Architektur in Russland: Das Wort „Budget“ ist tabu

Der Architekt Anton Mossin: Russische Auftraggeber verlasen mehr auf die Intuition als auf die Logik. Foto: Mark Bojarski.

Der Architekt Anton Mossin: Russische Auftraggeber verlasen mehr auf die Intuition als auf die Logik. Foto: Mark Bojarski.

Der Architekt Anton Mossin spricht über den Nonkonformismus im Moskauer Architekturinstitut der 1980er Jahre, seine Tätigkeit als Architekt in Deutschland, postsowjetische Auftraggeber, die russische Unbestimmtheit sowie die Vorliebe der Russen für Schlupflöcher und Vetternwirtschaft.

Über das Moskauer Architekturinstitut MARCHI


Ich hatte niemals Zweifel, dass ich Architekt werden würde. Zum einen, weil meine Mutter Architektin war. Zum anderen, weil ich als Kind so gern mit Baukästen gespielt habe, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte,

Anton Mossin:


Alter: 47 Jahre

Tätigkeit: seit 2008 Leiter des Architekturbüros Mossin & Partner

Mitgliedschaften und Auszeichnungen: Mitglied des Berliner Architektenverbandes; Mitglied des Architektenverbandes Moskau; Wettbewerbssieger des XI. und XIII. Moscow International Festival of Architecture and Interior Design „Under the Roof of Home“; Gewinner des russischen Architekturpreises 2009

diese höchst interessante Beschäftigung jemals aufzugeben. Die Architektur ist für mich in gewissem Sinne die Fortsetzung des Baukastenspiels. 1982 bin ich zum Studium am Moskauer Architekturinstitut MARCHI angenommen worden. In vergleichsweise jungem Alter, muss man sagen, mit nicht einmal 18 Jahren. Das MARCHI war damals ein völlig anderes. Was in erster Linie natürlich auf die Besonderheit jener Zeit zurückging: Die UdSSR befand sich im Niedergang, aber die Perestroika hatte noch nicht begonnen. Das MARCHI schien quasi in einer parallelen Realität zu existieren, war ein Hort des Freidenkertums. In den Mauern des Instituts konnte man sich erlauben, was anderenorts einfach unmöglich gewesen wäre. Und es galt als furchtbar en vogue, dort zu studieren, obwohl einem das Diplom dieses Instituts keine besonderen Privilegien verschaffte. Architekten entwarfen damals hauptsächlich Typenprojekte, was ein langweiliger, undankbarer Broterwerb war. Die jungen Leute drängten nicht um der Karriere willen an das MARCHI, sondern wegen des dortigen Szenemilieus. Das Institut hatte etwas Hippiehaftes, Nonkonformistisches, beinahe Unsowjetisches.

Über die Arbeit in Berlin


Sofort nach dem Abschluss des Studiums bin ich in die Bundesrepublik Deutschland gegangen. Dort habe ich meine ersten Erfahrungen mit ernsthaften Projekten gesammelt, obwohl ich eigentlich auch schon während der Studentenjahre in der UdSSR einiges geleistet hatte. Aber der Aufenthalt im Ausland ließ all diese Details in meinem Gedächtnis verblassen. Immerhin habe ich dreizehn Jahre lang russischen Boden nicht mehr betreten.

In Westdeutschland bin ich zufällig gelandet, durch den Architekten Oskar Mamlejew. Ich konnte neben Englisch ganz gut Deutsch, und Oskar hatte mich eingeladen zur European Architecture Students Assembly, einem Forum für Architekturstudenten aus über 40 europäischen Ländern, das jedes Jahr von einem anderen Gastgeberland ausgerichtet wird und 1988 gerade in Berlin stattfand.

Das begeisterte mich natürlich, denn zu der Zeit konnten nicht viele Sowjetbürger irgendwohin reisen. In Berlin habe ich sofort eine Unmenge neuer Bekanntschaften geschlossen. Was nicht verwunderlich ist, denn die UdSSR war ein geschlossenes Land, und da stand plötzlich ein lebendiger Sowjetmensch, der zudem auch noch Deutsch sprach. Als mir dann überraschend ein Berliner Architekt die gemeinsame Teilnahme an einem Wettbewerb anbot, habe ich eingewilligt. Und wir sind Sieger geworden. Danach folgten noch einige weitere Siege.

In Deutschland passiert ja fast alles im Rahmen von Wettbewerbsausschreibungen, deshalb werden diejenigen, die solche Wettbewerbe gewinnen können, außerordentlich geschätzt. Also hieß es bald in Architektenkreisen, dass es da einen Verrückten aus der Sowjetunion gibt, der Wettbewerbssiege abräumt. Und ich wurde mit Arbeit überhäuft.

Die ersten Jahre meines Lebens in Deutschland war ich in ständiger Zeitnot. Ich bin absolut nicht dazu gekommen, nach Hause zu fahren. Irgendwann habe ich dann verdutzt festgestellt, dass mein sowjetischer Reisepass abgelaufen ist, und wollte ihn in unserer Botschaft in Berlin verlängern lassen. Aber dort hat mir ein Mitarbeiter erbost erklärt: „Was, Sie haben noch keinen Wehrdienst geleistet?! Also nichts wie zurück in die Heimat und Marsch in die Armee!"

Natürlich habe ich den Botschaftsonkel dorthin gewünscht, wo der Pfeffer wächst, und mich um einen deutschen Ersatzausweis gekümmert. Das war so ein dünnes graues Heftchen, in dem geschrieben stand, dass ich in sämtliche Länder der Welt einreisen darf – außer in die Russische Föderation. So bin ich ein deutscher Architekt geworden.

Über die deutsche Mentalität, Oswald Ungers und die Module


Es war nicht einfach, mich an die deutsche Mentalität zu gewöhnen. Das Denken der Deutschen ist stark durchstrukturiert, die selbstvergessene Hingabe der Russen an eine hehre, reine Idee lässt sich damit schlecht vereinbaren.

Zur ersten Lehre des neuen Lebens wurde für mich die Zusammenarbeit mit Oswald Mathias Ungers, einem berühmten Architekten, von dem der Entwurf der Hamburger Kunsthalle stammt. Ich saß da, habe irgendetwas gemurmelt, und Oswald hat mich gefragt: „Sag mal, was machst du da eigentlich?" Auf meine Antwort: „Ich versuche, mir die Gestaltung auszudenken", versetzte er: „Nein, so wird das nichts", und legte mir eine Schablone mit lauter Kästchen hin.

Und dann obenauf noch eine Schablone mit diagonalen Linien. „Da hast du die Fassadenstruktur. Bemühe dich, in den Kästchen zu zeichnen. Und wenn dir wirklich die Hand ausrutscht, kannst du in der Diagonale zeichnen", lautete seine Erklärung. Diese Herangehensweise hat mich verblüfft und zugleich ungemein fasziniert. Im MARCHI hatte man uns etwas absolut Anderes beigebracht.

Einige Zeit später, als ich die Zulassung für eigene Architekturprojekte brauchte, habe ich mich an der Berliner Hochschule der Künste eingeschrieben, denn mein MARCHI-Diplom stand in Deutschland nicht besonders hoch im Kurs. Dieses Studium hat mir gleichfalls eine Menge Interessantes gegeben.

Über die Rückkehr nach Russland und die russischen Auftraggeber


2003 bin ich nach Russland zurückgekehrt. Die Anpassung an die postsowjetische Realität gestaltete sich weitaus schwieriger als die Umstellung auf die Realität des wiedervereinigten Deutschlands. Besonders schwer ist es mir gefallen, mich an den Typus des russischen Auftraggebers zu gewöhnen.

In der ersten Zeit ist mir der Dialog mit diesen Auftraggebern einfach nicht gelungen. Ich habe nicht verstanden, was sie mir sagen wollen, und sie

haben mich nicht verstanden – trotz der gemeinsamen Muttersprache. Die schlimmste Frage, die man russischen Auftraggebern niemals stellen darf, die ich ihnen aber wie der allergrößte Dummkopf beständig gestellt habe, war die nach dem Budget. Dabei ist schon allein das Wort „Budget" tabu. Zum einen, weil – wie mir ein Kollege erklärte – der Auftraggeber nicht immer weiß, was er überhaupt für ein Budget hat. Zum anderen, weil er, selbst wenn er sein Budget kennt, mit keiner Zahl herausrückt, denn er will nicht zeigen, dass er Geld hat.

In Deutschland kontrolliert der Architekt das Budget des Bauherrn. Was dort als völlig normale Verfahrensweise gilt, ist hier in Russland genau umgekehrt.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal russischer Auftraggeber besteht darin, dass sie sich mehr auf die Intuition als auf die Logik verlassen. Ein russischer Auftraggeber wählt den Projektverantwortlichen in der Regel nach dem Prinzip „gefällt mir – gefällt mir nicht" aus. Wenn der Umgang mit einem Architekten für ihn angenehm ist, wenn die Chemie stimmt, wird er ihm den Auftrag erteilen. Das war für mich wie ein Schlag vor den Kopf.

Und ich möchte noch eine weitere Beobachtung anführen: Setzt man sich hin und beginnt wie ein Deutscher die genauen technischen Vorgaben zu erfassen, versteht der russische Auftraggeber oft nur Bahnhof. Die häufigste Reaktion in derartigen Fällen lautet: „Woher soll ich wissen, was ich da alles brauche?! Du bist doch der Architekt, sag du es mir!"

Über mangelnde Abstimmung, Schlupflöcher und Vetternwirtschaft


Und diese russische Unbestimmtheit überhaupt. Sie sitzt ja nicht nur in den konkreten Menschen, sondern findet sich auch in den Gesetzen. In Berlin beginnt die Arbeit an einem Projekt mit etwas ganz Elementarem: Man bekommt einen Auszug aus dem Bebauungsplan der Stadt.

Dort ist exakt festgeschrieben, was zulässig ist und was nicht: wie viele Etagen möglich sind, wie hoch die maximale Bebauungsdichte sein darf. Unter diesen Bedingungen fällt das Projektieren leicht. Man muss sich nicht mit Berechnungen plagen oder visuelle Analysen des Bauwerks und seiner Einbindung in die Umgebung erarbeiten, sondern konzentriert sich auf Schönheit und Funktionalität. Aber die Regeln verletzen darf man auch nicht. Das ist sozusagen Freiheit durch Unfreiheit.

In Russland findet man überall Ungenauigkeiten sowie mangelnde Abstimmung und fehlende Koordination, was wiederum verschiedenste Schlupflöcher eröffnet. Diese Schlupflöcher sind eine furchtbar verführerische Sache – bequem für die Staatsdiener in den Genehmigungsbehörden wie für die Auftraggeber. Und scheinbar auch für die Architekten. In Wirklichkeit aber bereiten sie nur Probleme. Andererseits fühlt sich ein Russe unwohl, wenn er auf gar nichts Einfluss nehmen kann. Deshalb wird es, befürchte ich, niemals gelingen, von diesem System loszukommen.

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst im Magazin "Bolschoj Gorod".

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