Von einem, der auszog, um leben zu lernen

Downshifting auf sibirische Art: Ehemaliger Moskauer Headhunter Sergej Jeremejew lebt jetzt in einer Holzhütte auf der Baikal-Insel Olchon und arbeitet als Aufseher einer Kirche. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Downshifting auf sibirische Art: Ehemaliger Moskauer Headhunter Sergej Jeremejew lebt jetzt in einer Holzhütte auf der Baikal-Insel Olchon und arbeitet als Aufseher einer Kirche. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Der ehemalige Moskauer Sergej Jeremejew lebt bereits das siebte Jahr auf der Baikal-Insel Olchon. In den 1990er Jahren arbeitete er bei einem großen internationalen Unternehmen, trug eine Gaspistole in der Jackentasche und spielte im Kasino. Heute ist Jeremejew einfacher Aufseher einer Kirche und wohnt mit seiner Familie in einer kleinen Holzhütte neben dem Gotteshaus.

Sergej Jeremejew steht um sechs Uhr morgens auf. Danach geht er zur Kirche hinüber, schließt auf und wartet, wie viele Gläubige zum Beten kommen. Es gibt nur eine einzige Kirche auf der Insel Olchon, und gäbe es nicht Sergej, dann stünde sie wohl die ganze Zeit verschlossen und leer da. Er war es, der einen Zaun um das Gotteshaus baute, Glocken auftrieb und mithalf, einen Glockenturm zu errichten.

Der Mittdreißiger hat mehrere Hochschulabschlüsse, einen davon erwarb er an der Pariser Sorbonne. Jeremejew spricht fließend Englisch und Französisch, versteht Neugriechisch. In seinem früheren Moskauer Leben rekrutierte er als Headhunter Führungspersonal für Unternehmen.

„Das hatte ich irgendwann satt", sagt Jeremejew und trinkt einen Schluck Kuhmilch aus einem Krug. An den Wänden des winzigen Zimmers in seinem Haus, in dem wir sitzen, hängen Ikonen. „Ich bin dann zum Studium nach Paris gefahren, habe angefangen, viel zu reisen. Mein Interesse galt hauptsächlich russisch-orthodoxen Klöstern."

„Warum denn ausgerechnet Klöstern?", frage ich verwundert. Sergej Jeremejew fällt es schwer, mir das zu erklären. Er überlegt lange, sucht nach Worten. „Vielleicht, weil man sich erst im Ausland ernsthaft für die Geschichte und Kultur des eigenen Landes zu interessieren beginnt?", sinniert er.

Reiseziel: der heilige Berg Athos


In den Semesterferien packte Sergej seinen Rucksack, stellte sich an den Straßenrand und hielt den Daumen hoch. „Wohin willst du denn?", wurde er gefragt, wenn ein Auto hielt. Worauf er ehrlich antwortete: „Zum Heiligen Berg Athos." Aufgebrochen mit fünfhundert Francs, hatte er am Ende der Reise tausend Francs in der Tasche, denn die Autofahrer, die ihn als Anhalter mitnahmen, gaben ihm nicht nur Essen und Medikamente, sondern auch Geld.

„Wie soll ich erklären, was ich in Athos gemacht habe?", fragt Sergej lächelnd. „Athos, das ist ein Ort, wo man über Vieles schweigen sollte." Acht Stunden Beten, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung, so sah der Tagesablauf auf dem Heiligen Berg aus. Allmählich veränderten sich Sergej Jeremejews Interessen. Er verschwendete kein Geld mehr, spielte nicht mehr im Kasino und mied den Kontakt zu vielen ehemaligen Freunden. „Mir scheint, ich habe damals sogar anders zu atmen begonnen", schildert er.

Ein Mönch schlug ihm vor, für immer auf dem Heiligen Berg zu bleiben. Doch Sergej lehnte ab, weil er, wie er erklärt, dazu noch nicht bereit war. Vielmehr kehrte er nach Moskau zurück, konnte sich aber nicht wieder mit dem dortigen Leben anfreunden. Er wollte fort aus der Hauptstadt. „Was hat Ihnen denn daran missfallen?", hake ich nach. „Die Großstadthektik und der Kampf um einen Platz an der Sonne. Das hat alles andere überschattet."

Das Hostel „Philoxenia"


Sergej Jeremejews Frau Nastja sehe ich zum ersten Mal auf der Straße vor der Kirche. Sie spricht gerade mit einem holländischen Touristen. „Also nein, bist du hier wirklich glücklich? Ein halbes Jahr könnte man es ja vielleicht noch aushalten – allerhöchstens. Aber für immer?!", meint der Tourist.

Nastja lächelt. Weder die Eltern, noch die Freunde haben ihre

Entscheidung verstanden, was will sie da von einem fremden Touristen erwarten? Nastja hat ebenfalls in Paris studiert und stets von einer Karriere im Westen geträumt. Als ihr Sergej vorschlug, Moskau zu verlassen und nach Olchon zu ziehen, musste sie die Insel lange auf der Karte suchen. Als sie das Eiland endlich gefunden hatte, weigerte sie sich entschieden, denn damals gab es auf der einzigen bewohnten Baikal-Insel nicht einmal elektrischen Strom. Aber Sergej blieb hartnäckig. Er wollte unbedingt fort aus Moskau, wohin, spielte keine Rolle. Auf Olchon war er bereits gewesen und es hatte ihm dort gefallen. „Olchon hat etwas mit Athos gemein", sagt er gern.

„Wer geht schon freiwillig nach Sibirien?", scherzt Nastja heute, wenn sie daran zurückdenkt, welche Empfindungen Sergejs Vorschlag damals in ihr auslöste. „Ich habe immer gedacht, dass die Leute von dort fliehen."

Aber Sergej ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Also packte Nastja einen Koffer und folgte ihrem Mann in das gottverlassene Dörfchen Chushir. Ihre Eltern nannten sie deshalb – in Anlehnung an die tapferen Ehefrauen der Dekabristen, die freiwillig zu ihren Ehemännern in die sibirische Verbannung zogen – „unsere Dekabristin". Nastja wurde schnell heimisch am neuen Wohnort. Sie lernte, wie man eine Ziege melkt, Gurken und Tomaten zieht, brachte zwei Kinder zur Welt und fing sogar an, im Kirchenchor zu singen.

„Woran ich hier Gefallen gefunden habe?", wiederholt Nastja meine Frage. „Daran, barfuß durch das Gras zu laufen, oder daran, dass man überall zu Fuß hinkommt und jeden Tag Meeresluft atmet. Und dann hat mir noch der Gedanke gefallen, dass ich nicht viele, viele Jahre lang für eine Wohnung in Moskau sparen muss."

Um etwas mehr Abwechslung in ihr Leben zu bringen, aber auch einfach, um Inselbesuchern den Aufenthalt zu erleichtern, haben Nastja und

Hostel "Philoxenia"

Russland, 666137 Gebiet Irkutsk; Kreis Olchon, Dorf Chushir, pereulok Gorny-1A, Gemeinde der Kirche „Deshawny"

Sergej das Hostel „Philoxenia" (abgeleitet vom griechischen Wort für Gastfreundschaft) eröffnet. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe der Kirche, direkt gegenüber ihrem eigenen Holzhaus. Das ganze Jahr über finden Gäste aus aller Welt hier eine absolut kostenlose Unterkunft. Manche Touristen kommen inzwischen ganz gezielt, um diese „kauzigen Russen" kennen zu lernen. Das Obergeschoss des Hostels belegen gerade zwei Franzosen, die von Paris bis nach Moskau geradelt sind. Um sich für das kostenfreie Logis zu bedanken, streichen sie den Kirchenzaun. Ein Israeli repariert etwas in Sergejs Holzhäuschen, eine junge Petersburgerin ist auf eine Leiter gestiegen und säubert die Glocken.

Ich fasse mir ein Herz und frage Sergej, wovon er lebt. Schließlich muss er seine Familie von irgendetwas ernähren, das Hostel bringt ja nichts ein. Sergej hat gerade Wasser aus Fässern in Eimer gefüllt und trägt sie in ein Gewächshaus. Er antwortet mir im Gehen.

„Als Aufseher darf ich die Spenden, die die Besucher in der Kirche lassen, für mich nehmen. Das ist der Lohn für meine tagtägliche Arbeit. Manchmal verdiene ich noch etwas als Touristenführer dazu. Außerdem gibt es sehr viele gute Menschen, die uns helfen. Beispielsweise waren vor kurzem Deutsche hier. Ich habe ihnen von der Kirche erzählt, eine Führung gemacht. Und sie haben in der Stadt, aus der sie kamen, achthundert Euro für mich gesammelt und hierher geschickt. Wissen Sie, wie lange man in Chushir davon leben kann? Sehr lange!"

Über dem Dorf tönen Glocken. Sergej setzt die Eimer ab und eilt zum Glockenturm. Dort spielen sein Sohn und seine Tochter ihr Lieblingsspiel – wer am lautesten gegen die Glocken schlägt. Der etwas disharmonische Klang stört hier niemanden. Auf Olchon nehmen überhaupt alle alles ruhig.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland