NET-Festival: Zweieinhalb Wochen europäisches Theater in Moskau

In Moskau beginnt das Theaterfestival „NET – Neues Europäisches Theater“. Das russische Publikum kommt so in den Genuss der neuesten Produktionen westeuropäischer Regisseure.

In diesem Jahr erwarten die Besucher Bühnenstücke aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Bulgarien. Einige von ihnen beziehen sich thematisch unmittelbar auf Russland. Das diesjährige NET-Festival steht auch im Zeichen des Deutschlandjahrs in Russland und präsentiert sich daher mit einem deutlich deutschen Akzent.

Zu den prominentesten Gästen zählt das deutsch-schweizerische Team Rimini Protokoll, das die beiden heute wohl wichtigsten Spielarten des „Neuen Dramas" vertritt: das dokumentarische Theater und das sogenannte Theater der „Experten des Alltags". Ihre Inszenierungen führen die Zuschauer in geschlossene Veranstaltungen, etwa in eine Aktionärsversammlung von Daimler-Chrysler, bringen DDR-Parteibonzen und deutsche Dissidenten auf die Bühne („Das Kapital, Band 1").

Im Stück Bodenprobe Kasachstan betreten ebenfalls „Experten des Alltags" die Bühne. Ihre Schicksale führen sie von den Ölfeldern Kasachstans nach Berlin: So unter anderem ein Sohn aus einer nach Kasachstan verbannten deutschen Familie, der in seiner zentralasiatischen Heimat Tanklastwagenfahrer ist und während der Perestroika nach Berlin auswandert, ein Kasache, der in den 90er Jahren in den Ölhandel einsteigt und auf diesem Weg nach Deutschland gelangt oder ein wohlhabender deutscher Akteur der Erdölindustrie, für den die Arbeit im Nachbarland nichts weiter als eine biografische Episode ist.

Eine Art Gegenpol zur Bodenprobe stellt „Kristin" dar, eine in der Berliner Schaubühne inszenierte Adaption des Strindberg-Klassikers Fräulein Julie von Katie Mitchell und Leo Warner. Das Liebesdrama der Hausherrin und ihres Bediensteten wird aus der Perspektive einer in der Strindbergschen Vorlage nachgeordneten Figur erzählt, der Köchin Kristin. Das Schauspiel ist dabei so konstruiert, dass in einigen Szenen das Publikum sich selbst als Kristin wahrnimmt.

Klassiker kommen nicht zu kurz


Ein ebenfalls klassisches Sujet, Shakespeares König Lear, greift das deutsche Performance-Kollektiv She She Pop mit Testament auf. Es liefert, übersetzt in die Gegenwart und grundlegend umgearbeitet, den Stoff für ein Bühnenstück über den Konflikt zwischen Vätern und Töchtern. Gegenstand dieser Konflikte ist dabei häufig die Regelung der häuslichen Verhältnisse selbst. Auch diese Inszenierung ließe sich als „typisch europäische Produktion" kennzeichnen, wäre da nicht ein wichtiges Detail: Die Schauspielerinnen bringen ihre wirklichen Väter mit auf die Bühne.

Auf einem Shakespeare-Drama beruht auch ein weiteres Stück: Ein

Sommernachtstraum, das Kirill Serebrennikow mit einer Theatertruppe seines 7 Studio auf die Bühne bringt. Auch hier wurde der Text gründlich umgearbeitet. Der Regisseur lässt die Handlung in der Gegenwart spielen, der Dramaturg Wassilij Petschejkin ergänzte die klassische Vorlage um konfuse Monologe ihrer Helden. Das Ergebnis ist ein Bühnenstück über eine weitere verlorene Generation – der in der heutigen modernen und durchaus nicht heilen Welt lebenden jungen Leute, die von ihrem Leben überfordert sind.

Ein weiteres Stück auf der Grundlage eines klassischen Textes ist der Mantel, gespielt von Nina Dimitrowa und Wassil Wassil-Suek vom Bulgarischen Theater Credo. Unter Einsatz verhältnismäßig weniger Requisiten bringen sie das berühmte Motiv Gogols auf die Bühne, im possenhaften Bänkelsänger-Stil. Nur vordergründig ist die Inszenierung einfach konstruiert.

Die schlichten, aber mutigen visuellen Effekte im Bühnenbild verbinden sich mit einer glanzvollen schauspielerischen Leistung. Eine nicht unwesentliche Rolle dabei spielt die Sprache: Credo führt seine Stücke immer in der Sprache seines Gastlandes auf. Mit diesem Prinzip möchte es nicht dem Publikum gefallen, es ist gleichsam ein konstitutives Moment des Stückes.

Die Zuschauer werden einbezogen in die Handlung und nehmen dort die Rolle der „Jury" ein, erklärt die Regisseurin und Schauspielerin Nina Dimitrowa gegenüber Russland HEUTE. „Der Gogolsche Geist lässt sich natürlich am besten in der sprachlichen Version des Originals transportieren", erläutert Dimitrowa. „In den slawischen Sprachen gibt es Nuancen, die überhaupt nicht in andere Sprachen übersetzbar sind."

Der französische Choreograph Philippe Decouflé, der an der Schnittstelle zwischen visueller Kunst und contemporary dance arbeitet, brilliert mit seiner Aufführung Octopus – acht Übungen zum Thema Schönheit. In jedem Stück wird die choreographische Komposition um Elemente der Videokunst ergänzt.

Nicht weniger wirkungsvoll verspricht die Inszenierung Impromptus der deutschen Starchoreographin Sascha Waltz zu werden. Die als experimentelle Choreographin gehandelte Sascha Waltz reist dieses Mal nicht mit einem klassischen Stück, sondern mit einer Inszenierung nach Moskau, die auf ein klassisches Arrangement anspielt. Auf einer geneigten Bühne spielen zwei Pianisten den symphonischen Zyklus und vier Lieder von Schubert, das Ensemble von Waltz tritt mit Improvisationen zu den musikalischen Themen auf. Den Zuschauern wird hier echtes Ballett geboten – das ist bemerkenswert, denn den Namen Waltz verbindet man eigentlich mit Tanztheater.

Die russischen Beiträge


Zu den Höhepunkten des NET-Festes dürfen die russischen Beiträge gezählt werden. Neben dem erwähnten Serebrennikow, ein häufiger Gast auf europäischen Bühnen, steht das von Semjon Alexandrowskij und Dmitrij Wolkostrelow im Theater Post inszenierte experimentelle Stück Shoot/Get Treasure/Repeat nach einem Zyklus des populären britischen Dramatikers Mark Ravenhill auf dem Programm.

Die zwölf kleinen Stücke sind der Metaphysik des Alltagslebens nach dem 11. September gewidmet. Die Regisseure bleiben dabei dem ideellen Konzept ihres Hauses, dem Geist des Post-Theaters, absolut treu. Sie reinigen die Texte konsequent von jeder Theatralik. In einem Stück sprechen die Schauspieler ihren Text auf dem Boden liegend, verlesen ihn gleichsam leidenschaftslos und tauschen nebenbei noch die Rollen. In einem anderen essen die Schauspieler, ein Ehepaar, lediglich zu Abend. Auf einem Bildschirm ist dabei im Hintergrund der Text einer Miniatur zu lesen.

Ganz im Gegensatz dazu steht das Theaterstück eines anderen russischen Regisseurs, des Dramaturgen Iwan Wyrypajew, der als Autor des in siebzig Sprachen übersetzten und in über zwanzig Ländern auf die Bühne gebrachten Stückes Sauerstoff international bekannt ist. Sein Stück Illusionen, mit dem er auf dem NET-Festival vertreten ist, besteht aus einem schlichten Bericht. Die vier Schauspieler betreten lediglich die Bühne und erzählen die Geschichte der Liebe und des Alterns zweiter Ehepaare. Intrige wie Lyrik der Inszenierung entstehen quasi aus sich heraus – weder aus dem Text, noch aus dem Gesichtsausdruck der Schauspieler. Das verdient wohl den Namen europäisches Theater.

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