Die Schöne an der Wolga

Die Moschee Kul-Scharif in Kasan. Foto: Lori/Legion Media.

Die Moschee Kul-Scharif in Kasan. Foto: Lori/Legion Media.

Unsere Kolumnistin Adele Sauer besucht Kasan, die Hauptstadt der Republik Tatarstan.

Während sich der Winter in Moskau noch etwas Zeit lässt und nur aus der Ferne die Fäuste schüttelt, machte ich mich auf den Weg in ein Winterparadies. Ich flog nach Kasan, der Hauptstadt der Tataren. Dort hatte der Winter schon lange Einzug gehalten. Kasan liegt am linken Wolgaufer und am Flüsschen Kasanka.

Dem Namen der Stadt werden viele Legenden zugeschrieben, am häufigsten hört man aber die: ein Schamane der Bulgaren hatte ihnen den Tipp gegeben, an der Stelle eine Stadt zu bauen, an der in einem in die Erde vergrabenen Kessel das Wasser ohne Feuer anfängt zu kochen. Ein solcher Platz ward am Ufer des Sees Kaban gefunden. Kazan heißt auf altbulgarisch und tatarisch „Kessel, Topf". 2005 feierte Kazan sein 1000-jähriges Jubiläum.

Kasan firmiert als dritte Hauptstadt der Russischen Föderation. Heimliche, alte, kulturelle usw. Hauptstädte gibt es ja hier sehr viele. Jeder will ein bisschen vom Ruhmeskuchen abhaben. Es könnte aber auch ganz locker als sportliche Hauptstadt auftreten. 2013 wird hier die Universiade, 2015 die Weltmeisterschaft in den Wassersportarten, 2017 der Konföderationscup und 2018 teilweise die Fussball-WM ausgetragen. Dafür sind und werden aufwendige Sportbauten errichtet. Die bereits existierenden werden aktiv genutzt, Sport treiben ist wirklich in in Kasan.

Sowohl in der reichen Geschichte als auch in der Gegenwart gilt Kasan, die Hauptstadt aller Tataren, als Beispiel für friedliches Miteinander der verschiedensten Konfessionen. Wir finden neben den Moscheen auch russische Kirchen, katholische und sogar ein lutheranisches Kirchlein, das auf einen Ukas Katarinas der Großen errichtet wurde für die Deutschen an der Wolga und eine Synagoge für die rund 8000 Juden. Sogar eine Kirche für die Altgläubigen gibt es mitten im Zentrum Kasans.

Getaufte Tataren leben friedlich neben moslemischen Tataren oder gar atheistischen und natürlich neben Christen verschiedenster Coleur. Dieses Nebeneinander lockt Kirchenfürsten und Politologen aus aller Welt an, sich dieses Wunder in einer Welt des Hasses und religiöser Auseinandersetzungen aus der Nähe zu betrachten.

Die große blaue Moschee Kul-Scharif, die auf dem Geländes des

Kazaner Kremls von 1996 bis 2005 errichtet wurde, erinnerte mich sehr an die pompöse Erlöserkathedrale in Moskau, die ebenfalls Mitte der 90er Jahre wieder aufgebaut wurde. Sie ist ebenso pompös wie steril. Da wird noch viel Wasser die Wolga hinunter fließen müssen, um die Moschee zu einer wahren religiösen Stätte zu machen. Im Moment kann man da den größten Koran bewundern, ein gewaltiges Buch mit Edelsteinen verziert. Die Moschee wurde übrigens 1552 von den Kriegern Iwans des Schrecklichen bei der Erstürmung Kazans zerstört.

Angenehm ist der Rhythmus der Stadt, vor allem nach dem auszehrenden Moskauer Stress. Kasan hat die Millionengrenze überschritten, hier leben rund 1 200 000 Einwohner, demzufolge steht der Stadt auch eine U-Bahn zu. Fünf Stationen gibt es bereits, bis zur Universiade soll die Metroanbindung der Satellitenstädte erfolgen.

Klar gibt es auch Staus, gerade wo im Moment ganze 15 neue Ausfahrten vom Stadtring gebaut werden. Aber es geht alles weniger hektisch und aggressiv ab, die Stadt ruht in sich, hatte ich den Eindruck. Die Tataren wissen, was sie können und was sie wert sind.

Die Fussgängerzone nennen sie trotzdem Arbat, obwohl es die Baumannstraße ist. Petersburg schenkt der Stadt eine zweite Fussgängerzone, die folgerichtig in der Petersburger Straße entsteht, aber noch zögernd von den Kasanern angenommen wird.

Was hat Baumann, ein Kampfgefährte Lenins, in Kasan zu suchen? Mit dieser Praxis der Straßennamen wurden die Städte gesichts- und charakterlos gemacht, überall die gleichen Straßennamen, obwohl es wahrlich genügend andere Varianten gäbe.

Selbst im sibirischen Krasnojarsk heißt die schönste Straße mit den gediegenen mehr geschossigen und reich mit Schnitzereien ausgestatteten Kaufmannshäusern Leninstraße. Es ist ein Jammer. Und Umbenennungen kosten einfach einen Haufen Geld und bürokratische Anstrengungen, so dass sie unterbleiben.

In Kasan steht alles in russisch und tatarisch geschrieben, vielerorts auch schon in Englisch, sicher im Hinblick auf die kommenden Ereignisse. Da sich die Tataren der kyrillischen Schrift bedienen, kann man die exotischen Wörter laut nachsprechen, was großes Vergnügen bereitet.

Aber nicht nur der Winter, auch der Sommer soll hier sehr reizvoll sein. Vielleicht sollte ich mal über Urlaub an der Tatarischen oder Kasaner Rivierea nachdenken.