Zurück zur Natur – in der Großstadt

Manche Menschen in Moskau versuchen ein umweltfreundlicheres Leben zu führen. Die Mehrheit der Großstadtbewohner halten doch die Umweltprobleme für unwichtig. Foto: PhotoXPress.

Manche Menschen in Moskau versuchen ein umweltfreundlicheres Leben zu führen. Die Mehrheit der Großstadtbewohner halten doch die Umweltprobleme für unwichtig. Foto: PhotoXPress.

Immer mehr Einwohner Moskaus entscheiden sich dazu, statt Raumsprays zu versprühen, Räucherstäbchen anzuzünden, Kompostbehälter statt Abfalleimer zu verwenden und von Plastiktragtaschen abzusehen – somit, ein umweltfreundlicheres Leben zu führen. Doch was genau heißt das? Ist das ein Kriterium, um im Betondschungel zu überleben, oder ein neuer Trend?

Der moderne Großstadteinwohner hat ständig Asphalt unter den Füßen und muss permanent emporragende Gebilde aus Glas und Beton erblicken. Er atmet ununterbrochen Gascocktails bestehend aus allen der Wissenschaft bekannten chemischen Elementen ein und wenn er am Wochenende hinaus in die Natur fährt, dann steckt er stundenlang im Stau und muss sich die von Jahr zu Jahr wachsenden Müllberge entlang der Straßen ansehen.

Manchmal denkt er sich, dass das Umweltbewusstsein gehoben werden müsste, doch für gewöhnlich bleibt dies nur ein nicht Wirklichkeit werdender Wunsch. Unter diesen Menschen gibt jedoch Leute, die sich gerade diesen Wunsch zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Lebens gemacht haben.

Umweltbewusstsein im Transport- und Bauwesen


Aljona und Denis sind etwas mehr als ein Jahr verheiratet und führen ein umweltbewusstes Leben. Sie arbeiten beide für eine Sicherheitsfirma, die zirka 40 Autominuten von ihrer Wohnung entfernt liegt. Doch die meiste Zeit über fahren die beiden mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie rechtfertigen ihr für Moskau unkonventionelles Transportmittel und vergessen die mit ihm verbundenen Strapazen dadurch, dass im Endeffekt ihren Mitbürgern das Atmen etwas leichter fallen wird.

Vor kurzem haben Aljona und Denis ihre Wohnung renoviert. „Das wichtigste Kriterium dabei war die Umweltfreundlichkeit", erzählt uns Denis. „So sind unsere Fenster aus Holz, der Fußboden aus Lärchenholz, die Tapeten aus Papier, der Putz aus Gips, die Fließen aus Keramik ... Klar waren diese Materialien um ein Viertel teurer als Kunststoffe oder Holzspanplatten, doch wir wissen, warum wir das taten", erklärt er. „Unsere Freunde denken, wir wüssten nicht wohin mit unserem Geld", beklagt sich Aljona. „Doch uns war es wichtig, umweltfreundlich zu leben und der Natur nahe zu sein", erklärt sie.

Das junge Ehepaar versucht auch Aufklärungsarbeit zu leisten, indem es Plakate in den Fahrstühlen ihres Wohnhauses aufhängt und ihre Nachbarn einlädt, um ihnen etwas über den bewussten Umgang mit der Ökologie ihres Hauses und der Umwelt an sich zu erzählen. Bis jetzt haben sie nicht viele Anhänger gewonnen: lediglich zwei von insgesamt 250 Bewohnern ihres Hauses sind an dieser Art zu leben interessiert. Doch sie geben nicht auf: „Wir glauben, mit der Zeit mehr Anhänger gewinnen zu können."

Ein umweltfreundlicherer Alltag hilft gegen Allergien


Swetlana ist 25 Jahre alt und hat zwei Kinder – die dreijährige Warwara und den einjährigen Dima, die nie Pampers anhatten. „Stell dir den Berg voller nicht biologisch abbaubarem Müll vor, der innerhalb eines bis anderthalb Jahren durch Babywindeln entsteht. Das ist so umweltschädlich!", erzählt Swetlana aufgewühlt während sie mit den anderen Müttern spazieren geht. Sie wäscht die Baumwollwindeln ihrer Kinder mit den Früchten des Waschnussbaums, die alternativ zum Waschpulver bei Hand- und Maschinenwäsche verwendet werden können. Die umweltfreundlichen Textilien und Reinigungsmittel helfen nämlich gegen Allergien, die Kinder entwickeln können.

„Was die Allergien betrifft, so ist die Lage kritisch! Man braucht nur an die vielen Kinder zu denken, die an Dermatitis und Diathese leiden", seufzt

die junge Mutter, „Dabei würden uns umweltfreundliche Stoffe helfen, gegen diese schrecklichen Leiden vorzubeugen". Sie benützt beispielsweise phosphatfreies Spülmittel. Dieses ist für Kinder ungefährlich, natürlich abbaubar und verpesten das Wasser nicht. Um zu putzen, verwendet die junge Mutter Mikrofasertücher und keine Chemikalien. Der einzige Nachteil von umweltfreundlichen Verbrauchsgegenständen ist jedoch ihr im Vergleich zu anderen Artikeln relativ hoher Preis. „Ich bin nicht berufstätig", erzählt Swetlana enttäuscht. „Die Hälfte der Beihilfen gebe ich für umweltfreundliche Artikel aus, doch das ist es mir und meinen Kindern wert."

Umweltfreundlichkeit – ein Modetrend


Die „grüne Art" zu leben – das heißt, dass Menschen ihren Müll sortieren, das Verwenden von Polyethylentaschen einschränken oder diese gegen die guten alten Einkaufsnetze und Leinentaschen eintauschen und Gemüse auf ihren Fensterbänken anpflanzen – ist vorwiegend eine westliche Erscheinung. Diese Tendenz gibt es seit kurzem aber auch in russischen Großstädten. So hat der Soziologe Aleksej Maksimow in einer selbst durchgeführten Studie herausgefunden, dass es heutzutage in Moskau um die zwölf nicht registrierte Öko-Kommunen gibt. Die genaue Anzahl an Personen zu ermitteln, die umweltfreundlich leben, ist jedoch bis dato nicht gelungen.

„In den russischen Großstädten leben vorwiegend jene Menschen umweltfreundlich, die zwischen 20 und 35 Jahre alt sind. Sie sind meist dazu bereit, 60 bis 70% ihres Einkommens für umweltfreundliche Artikel auszugeben", meint Aleksej. Der Soziologe fügt noch hinzu, dass ein Indikator für diese Tendenz auch das Angebot in den Geschäften sei: In Moskau haben Modehäuser wie H&M, Marks&Spencer u.a. damit begonnen, umweltfreundliche Kleidung anzubieten.

Doch laut den Ergebnissen des jährliche von der japanischen Agentur Mori durchführten Ratings belegt Moskau unter 35 internationalen Großstädten den letzten Platz, wenn es um umweltfreundliches Großstadtleben geht. Experten meinen auch, dass die negativen Umweltbedingungen Asthma und Allergien bei Menschen hervorrufen können. Vorbeugende Maßnahmen dagegen sind beispielsweise der Verzehr von Bio-Produkten oder das Verwenden von umweltfreundlichen Waren im Haushalt. Dadurch, so Experten, wird das Risiko krank zu werden, um 12% verringert.

Die Einwohner der Großstädte haben bereits begonnen, über die Umwelt nachzudenken: Einer ist dazu bereit, den Löwenanteil seines Einkommens dafür zu opfern, und ein anderer, sein Leben grundlegend zu verändern. So haben Aljona und Denis bereits ihre ersten Anhänger gewonnen und Swetlana teilt begeistert in Foren ihr Wissen mit anderen Müttern aus verschiedenen Städten. Sie bekräftigt auch, dass ihre Erfahrungen bereits zu Städten wie Krasnojarsk, Tscheljabinsk und Perm vorgedrungen sind und dort angewendet werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei To4ka-Treff.

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