Meine überholte Petraeus-Kolumne

"Was ist in der Politik wichtiger – ausgezeichnete Fachqualitäten oder ein vorbildlicher Lebenswandel? Die Antwort ist gar nicht so eindeutig.“

Manchmal kommt man als Kolumnist der Realität nicht hinterher. Die Dinge entwickeln sich schneller, als man schreiben kann. So wollte ich eigentlich eine süffisante Breitseite auf die übertriebenen Moralvorstellungen der Amerikaner loslassen. Die halbe Welt haben sie mit ihrem Sauberkeitsfimmel angesteckt. CIA-Direktor David Petraeus mußte wegen einer außerehelichen Affäre zurücktreten. Der designierte Chef des US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin kann aus dem gleichen Grund seinen Job gar nicht erst antreten. Auch in Deutschland: Zwei Manager, die für ihren Versicherungskonzern Lustreisen nach Budapest organisiert hatten, stehen vor Gericht. Und sogar in Russland: der russische Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow musste kürzlich zurücktreten, wobei hier sowohl Korruption als auch ein Seitensprung im Raum stehen.

Hat die Gesellschaft etwas davon, wenn an der Spitze Leute sitzen, die vielleicht nicht über besonders ausgeprägte Führungsqualitäten verfügen, dafür aber über einen vorbildlichen Lebenswandel, wollte ich rhetorisch fragen. Und was ist so schlimm daran, wenn Versicherungsvertreter in den Puff gehen? Schlimm ist, wenn Versicherungen die Kunden betrügen!

Dass die Amerikaner besonders prüde sind, so meine Schlussfolgerung, muss für uns kein Grund sein, es ihnen nachzutun. Aber die Medien haben ihre eigenen Gesetze. Sex-Skandale verkaufen sich gut, und wenn die Amerikaner es können, dann schaut man halt auch mal, ob man zu Hause was Ähnliches zu Stande bringt. Noch lehnen die meisten deutschen Journalisten ab, wenn sie von Intriganten mit Details aus dem Liebesleben von Politikern und Managern gefüttert werden. „Hoffentlich bleibt das so!", hätte ich ausgerufen. Hätte!

Korruption ist natürlich schlimmer als ein Seitensprung, wollte ich dann fortfahren, aber auch hier schießen die Amis mal wieder über das Ziel hinaus. Die Frage ist ja, was ist schon Bestechung und was ist branchenübliche Praxis? Getrieben von Vorgaben aus den USA erlassen europäische Unternehmen immer strengere Regeln, bis sich schließlich niemand mehr traut, einen Bleistift zu verschenken oder den Kunden zum Bier einzuladen. (Schade um die schöne Ironie...) Dann wäre ein aus meinem immensen Insiderwissen gespeister Hinweis gefolgt: Amerikanische Firmen haben ein vitales Interesse daran, jegliche Form von Beziehungspflege zu verbieten. Die US-Konzerne verfügen über das größte Arsenal von Möglichkeiten zur weltweiten Durchsetzung ihrer Interessen: Von riesigen PR-Budgets bis hin zur Unterstützung durch amerikanische Botschaften und die Politik.

Elegant wäre ich dann nach Russland geschwenkt, wo sich dieser amerikanische Drang zur Sauberkeit noch nicht durchgesetzt hat. Serdjukows Rücktritt fällt zwar zeitlich hinein in eine Skandal-Serie im Westen zusammen, aber das ist Zufall. Insider  wie ich – meinen, die Affäre mit einer Mitarbeiterin habe Putin deshalb erzürnt, weil der Minister mit einer Tochter eines Vertrauten des Präsidenten verheiratet ist. Das harte Vorgehen gegen ihn sei nur ein Ausfluss dieses Zorns.

Aber wie es der Teufel will, eine Petraeus-Enthüllung jagt die andere. Jetzt scheint es doch mehr zu sein als nur eine Liebesaffäre. Ist der Saubermann vielleicht zurückgetreten, weil er peinlichen Ermittlungen zu der Rolle der CIA bei dem Attentat in Bengasi zuvorkommen wollte? Hat er seiner Mätresse geheime Informationen darüber zukommen lassen?

Also: alles was ich hier sagen wollte, muss ich zurücknehmen. Die Amis haben schon Recht. Wer im Bett schummelt, der tut das auch im Job. Zumindest ist das so bei den großen Jungs. Macht, Geld und Erotik gehören zusammen. Aber das wäre eigentlich eine eigene Kolumne.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland