Ort der Toleranz

Das erste jüdische Museum Russlands wurde Mitte November in Moskau eröffnet. Die eindrucksvolle Ausstellung widmet sich den letzten beiden Jahrhunderten jüdischen Lebens auf russischem Territorium.

Sogar der israelische Präsident Schimon Peres war zur Einweihung des größten jüdischen Museums der Welt nach Moskau gekommen. Es verfügt über 8500 m² Fläche in der „Garage Bachmetjewski", einem konstruktivistischen Gebäude des berühmten Architekten Konstantin Melnikow aus dem Jahr 1927.

Bis letztes Jahr beherbergte die „Garage" ein sehr gut besuchtes Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der Bund der jüdischen Gemeinden Russlands, der dieses Bauwerk seit 2001 besitzt, liebäugelte zehn Jahre lang mit dem Vorhaben, hier das zu eröffnen, was erst nach aufwändigen Recherchearbeiten und dem Einwerben von 50 Millionen Dollar privater Spender möglich geworden ist.

Das Ergebnis ist bemerkenswert. Durch seine Konzeption und die Vielfalt seiner Sammlung gehört dieses Museum seit seiner Eröffnung zu den Orten, die man in Moskau unbedingt besucht haben sollte. „Wir haben das Museum als Zeitreise auf zwei Achsen geplant, die beide zum Zweiten Weltkrieg führen", erklärt Ralph Appelbaum, der das Museum gestaltet hat.

Der geschickte Einsatz der Beleuchtung lenkt die Aufmerksamkeit des Besuchers auf riesige Fotografien an den Wänden, auf Skulpturen und Gegenstände, die das Leben der Juden beschreiben. Die Bandbreite reicht vom Schtetl, Dorf mit mehrheitlich jüdischer Bevölkerung, des 18. Jahrhunderts bis hin zu den großen Städten des 20. Jahrhunderts.

Video: Emmanuel Grynszpan, Russland HEUTE.


Der Rundgang beginnt mit der Vorführung eines zehnminütigen Films, der die Anfänge zeigt, von der Schöpfung bis zum Beginn der Diaspora. Verlässt man den Kinosaal, stößt man auf eine große „Karte der Emigration" in Kugelform, welche die erstaunliche geografische Verteilung des Hebräischen darstellt.

Lebensgroße Modelle, Hologramme, Videos und Skulpturen rekonstruieren das Innere eines jüdischen Haushalts in einem Schtetl. Dann folgt am Ende des 19. Jahrhunderts die massenhafte Abwanderung in die Städte, die am Beispiel von Odessa illustriert wird. In dieser offenen Stadt kann man sich zu dem Schriftsteller und Bühnenautor Scholem Alejchem sowie zu anderen lokalen, jüdischen Größen an den Tisch setzen.

Ralph Appelbaum setzt sich dem Humoristen Alejchem gegenüber und zeigt auf die virtuellen Bücher auf dem Tisch. Die Bücher öffnen sich beim Berühren wie bei einem iPad das Menü. Mit moderner Animation wie interaktiven Wissenstests oder Sensorbildschirmen sollen insbesondere Kinder und Jugendliche für das Thema Geschichte angesprochen werden.

Im Zentrum des Museums, wo beide Hauptachsen aufeinander treffen, befindet sich ein riesiger Panoramabildschirm, auf den dokumentarische

Bilder projiziert werden, die tragische Momente des Zweiten Weltkriegs zeigen: Babij Jar, die Massenhinrichtungen durch die Nazis, die Blockade Leningrads, die Schlacht von Stalingrad und schließlich den Sieg über Hitler. Dem Bildschirm gegenüber steht ein Denkmal in Form einer Pyramide, bei der man eine Kerze anzünden kann, um der Millionen Opfer zu gedenken, deren Namen abwechselnd auf einem großen, schwarzen Bildschirm angezeigt werden.

Museum wirbt für Toleranz und will breites Publikum erreichen


Das Museum legt besonderen Wert auf Interaktivität und Öffnung für ein möglichst großes Publikum. Diese nach außen gerichtete Aufmerksamkeit unterstreicht den Willen, nicht zu Kommunitarismus oder Sektierertum zurückzukehren, ein Vorurteil, dem das jüdische Volk immer wieder zum Opfer gefallen ist.

Es handelt sich nicht in erster Linie um ein Museum, das „von Juden für Juden gemacht ist", sondern eher um einen Ort, der das Ansehen der Juden innerhalb der russischen Bevölkerung verbessern soll. „Die Idee besteht darin, die kulturelle Vielfalt der Völker zu unterstreichen, die in Russland leben", erklärt Ralph Appelbaum.

Daher auch die lange Bezeichnung „Jüdisches Museum und Zentrum für Toleranz", die ein wenig der politischen Korrektheit geschuldet zu sein scheint. Die Idee eines neuen jüdischen Museums habe Präsident Wladimir Putin sofort unterstützt, betont Alexander Boroda, der Präsident des Museums und des Bundes der jüdischen Gemeinden in Russland.

Bei den schmerzhaften Phasen der Koexistenz zwischen Juden und Russen wird die Ausstellung spärlicher. Das betrifft beispielsweise die Pogrome der russischen Zaristen und die Erfindung des berühmten gefälschten „Protokolls der Weisen von Zion", das von der Geheimpolizei des Zaren erstellt wurde und bis heute Schaden anrichtet.

Der Schwerpunkt liegt jedoch auf dem Zweiten Weltkrieg, unter dem beide Völker gemeinsam gelitten haben. In seinem Grußwort zur Eröffnung rief Wladimir Putin dazu auf, dass beide Völker die Erinnerung an diese tragische Epoche wach halten und gegen jede Art des historischen Revisionismus kämpfen müssen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland