Urbaner Befreiungsschlag

Die Vergrößerung Moskaus soll unter anderem die Transportprobleme der Hauptstadt lösen. Foto: RIA Novosti.

Die Vergrößerung Moskaus soll unter anderem die Transportprobleme der Hauptstadt lösen. Foto: RIA Novosti.

Anfang Oktober stellte Moskaus Stadtregierung auf der größten europäischen Messe für Gewerbeimmobilien, der Expo Real in München, das Projekt „Groß-Moskau“ vor.

Seit dem 1. Juli 2012 ist das Territorium Moskaus auf das 2,5-Fache angewachsen, indem 148 000 Hektar des umliegenden Gebiets eingegliedert wurden. Auf einen Schlag gelangte Moskau damit vom elften auf den sechsten Platz unter den größten Städten der Welt.

Was die Bevölkerung angeht, bleibt die Metropole allerdings auf Platz sieben, weil auf der angegliederten Fläche bislang nur 250 000 Menschen leben. Das soll sich jedoch ändern. Auf dem neuen Stadtgebiet sollen laut Sergej Tscherjomin, Leiter des Moskauer Departments für außenwirtschaftliche und internationale Beziehungen, Immobilien mit einer Fläche von bis zu 100 Millionen Quadratmetern entstehen. Für die Umsetzung ihrer Pläne hofft die Moskauer Stadtregierung auf private Investitionen.

Die Anziehungskraft der russischen Hauptstadt auf ausländische Investoren wird durch die Statistik belegt. Alleine im ersten Halbjahr 2012

wurden 33 Milliarden Euro von ausländischen Unternehmen investiert. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young belegt Moskau den siebten Platz unter den europäischen Städten, die am attraktivsten für Investoren sind. Die wichtigsten Anleger stammen aus der Schweiz, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Zypern. Deutschland liegt mit etwas über einer Milliarde US-Dollar auf dem sechsten Platz. Am begehrtesten sind der Groß- und Einzelhandel, die Telekommunikation, die Produktion von Hard- und Software für den städtischen Bedarf sowie die Logistik.

„Wenn die Rede vom Investitionsklima und von den wirtschaftlichen Aussichten in der Stadt ist, sehen wir mit ruhigem Gewissen in die Zukunft“, versichert Sergej Tscherjomin. „Moskau verfügt auch weiterhin über eine sehr gute Bonitätsbewertung. Die bekannten Ratingagenturen geben der wirtschaftlichen Entwicklung eine positive und stabile Prognose für die nahe Zukunft.“

„Vor ein paar Jahren habe ich den Zustand des europäischen Marktes analysiert und kam zu dem Schluss, dass Russland, und da in erster Linie Moskau, beste Voraussetzungen für Geschäfte bieten. In dieser Beziehung lässt sich nicht einmal China mit Russland vergleichen“, sagt auch Jürgen Worz, Vorstandsvorsitzender der German Management Group. „Ich bin fest davon überzeugt, dass sich genug Interessenten finden werden, die in das ‚Neue Moskau‘ investieren wollen.“

Harter Wettbewerb um die beste Lösung

Anfang 2012 rief die Moskauer Stadtregierung einen Wettbewerb für den Entwurf eines Entwicklungskonzeptes für das gegenwärtige und das zukünftige Moskau aus. Aus über 70 eingereichten Vorschlägen wählte eine internationale Expertenkommission neun Projekte aus. Diese wurden auch auf der Münchner Expo Real im Oktober vorgestellt.

„Wir wollen, dass Moskau dem Wettbewerb mit anderen internationalen Hauptstädten standhält, damit das kreative Potenzial der Stadt erhalten

Zahlen


1480 Quadratkilometer beträgt die Fläche, um die Moskau sich vergrößert hat. Damit ist die Stadt heute flächenmäßig die sechstgrößte der Welt.

187 Milliarden Euro würde es kosten, den Vorschlag des französischen Architekturbüros Antoine de Grumbach et Associés über die nächsten 30 – 50 Jahre umzusetzen.

bleibt“, sagt Darrell Stanford, Vorsitzender des Urban Land Institute Russland, einer nichtkommerziellen Forschungseinrichtung, die sich mit Fragen einer verbesserten Grundstücksnutzungspolitik beschäftigt. „Doch dazu muss die Stadt nicht nur attraktiv für Investoren werden, sondern auch für seine Bewohner an Attraktivität gewinnen.“ Dieser Meinung ist auch Sergej Tscherjomin: „Für uns hat die Anwerbung international qualifizierter Fachkräfte nach Moskau große Bedeutung, und dafür nutzen wir alle Mittel. Unter anderem versuchen wir, das Investitionsklima zu verbessern und die Stadt zu einem bequemen und angenehmen Wohnort zu machen.“

In diesem Sinne legten die meisten der Wettbewerbsteilnehmer besonderen Wert auf die Lösung des Logistikproblems in der russischen Metropole und machten Vorschläge zur zukünftigen Entwicklung des Transportnetzes von Groß-Moskau. So sieht zum Beispiel das Architekturbüro Ricardo Bofill das größte Problem darin, dass „das momentane Planungssystem der heutigen Stadt an seine Grenzen gestoßen und die Ursache für den täglichen Verkehrskollaps ist. Dieses Modell gestattet es nicht, die notwendigen Bedingungen für ein hohes Wachstumstempo zu gewährleisten.“

Deshalb schlagen die Entwickler vor, das Transportsystem einer grundlegenden „Therapie“ zu unterziehen und erst danach das neue Stadtzentrum zu gestalten.

Finanzierungsfrage ungeklärt

Urban Design Associates schlägt ein komplexes Eisenbahnexpress-System unter gleichzeitiger Ausdehnung des U-Bahn-Netzes auf das Gebiet von Groß-Moskau vor. Alle Projekte sind auf 30 bis 50 Jahre ausgelegt, allerdings ist die Frage der Finanzierung noch nicht geklärt. Der preisgekrönte Entwurf des französischen Architekturbüros Antoine Grumbach et Associés etwa würde 187 Milliarden Euro in seiner Umsetzung kosten.

Unklar ist auch, was aus dem ehrgeizigen Plan wird, die gesamte russische Regierung in das neue Gebiet umzusiedeln, um das traditionelle Moskauer Stadtzentrum zu entlasten. Der für den Städtebau zuständige stellvertretende Bürgermeister Marat Chusnullin erklärte dazu im September: „In jedem Fall wird das im Zuge des Wettbewerbs angehäufte Wissens-kapital der Stadt von großem Nutzen sein.“

zahlen 1480 Quadratkilometer beträgt die Fläche, um die Moskau sich vergrößert hat. Damit ist die Stadt heute flächenmäßig die sechstgrößte der Welt. 187 Milliarden Euro würde es kosten, den Vorschlag des französischen Architekturbüros Antoine de Grumbach et Associés über die nächsten 30 – 50 Jahre umzusetzen.

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