Der Glaube ans Gesetz

Deutsche Bürokratie ist gefürchtet, russische Bürokratie ebenfalls – aus unterschiedlichen Gründen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen, 1806 von Napoleon liquidiert, verfügte über wunderliche Institutionen. Eine davon war das Reichskammergericht. Jeder Untertan, der sich von seinem Landesherren übervorteilt fühlte, konnte sich an diese Instanz wenden. Auch wenn manche Prozesse sich über ein Jahrhundert hinzogen, die Urteile galten als fair. Historiker meinen, dass hier ein Grund für den Glauben der Deutschen an Recht und Gesetz liegt, aber auch für ihre Toleranz gegenüber der Bürokratie.

Deutsche Bürokraten sind gefürchtet, russische Bürokraten ebenfalls – aus unterschiedlichen Gründen. Der deutsche Beamte nimmt das Gesetzbuch, schlägt es auf und pocht mit dem Zeigefinger auf den entsprechenden Paragraphen: „Da steht es geschrieben, so muss es gemacht werden, so und nicht anders!" Sein russischer Kollege hält das Gesetzbuch fest und grinst den Bittsteller an: „In diesem Buch stehen viele sehr unangenehme Dinge. Es ist besser, wir beide einigen uns gütlich ..."

Manchmal kann die russische Variante die angenehmere sein, ist man als Deutscher geneigt zu glauben, wenn man mal wieder vergeblich versucht hat, mit sturen Beamten zu diskutieren. Letztlich läuft es in beiden Fällen darauf hinaus, wie viel Geld jemand für den Schutz seiner Rechte aufbringen kann: in Russland in Form von Schmiergeldern und in Deutschland für Gebühren, Anwaltshonorare und Versicherungen.

Die Juristen nehmen sich, was sie als das Ihre sehen, so oder so. Natürlich ist das eine relativierende Betrachtungsweise. Es macht einen

Unterschied, ob die Gelder am Ende in der Staatskasse landen oder in den Taschen kleiner und großer Amtsträger. Und es macht auch einen Riesenunterschied, ob man in einem einigermaßen klaren rechtlichen Rahmen agieren kann oder in einem System, in dem noch vieles im Fluss ist. Wenn die Mehrheit der Bürger davon ausgeht, dass die Rechtspflege in erster Linie eine Quelle der persönlichen Bereicherung ist, bleibt am Ende nur der Appell an den Zaren. Darum hilft Putin vor laufender Kamera gerne Bürgern, die sich von Behörden schikaniert sehen. Das wiederum ist eine Tradition, die tief in der russischen Geschichte wurzelt.

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