Erweiterung von Nord Stream ökologisch heikel

Gazprom plant eine zusätzliche Pipelinestränge durch die Ostsee zu bauen. Experten betrachten diese Absichten skeptisch. Foto: ITAR-TASS.

Gazprom plant eine zusätzliche Pipelinestränge durch die Ostsee zu bauen. Experten betrachten diese Absichten skeptisch. Foto: ITAR-TASS.

Gazprom steht beim Bau neuer Pipelinestränge für das Nord Stream Projekt vor einer schwierigen Wahl. Die bevorzugte Leitung ginge durch ein Reservat, in dem Seehunde leben. Die Alternative wäre teurer und würde ebenfalls durch ein Naturschutzgebiet führen.

Die Erweiterung der Nord Stream Pipeline in Europa soll durch den Bau zusätzlicher Stränge erfolgen. Damit würde sich die Transportkapazität der Pipeline auf 100 Milliarden m³ im Jahr verdoppeln. Die ehrgeizigen Pläne gab der Vorstandsvorsitzende von Gazprom, Alexej Miller, am 8. Oktober auf einer Sitzung des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG bekannt.

Zuvor hatten sich Vertreter der Nord Stream AG zu einem streng vertraulichen Gespräch mit Experten dreier Naturschutzorganisationen getroffen, um die Varianten der Pipeline-Erweiterung vom ökologischen Standpunkt aus zu diskutieren. Erörtert wurden zwei Möglichkeiten der Rohrverlegung: über die Kurgalski-Halbinsel oder über das Kap Kolgompja. Letztlich wurde der Strecke durch das Kurgalski-Naturreservat der Vorzug gegeben.

Den Aktionären versicherte Miller am 8. Oktober, dass die Konstruktion von einem oder zwei zusätzlichen Strängen nicht nur technisch möglich und wirtschaftlich attraktiv, sondern auch ökologisch unbedenklich sei.

Lebensraum für Robben bedroht


Über den Finnischen Meerbusen verlaufen zwei Durchflugschneisen für Vögel: die Weißmeer-Ostsee- und die Kurgalski-Schneise. Letztere ist eine Zwischenstation auf dem Flug großer Vogelscharen, ein wichtiger Orientierungspunkt für die Migration von Gänsen, Enten, Schwänen und anderen Wasservögeln, die zum Nisten in den Norden Russlands und weiter nach Nordwesten ziehen. Das Kurgalski-Reservat unterliegt der internationalen Ramsar-Konvention und gehört zu den Bereichen, für die das Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Ostseegebiets gilt.

Vogelschützer wie Wiktor Subakin, Vorsitzender des Vogelschutzbundes von Russland, halten die Option Kurgalski für inakzeptabel. Michail

Kreindlin von Greenpeace merkt an, dass das Küstengewässer in den Grenzen des Kurgalski-Reservats – das Kurgalski-Riff - einer der wenigen russischen Lebensräume für die baltischen Unterarten der Kegelrobbe und der Ringelrobbe sei, die man in die Internationale Rote Liste gefährdeter Arten, in die Rote Liste Russlands und in die Rote Liste des Leningrader Gebiets aufgenommen habe. „Die Verlegung der Pipeline würde unweigerlich zur Zerstörung dieser Lebensräume führen, wodurch der Robbenpopulation schwere Schäden zugefügt werden könnten", warnt Experte Kreindlin.

Alternativvariante gefährdet geschütztes Seensystem


Die zweite Variante wäre die Verlegung des Pipelinestranges durch das Kap Kolgompja, das sich etwas nördlich vom Kurgalski-Reservat befindet. Doch die Ökologen hegen hinsichtlich dieser Alternative ebenfalls Befürchtungen, denn höchstwahrscheinlich würde darunter das nahegelegene Kotelski-Naturschutzgebiet leiden, das sich durch ein einzigartiges Seensystem auszeichnet.

Auch bei Nord Stream schätzt man die zweite Variante, also die Verlegung der Pipeline durch Kap Kolgompja, nicht sehr hoch ein, denn der Bau wäre technisch komplizierter und folglich, wegen der tieferen Konstruktion, teurer. Außerdem ist dieses Gebiet dem wichtigsten Schifffahrtsweg durch die Ostsee näher.

Ein Sprecher von Nord Stream verwies darauf, dass die endgültige Entscheidung über die Routen der neuen Pipelinestränge dann getroffen werde, wenn sämtliche Informationen zu beiden Alternativen vorlägen. Zurzeit wäge man die finanziellen, technischen und ökologischen Details der Bauarbeiten ab. Der Aktionärsausschuss habe beschlossen, die weitere Entwicklung des Projekts im Rahmen einer separaten Firma durchzuführen, die im ersten Quartal des Jahres 2013 gegründet werden solle.

Nachfrageentwicklung nach russischem Gas bleibt unklar


Experten betrachten die Pläne zum Bau zusätzlicher Pipelinestränge durch die Ostsee insgesamt skeptisch und sehen Konsultationen zu Umweltaspekten als verfrüht an. Zunächst müsse die Wirtschaftlichkeit des gesamten Projektes nachgewiesen werden.

„Dieses Projekt ist äußerst umstritten, da die Nachfrage derzeit nicht gesichert ist. Anscheinend rechnet Gazprom damit, dass die

Erdgasförderung in den europäischen Ländern weiterhin zurückgehen wird, was sich auch auf die Nachfrage nach russischem Gas positiv auswirken könnte", meint Witali Krjukow von IDF Capital. Nach Ansicht des Finanzanalysten hat es keinen Sinn, zusätzliche Stränge zu bauen. Einfacher wäre es, sich mit der Ukraine zu einigen. Allerdings gebe es dort schwierige politische Konstellationen, aufgrund derer Gazprom bemüht sei, das gesamte Gasvolumen auf die nördliche und südliche Pipeline sowie auf Weißrussland zu verlagern.

Michail Krutichin von RusEnergy wies darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Kapazität der beiden ersten Stränge von Nord Stream nicht genutzt werde, da die Gasnachfrage in Europa nicht wachse. Nach den Worten des Analysten habe Deutschland, von dem der Bau des geplanten Stranges abhängig sei, bisher kein Interesse an zusätzlichem Gas aus Russland erkennen lassen.

Dieser Beitrag ersschien zuerst bei Iswestija

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland