Von Öl und Rentieren

„Die Insel", ein Roman von russischem Schriftsteller und Journalist Wassili Golowanow erscheint auch auf Deutsch.

Bereits mit 27 macht einer, der als Journalist sein eigenes Sprachgeklapper, seine Lebensroutine nicht mehr erträgt, jene Erfahrung: „Mir wurde bewusst, dass ich in die Jahre gekommen war und sterben würde. Angst saß mir im Nacken." Was Wassili Golowanow, Schriftsteller und Journalist, geboren 1960, in seinem eben auf Deutsch erschienenen Roman „Die Insel" vor uns entfaltet, ist die Suche nach eben jener Insel, die Suche nach dem Geheimnis und dem, was Reise bedeuten kann.

Insel als Idee – mit ihrer Abgeschlossenheit, ihrer Andersheit – hat ihn immer fasziniert; und das Geheimnis, obwohl alles vermessen und kartiert

Wassili Golowanow: „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens". Aus dem Russischen von Eveline Passet, Matthes & Seitz, 2012

erscheint und der Ich-Erzähler sagt: „Der Verlust des Geheimnisses ist unhintergehbar", bleibt ein trotzig beibehaltener Traum. Die „sinnlose Reise" – wie der Zweittitel suggeriert – ist ein Unternehmen, das aufs Ganze geht: „Vorwärtskriechen, mit dem eigenen Ich den Raum vermessen, sich mit ihm verschwistern – und im Gegenzug etwas erhalten, wofür ich keinen Namen kenne." Konkrete Gestalt nimmt die Suche auf der Insel Kolgujew in der Barentssee an. Der Druck der Wirklichkeit ist stark, die wüst gemischte Realität rückt dem Ich-Erzähler auf den Pelz. Das ist eine Welt fern vom Urbanen, aber auch längst aus den Traditionen herausgerissen. Viehzucht, Seifenoper, Müllhalde und Mythos existieren nebeneinander. Die Bewohner, das sibirische Volk der Nenzen, versuchen mit Rentierzucht zu überleben, nicht weit entfernt wird in großem Maßstab Öl gefördert.

Zu kommunistischer Zeit hatte das Industriesystem sich dort ins Leben gefressen und seine Spuren hinterlassen. Der Erzähler sagt von sich: „Ich selbst bin ein Produkt des alten Systems, und augenblicklich ist mein einziger Wunsch: mich von seinen bedrückenden Sinnsetzungen loszureißen." Was er letztendlich sucht, ist neben aller Zerstörtheit die machtvolle Schönheit der Natur, sind die Überreste archaischer Lebensweise und mythischen Weltverstehens.

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