Russische Biker-Szene: Zwischen Putin und Bandidos

Die russische Biker-Gemeinschaft wuchs in den 2000er Jahren stark an. Foto: ITAR-TASS.

Die russische Biker-Gemeinschaft wuchs in den 2000er Jahren stark an. Foto: ITAR-TASS.

Am 20. Oktober 2012 ermordete ein Biker des Motorradclubs Tri Dorogi (Drei Straßen) ein Mitglied von Präsident Putins Lieblings-Bikerclub. Um Drogenhandel soll es gegangen sein. Die ansonsten als harmlos empfundenen Biker erscheinen auf einmal in einem negativen Licht – und könnten vom Kreml verboten werden. Ein Überblick über die russische Biker-Szene.

Die Details der Tat sind unklar. Es war dunkel, als die Tri Dorogi-Mitglieder von einer achtmal so großen Gruppe aus dem Biker-Club Notschnye Wolki (Nachtwölfe) überrascht wurden. Beide Seiten behaupten, aus Notwehr gehandelt zu haben und zeigen zum Beweis ihre Wunden vor.

Trotz Nietenlederjacken und dröhnender Auspuffe gehört die Mehrheit der russischen Biker zur erfolgreichen Mittelklasse und leistet in ihrer Freizeit eher Wohltätigkeitsarbeit als mit Drogen zu handeln oder zum Spaß an Schlägereien teilzunehmen.

Die Biker-Gemeinschaft wuchs vor allem in den 2000er Jahren stark an, als der Wohlstand durch den Ölboom rasant stieg – und bei weitem nicht alle Newcomer fühlten sich den alten Idealen der Bruderschaft und der strikten Clubdisziplin verbunden. Zudem schreckte die Romanze der Nachtwölfe mit Putin viele Biker ab, gerade weil die Mittelklasse der wichtigste Hort der Anti-Kreml-Gesinnung ist.

Doch nun sieht es nach einem bevorstehenden Krieg aus, obwohl ihn scheinbar niemand haben will, sagen viele Biker. Und niemand weiß, ob der Kreml irgendetwas dagegen unternehmen kann oder will.

 

Für Gott, Putin und das Vaterland

„Ich möchte, dass wir ein patriotischer Club bleiben, dass wir der Jugend ein Beispiel sind und etwas für unser Vaterland tun – was wir eigentlich bereits verloren haben, indem wir Jeans tragen, Kaugummi kaufen und zu McDonald's gehen", sagt Alexander Saldostanow, der Präsident der Nachtwölfe.

„Die Nachtwölfe sind ein Phänomen – wir sind grösser als ein

Automobilclub, weshalb uns sogar Präsidenten besuchen und der Patriarch uns seinen Segen gibt", sagt Saldostanow, ein ehemaliger Arzt, der bereits in den 1980er Jahren zur Motorradszene gehörte, gegenüber RIA-Nowosti. Tatsächlich kann den Nachtwölfen kein Club das Wasser reichen. Bereits 1989 gegründet, waren sie jahrelang die einzige Bikervereinigung im ganzen Land. Mit über 5000 Mitgliedern und fast 40 Niederlassungen in der gesamten ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa sind die Nachtwölfe nach wie vor der größte russische Bikerclub.

2009 besuchte Wladimir Putin, damals Premierminister, erstmals deren Motorrad-Show. Seither besucht Putin die Nachtwölfe jedes Jahr. 2010 gab er auf dem Festival des Clubs in Sewastopol (Ukraine) sein öffentliches Debut auf einem Dreirad an der Spitze der Biker-Kolonne und unterstrich so seinen Alphatier-Status in den Augen vieler russischer Wähler.

Die Nachtwölfe gingen auch schon mit der russisch-orthodoxen Kirche einen Schulterschluss ein, indem sie in einem Seitenhieb gegen die Hells Angels „Satanismus" öffentlich verurteilten. Der Club inszenierte im vergangenen April sogar eine Kundgebung zur Unterstützung der Kirche. Diese stand bei oppositionellen Medien stark in der Kritik aufgrund der mutmaßlichen Reichtümer ihrer Oberhäupter.

 

Waisenkinder und die Kirche, aber keine Politik

In der 170 000-Einwohner-Stadt Mytischtschi bei Moskau befindet sich die Clubbar des Motorradclubs M8. Gemäß dem Club-Präsidenten Tigran Galustow ist der Club wählerisch, was die Mitgliedschaften betrifft. „Viele Leute möchten Mitglied werden, aber wenn wir sie fragen, nicht was der Club für sie tun kann, sondern was sie für den Club tun können, murmeln viele nur irgendetwas Unverständliches daher", meint Galustow.

Zu den Clubaktivitäten gehören hauptsächlich „Events". Dazu gehören die Saisonbeginn- und –abschlussfeier, formelle Besuche bei freundlich gesinnten Clubs sowie Wohltätigkeitsaktionen.

Die M8 arbeiten mit Waisenhäusern und Kirchen zusammen, die Wolfsbrüder bringen Schülern Verkehrssicherheitsregeln bei, und die Nachtwölfe haben vom Staat soeben 3,7 Mio. Rubel (ca. 91 000 Euro) Unterstützungsgeld für Weihnachtsparties für bedürftige Kinder erhalten. Das Einzige, was etablierte Club-Biker nicht diskutieren, ist Politik. Galustow lehnt einen Kommentar zur Affäre der Nachtwölfe mit Putin ab und sagt nur, dass Saldostanows Verdienste gegenüber der russischen Bikergemeinschaft unschätzbar sind.

Dennoch heißt kein einziger Biker auf Anfrage von RIA Nowosti die Biker-Allianz mit dem Kreml gut, und verschiedene andere Club-Präsidenten unterstreichen in privaten Gesprächen, dass die Biker-Community sich nicht in die Politik einmischen sollte. Saldostanow könnte sogar zu einer Kooperation mit dem Kreml genötigt worden sein, vermutet ein älterer Biker, der darum bittet, anonym zu bleiben. Die Nachtwölfe hätten im Falle eines Durchgreifens durch den Staat viel zu verlieren, unter anderem Eigentum und Anstellungen der Mitglieder, unterstreicht er.

„Ich bin keine 100-Dollar-Note, die jeder gern hat", erwiderte Saldostanow auf Kritik. „Was Putin betrifft, so betrüge ich meine Freunde nicht. Und ich habe ihn bisher nichts tun gesehen, was mich beschämen würde", fügte er hinzu.

 

Internationales Drogenkartell will mitmischen

Der Zusammenstoß der Clubs am 20. Oktober war im Grunde auch ein Akt des Patriotismus, genauer gesagt: ein Versuch, ein internationales Drogenkartell daran zu hindern, in Russland Fuß zu fassen, ließen die Nachtwölfe später verlauten. „Wir haben gute Gründe zur Annahme, dass der Konflikt auf eine Intervention einer kriminellen Drogenhandel-Gruppierung zurückzuführen ist, die versuchte, die Tri Dorogi in deren Aktivitäten zu involvieren", ist in einer Stellungnahme auf der Internetseite der Nachtwölfe zu lesen.

Die fragliche „kriminelle Gruppe" sind die Bandidos, ein Club, der sich außerhalb der Gesetze wähnt, diese ständig übertritt und Niederlassungen

in der ganzen Welt hat, inklusive der Ukraine, nicht jedoch in Russland. Die Tri Dorogi mit Sitz in Selenograd, einer aufstrebenden Moskauer Vorstadt, pflegten früher eine freundschaftliche Beziehung zu den Nachtwölfen, bevor sie Anfang dieses Jahres begannen, mit den Bandidos gemeinsame Sache zu machen.

Die Nachtwölfe hätten die Absicht gehabt, ihre ehemaligen Verbündeten dadurch zu erniedrigen, dass sie ihnen die Clubfahne wegnehmen, was unter den meisten Biker-Clubs zu den schlimmstmöglichen Beleidigungen zählt, hört man aus verschiedenen Quellen außerhalb Saldostanows Club.

 

Eine ungewisse Zukunft

Die M8 und die Wolfsbrüder sind den Nachtwölfen freundlich gesinnt, und niemand hat auch den leisesten Wunsch nach Krieg. Und doch können sie

es nicht lassen, die Nachrichten und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Gerüchte ausgiebig zu diskutieren und sich zu fragen, ob sie weiterhin in Frieden leben können.

Was die Biker noch mehr als die Gefahr eines Konflikts unter den Clubs beunruhigt, ist die Frage, was der Staat unternehmen könnte, falls die Biker für die Machthaber zu einer Negativ-PR würden. „Sie könnten uns schlicht verbieten", sagt der Präsident der M8 Galustow grimmig. „Schlicht und einfach jedem verbieten, in den Farben seines Clubs oder näher als 40 Meter voneinander entfernt herumzufahren. Und was sollen wir dann dagegen tun?" Die Frage bleibt offen, solange die Behörden sich in kryptisches Schweigen hüllen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Moscow News. 


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