Arno Fischer-Ausstellung: Der bedeutendste Fotograf der DDR

Im Rahmen des Deutschlandjahres in Russland 2012/2013 zeigt das Staatliche Museums- und Ausstellungszentrum ROSFOTO in St. Petersburg 140 Werke des legendären DDR-Fotografen Arno Fischer.

Die gemeinsame Ausstellung vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem St. Petersburger Goethe-Institut widmet sich dem wohl bekanntesten und einflussreichsten Fotografen der DDR. Der im September 2011 verstorbene Arno Fischer revolutionierte die Fotografie – das Alltägliche wurde das besondere Motiv und Kunst.

Die Ausstellung eröffnet Fischers berühmte Serie „Situation Berlin" - die Öffentlichkeit konnte die Serie erst vierzig Jahre nach ihrer Entstehung in Augenschein nehmen. Bereits 1953, im Alter von 27 Jahren, hatte Arno Fischer die geteilte Stadt zu fotografieren begonnen.

In Berlin-Wedding geboren, war er nach einem Studium der Bildhauerei in Ost- und West-Berlin Assistent mit Lehrauftrag an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, zog in den Ostteil der Stadt, erhielt einen DDR-Ausweis und wandte sich ganz der Arbeit mit der Kamera zu. Die 1953 – acht Jahre vor dem Mauerbau – entstandene Aufnahme „Riss in der Mauer" wurde später als prophetisch bezeichnet, zeigt sie doch, wie zwischen zwei Fenstern in einer dicken Ziegelsteinwand ein gewaltiger Riss klafft.

Gerade dieses Foto sollte zum Symbol der geteilten Stadt werden und den Anfang einer Serie bilden, an der Arno Fischer bis 1960 arbeitete. Inmitten von Kriegsruinen hielt seine Kamera freudlose, verlorene, gleichsam in angstvoller Erwartung erstarrte Gesichter der Nachkriegsgeneration fest. Als der Bildband „Situation Berlin" im September 1961 bereits druckfertig vorlag, wuchs drei Wochen vor seinem Erscheinen in Berlin unverhofft die Mauer empor.

Revolutionäre Modefotografie


Erst dann auf den Auslöser des Objektivs zu drücken, wenn der Mensch nicht bemerkt, dass er fotografiert wird, das war ein fotografisches Credo Arno Fischers. So sehen es Andreas Rost und Frank Gaudlitz, beide seit langem Meisterfotografen. Bis heute sind sie stolz darauf, Schüler Arno Fischers zu sein. Rost und Gaudlitz sind nach St. Petersburg gekommen, um Fotointeressierten in Russland ihren Mentor und seine Arbeiten näher zu bringen.

In den 1970er Jahren widmete sich Arno Fischer der Modefotografie und verantwortete zusammen mit seiner Frau Sibylle Bergemann die fotografische Ausgestaltung der überaus beliebten DDR-Frauenzeitschrift „Sibylle". Fischer revolutionierte die Modefotografie, indem er die Mannequins vom Laufsteg und von der Bühne auf die Straße holte.

Andreas Rost schildert, dass der Meister Industrieanlagen als Hintergrund für die Aufnahmen wählte, weil er überzeugter Sozialist war. „Er hat postuliert, dass das Leben gut ist, wie es ist. Und dass man es nicht zu manipulieren, ein Bild nicht zu komponieren braucht, denn es trägt bereits die Komposition in sich", wiederholt Rost oft eine Maxime seines Lehrers.

Fischers berühmtester Fan: Marlene Dietrich


Gerade deshalb liebte auch Marlene Dietrich Arno Fischers Ästhetik des Fotografierens. Eine weitere Abteilung der Ausstellung zeigt bei einem Gastspiel der Diva 1963 in Moskau entstandene Aufnahmen, die Fischer international bekannt machten. Marlene Dietrich, die im Hinblick auf die fotografische Abbildung ihres bis ins Letzte durchdachten Images außerordentlich anspruchsvoll war, schätzte Arno Fischers fotografischen Blick.

Als das Kulturministerium der DDR den Fotografen 1964 zu einer Ausstellung seiner Bilder in die USA reisen ließ, bat ihn die Schauspielerin in einem persönlichen Brief um einige Negative. „Er hat Marlene Dietrich nicht so aufgenommen, wie Stars üblicherweise fotografiert werden, sondern die Momente eingefangen, wie sie den Konzertsaal betritt, die Menschen begrüßt, ihnen die Hand entgegenstreckt. Und obwohl Arno die Wirklichkeit niemals durch Retuschen manipuliert hat, bestellte die Dietrich wieder und wieder Reproduktionen dieser Serie."

Wichtig sind die Menschen


Arno Fischer fotografierte auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, und ganz gleich, ob die Aufnahmen in der UdSSR oder in den USA entstanden, stets verraten lediglich äußere Attribute den politischen Kontext. Im Fokus seines Objektivs befinden sich Menschen: Leningrader Schüler, New Yorker, die ihren Alltagsangelegenheiten nachgehen, die weltberühmte Primaballerina Maja Plissetzkaja...

Der Fischer-Schüler Frank Gaudlitz ist überzeugt, dass er ohne die Mentorenschaft des Meisters heute in seinem Metier nicht so weit gekommen wäre. Fischers fotografische Besessenheit wirkte ansteckend, begeisterte ihn selbst für das Fotografieren. „Arno war ein Mensch, der dem Leben in allen Details Aufmerksamkeit widmete. Ich habe ihn wie einen Vater empfunden, in professioneller Hinsicht wie im wortwörtlichen Sinne. Das ist ein ganz besonderes Gefühl, denn seine Fotografien haben nicht nur innere, sondern auch äußere Grenzen geöffnet, und das war sehr wichtig in der damaligen geschlossenen Gesellschaft."

Arno Fischer betonte stets: „Mit jungen Leuten zu arbeiten, ist mein Leben." Andreas Rost zitiert gern einen unumstößlichen Grundsatz Arno Fischers: „Wenn ihr einen Mann fotografiert, der an einer Bushaltestelle auf den Bus wartet, muss am Ende ein Foto entstehen, das mehr zeigt als einfach einen Mann an einer Haltestelle."

Die hinter jeder Aufnahme verborgenen Geschichten zu erzählen und erlebbar zu machen, das wollen Andreas Rost und Frank Gaudlitz in St. Petersburg die Teilnehmer eines Meisterkurses lehren.

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