Lobt Putin, wenn ihr ihn schwächen wollt!

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind so schlecht wie schon lange nicht mehr. Liegt es daran, dass die Deutschen die Russen ungefragt und arrogant mit Ratschlägen überschütten, oder daran, dass die Russen sich nichts sagen lassen und gleich beleidigt sind?

Es gibt Menschen, die geben gerne gute Ratschläge. Manche nur dann, wenn sie sich wirklich auskennen. Andere immer, unabhängig davon, ob sie etwas wissen und ob ihr Rat überhaupt gefragt ist. Solche Typen nerven. Besonders unbeliebt sind Ratschläge, die kein Problem lösen, sondern den Lebenswandel der Mitmenschen betreffen. „Steck deine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten" sagt man solchen Zeitgenossen gewöhnlich. Die Russen sagen auch „Geh nicht mit deiner Ordensregel in ein fremdes Kloster".


Letzteren Satz hört man als Ausländer immer wieder aus dem Munde von Russen, zur Zeit ganz besonders. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind so schlecht wie schon lange nicht mehr. Liegt es daran, dass die Deutschen die Russen ungefragt und arrogant mit Ratschlägen überschütten, oder daran, dass die Russen sich nichts sagen lassen und gleich beleidigt sind? Es ist beides.

Hier stehen sich zwei konträre Weltbilder gegenüber. Die deutschen Eliten gehen davon aus, dass es legitim ist und von hohem Ethos zeugt, wenn man sich überall dort einmischt, wo Unrecht geschieht. So wie man auch nicht wegschaut, wenn in der Nachbarwohung die Eltern ihre Kinder quälen.

Die Russen meinen, dass in der internationalen Politik solche Verhaltensmuster aus dem mitmenschlichen Zusammenleben nichts zu suchen haben. Jedes Land muss seinen Weg alleine finden.

Die Deutschen verstehen ihre Kritik als Freundschaftsdienst. Die Russen empfinden sie als feindliche Einflussnahme mit dem Ziel der Schwächung ihres Landes. Diese Haltungen erklären sich aus der Geschichte der beiden Völker.

Eines aber steht fest: Momentan nutzt die Kritik aus dem Ausland vor

allem den Herrschenden in Russland. Ein Politiker, der über Einmischung in die inneren Angelegenheiten schimpft, überall westliche Spione sieht und sich den „Mentoren-Ton" verbittet, kann auf den Beifall der Mehrheit rechnen. Für Putins Wähler gehört es zu den größten Verdiensten des Präsidenten, dass er den Einfluss des Westens zurückgedrängt hat. Jede Solidaritätsadresse an Pussy Riot, jeder Demokratie-Preis für einen Oppositionellen ist in den Augen des Volkes ein weiterer Beleg dafür, dass die Fremden ihre Ordensregel in Russland durchsetzen wollen.

Die logische Schlussfolgerund daraus wäre: ausländische Politiker, die Änderungen in Russland wünschen, müssten die dortige Regierung und ihre Aktionen in den höchsten Tönen loben. Das müsste dem Volk dann zu denken geben. Wenn das Ausland die gut findet...

Diese Ablehnung kommt aus der Erfahrung der Ära von Gorbatschow und Jelzin. Die Russen mussten damals feststellen, dass man im Westen umso lauter jubelte, je schlechter es ihnen ging. Wenn das Ausland unzufrieden ist, dann geht es bei uns aufwärts, diese Lektion macht Putin nun dem Volk glaubhaft. Der Westen hat bisher wenig dazu getan, ihn zu widerlegen.

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