Ni Puha, ni Pera! Von Aberglaube und bösen Blicken

Die Studenten glauben, dass es bei Prüfungen hilft, wenn man in der U-Bahn Station „Platz der Revolution“, wo die Skulpturen der revolutionären Kämpfer stehen, den Schäferhund des roten Matrosen an die Schnauze fasst. Foto: ITAR-TASS.

Die Studenten glauben, dass es bei Prüfungen hilft, wenn man in der U-Bahn Station „Platz der Revolution“, wo die Skulpturen der revolutionären Kämpfer stehen, den Schäferhund des roten Matrosen an die Schnauze fasst. Foto: ITAR-TASS.

Unsere Kolumnistin Adele Sauer erzählt über die typische russische Aberglauben.

Ni Puha, ni Pera: Diese auf den ersten Blick nichts sagenden Worte sind ein guter Wunsch, so wie toi, toi, toi zum Beispiel. Übersetzt heißt das „Weder Fell noch Federn!" das wurde früher bei den Ostslawen als gutes Wort mit auf den Weg gegeben. Ursprünglich hieß der Spruch aber „I pucha i pera!" Sowohl Wildgeflügel als auch Pelztiere sollten zur Jagdbeute gehören.

Aber weil man hier in diesen Breiten an den bösen Blick glaubt, der alles verhexen und jedes Vorhaben zunichte machen kann, wurde es umgewandelt in einen Antispruch. Da konnte dann nichts mehr schief gehen. Geantwortet wird auf diesen Wunsch „K chertu! Zum Teufel!"

Heutzutage wird dieser Wunsch bei weitem nicht nur den Waidmännern mit ins Gehölz gegeben, sondern er ist universal einsetzbar: vor Prüfungen, Theateraufführungen, Bewerbungsgesprächen, Rendezvous, vor langen Reisen usw.usf. Es soll auch ungeheuer helfen, wenn man den Prüfling just zur Prüfungszeit nach allen Regeln der Kunst aus der Ferne beschimpft und kein gutes Haar an ihm lässt. Das hält die bösen Geister ab und er besteht die Prüfung.

Es hilft aber auch bei Prüfungen und anderen Unbilden, wenn man in der Metrostation „Platz der Revolution", wo die Skulpturen aller möglichen revolutionären Kämpfer heroisch blickend stehen, den Schäferhund des roten Matrosen an die Schnauze fasst. Kann man gar nicht verfehlen, denn sie glänzt von den unzähligen Berührungen wie Gold. Das haben sich die Studenten der technischen Baumann-Universität ausgedacht und nun wird es von allen, die an den Hunden vorbei kommen, wie ein Kult ausgeführt. Dabei werden die gestressten und unfreundlichen Gesichter für einen Moment weich und es schleicht sich sogar ein Lächeln auf die Antlitze.

Dieser geheimnisvolle böse Blick, den alle hinter allem und jenem wittern (im Deutschen gibt es zum Beispiel gar kein Wort dafür, etwas oder jemandem mit einem bösen Blick zu strafen) wird also permanent abgewehrt, indem niemand zugibt, glücklich zu sein oder dass es ihm gut gehe. Es könnte ja jemand, der einem nicht wohl gesonnen ist, hören, dass es einem gut geht und das gleich abändern wollen, und zwar mit dem besagten bösen Blick!

Deshalb kriegt man auf die Frage nach dem Befinden, die ja oftmals nur eine rhetorische ist, ganze Berichte vom schweren Leben zu hören. Ist aber zugegebenermaßen interessanter als das sterile amerikanische „Fine!"

Genau wegen des bösen Blickes werden Neugeborene auch keinem gezeigt und dürfen lange Zeit nicht fotografiert werden. Dafür müssen sie aber nicht gleich, so wie das in Deutschland üblich ist, einen Namen bekommen. Die Eltern wollen erst mal sehen, was da für ein Typ geboren wurde und welcher Name am besten zu ihm passt.

Das stimmt meiner Meinung nach nicht ganz, ist eher auf Denkfaulheit der werdenden Eltern zurück zu führen. Woher kämen dann die Armeen von Nastjas und neuerdings von Sofjas? Dafür gibt's hier aber deutlich weniger Kevins und Mandys. Gott sei Dank. Da wäre nämlich die Frage zu stellen, wie man sein muss, um so heißen zu müssen.

Ein weiterer Aberglaube ist, dass für das Baby vor der Geburt nahezu nichts angeschafft werden darf, das bringe auch Unglück. Kein Kinderwagen, kein Bett, keine Wäsche, das wird alles im Eiltempo nach der Geburt zusammen geholt. Das könnte man aber jetzt abschaffen, denn ich denke, dass wegen der hohen Säuglingssterblichkeit und der Massenarmut zu früheren Zeiten einfach abgewartet wurde, ob das Kind überlebt oder nicht, um unnötige Ausgaben zu vermeiden.

Kommt man zu Besuch, gibt man die Hand keinesfalls über die Schwelle, entweder der Besuchte kommt heraus oder wir gehen hinein. Das ist so wie bei uns, wenn sich die Hände kreuzen, weil sich 4 Mann gleichzeitig begrüßen wollen. Dafür rufen Schuhe auf dem Tisch hier keinen Aufschrei wie zu Hause hervor. Schuhe auf dem Tisch gibt nämlich Ärger, genau wie Hände begucken.

Taschentücher und scharfe und spitze Gegenstände verschenkt man weder in Russland noch in Deutschland, das gibt Tränen bzw. zerschneidet die Freundschaft. Mit einem Rubel Ablöse kann der Beschenkte aber alles wieder „rund" machen.

Nun wissen wir endlich, warum so viele schöne junge Mädchen ihren älteren Gönnern wieder davon laufen. Als ihnen die Herren jeden Wunsch von den Augen ablasen und sie mit Geschenken überhäuften, waren da auch sicher Schuhe dabei. Und wenn die jungen Damen da keinen Rubel bezahlt haben, führt ein solcher Schuhkauf ebenfalls zur Trennung.

Wird eine neue Wohnung bezogen, lässt man erst eine Katze durch alle Räume streifen. Das soll Glück bringen. Und es wird etwas Essen auf die Schwelle gelegt für den Hausgeist. Verschüttetes Salz gibt hie wie da Ärger, aber ausgehen sollte das gute Salz nie im Haushalt, denn sonst ist es Ebbe mit der Penunse.

Und denken Sie immer dran, wenn Sie eine schwarze Katze sehen: rechts pecht's, links gelingt's. Ob das die Katze auch weiß?