stadt vor möglichen Angriffen schwedischer Schiffe schützen. Dementsprechend befahl Peter der Große den Bau einer stattlichen Festungskirche – der Peter-und-Paul-Kathedrale. Er war der Meinung, dass auch eine Kirche anderen Zwecken dienen könnte, und versuchte, sie mit einem Wachturm zu vereinen. Von der Spitze des Glockenturms sollte man Ausschau nach dem Feind halten können. 1712 begann der Architekt Domenico Trezzini den Bau der steinernen Kathedrale. Der Bau dauerte 21 Jahre. Die Wünsche des Zaren und das Weltbild des Architekten sind in der Kathedrale sichtbar vereint.

Innenraum nach katholischem Vorbild

 

„Peter wollte, dass die orthodoxe Kirche einer katholischen ähnelte. Trezzini gelang das. Diese Kathedrale weist im Endeffekt nichts Orthodoxes auf - innen wurde eine Kanzel gebaut, damit von ihr aus die Priester ihre Predigten hielten wie in den katholischen Kirchen", so der Historiker Ilja Werin.

Und tatsächlich ähnelt der Innenraum der Kirche der einer katholischen: Innen besteht der Raum aus drei länglichen Teilen, die zwei Reihen von Kolumnen überqueren. Auch der Altar ist anders. Peter befahl, dass er nichts mit den üblichen Altären gemein haben sollte, die den sakralen Raum vollständig vor den Gläubigen verdeckten. Dieser Altar stellt ein durchbrochenes Netz aus Holz und Stuck dar.

Peter I. verwarf einige Traditionen als Aberglauben und Vorurteile. Als Wahrheit galt das, was deutlich und klar zu denken war oder mathematisch ausgedrückt werden konnte. So entstand auch seine Idee, Gott nicht als Retter, sondern als großen Architekten der Welt zu sehen. Gott habe die Welt so hergestellt wie der Uhrmacher das Uhrwerk. Deshalb galten zu der Zeit nicht Propheten oder Priester, sondern Gelehrte und Handwerker als die echten Bewahrer der Aufklärung.

Die Geschichte vom fleißigen Bauern

 

Ein gutes Beispiel dafür ist der Bauer Pjotr Teluschkin. Im Herbst 1830

beschädigte der Wind das an der Turmspitze vorhandene Kreuz schwer. Die Stadt verfügte nicht über die nötigen Mittel für die Reparatur. Der junge Bauer Teluschkin war bereit den Schaden ohne Baugerüst zu beseitigen und bat nur um 1471 Rubel für das Reparaturmaterial. Sein Vorschlag wurde akzeptiert. Die Reparatur dauerte sechs Wochen. In dieser Zeit kletterte Teleschkin jeden Tag hinauf und arbeitete am Kreuz. Oft sahen Leute ihm bei der Arbeit zu. Für seine Arbeit bekam Pjotr fünftausend Rubel. Nachdem in der Zeitschrift „Vaterlandsohn" ein Artikel über ihn erschien, sprach ganz Russland von ihm. Im Volk nannte man ihn Himmelsdachdecker. Nikolaus I. zeichnete ihn mit der Medaille „für den Fleiß" aus.

110 Jahre später überprüften Hochbaumonteure die Dachspitze und fanden am Eichenrahmen eine Farbmalerei von Teluschkin.

So hat die Kathedrale auf der Peter-und-Paul-Festung einiges erlebt. Die Lage der Festung auf der Haseninsel war aber für militärische Angriffe so ungünstig, dass der Glockenturm der Kirche – abgesehen vom Zweiten Weltkrieg – kein einziges Mal zum Ausschauen nach Feinden benutzt wurde.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Stimme Russlands. 

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