Die Löcher von Beslan

Die Gluthitze von Beslan senkt sich wie eine Vorahnung über den Tag. Wir befinden uns im September 2004. Erster September, Schulbeginn. Weit über tausend Menschen haben sich versammelt, um die Kinder auf einen neuen Lebensabschnitt zu geleiten. Maskierte Terroristen, schwerbewaffnet mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Sprengladungen überfallen sie und nehmen sie in der Mittelschule Nr. 1 gefangen. Drei Tage lang harren die Kinder, Eltern und Lehrer in der Turnhalle aus. Dann Explosionen. Eine wilde Schießerei. Weit über 300 Menschen finden den Tod. Es hatte ein Fest des Lebens sein sollen.

Der Name Beslan ist in Großbuchstaben im Schwarzbuch der menschlichen Gräueltaten verzeichnet.

Sommer 2012. Acht Jahre sind vergangen. Ermattet und ausgedörrt betrete ich Boris Lebensmittelladen auf dem Prospekt Kosta. Wladikawkas, Gebietshauptstadt Nordossetiens. Die Gluthitze reicht meinem Äußeren nicht zum Vorteil, mein Hemd ist dreckig und schweißdurchtränkt. Aus dem Hinterzimmer erscheint ein grauhaariger Mann, Boris. Er lebt in Beslan und wird mich durch seine Stadt führen.

Durch die ossetische Steppe fahren wir, die hohen Gipfel des Kaukasus hinter uns lassend. Boris hatte mich sofort eingeladen, seine Frau nickte die schon beschlossene Sache nur noch ab. Ich sitze im roten Lada ohne Sitzbank, das Fenster weit geöffnet.

Wir biegen in Boris Straße ein. Kaminrote Backsteinmauern verbergen die Innenhöfe, die Sommerküchen, die Gärten und Häuser der Stadt. Wein rankt an seinem Wohnzimmerfenster hoch. Die alte Mutter ergreift meine Hand. Sie bedankt sich bei mir, wofür, dass ich ihr Gast heute bin. „Setz dich, iss, Schwiegertochter, bewirte den Gast und deinen Mann."

An Gastfreundschaft haben die Osseten durch den Terrorakt 2004 nicht

eingebüßt. Boris gießt einen Schnaps ein. „Wir wollen uns nicht betrinken, aber die Tradition verlangt es." Er schält Knoblauch, bricht Brot, hebt das Glas. Eine Melodie ertönt, ein Lobgesang und Hoch auf die Gastfreundschaft, auf den Fremden, der Reichtum ins Haus trägt. Außer staubigen Fußabdrücken habe ich bislang nichts hinterlassen. Berührt sauge ich die liebliche Geste auf und verziehe mein Gesicht, als das Feuerwasser bitter meine Kehle herunterspült. Nach drei Schnäpsen ist der Tradition ausreichend Genüge getan.

„Als ich die ersten Schüsse vernahm, als die Terroristenschweine unsere Hoffnung, unsere Zukunft, unsere Liebe zu Geiseln machte, da griff ich mein Gewehr. Meine Kinder waren im Hof, Gott möge sie schützen. Meine leiblichen Kinder, meine Frau, meine Mutter, sie waren in Sicherheit."

Hinter der Backsteinmauer und den Weinreben harrten sie die drei Tage aus. Gingen nicht auf die Straße. Denn das Chaos war allgegenwärtig, überall liefen Bewaffnete, Soldaten und Bürger, wer konnte nicht sagen, dass auch Terroristen darunter waren? „Es sind ja einige entkommen." Sagt man. „Die Schule war vom bewaffneten Durcheinander umstellt, ich verstand die Situation nicht, schlief nicht, weinte nicht, aß nicht, lebte nicht drei Tage lang. Blickte nur ins Leere, sorgte für meine Familie."

Große Holzplanken versperren die Fenster der Mittelschule Nr.1. Wir öffnen ein Eisentor und gelangen auf den Hof. Der Wachposten schläft im Bauwagen, wir wecken ihn. Schleichen durch die zerstörte Turnhalle. Kuscheltiere in jeder Ecke. Ein großes Kreuz. Wasserflaschen. Drei Tage gab es kein Wasser. Der Basketballkorb ein Trauergerippe.

Beslan wirkt ordentlich. Mit dem Fahrrad besichtigen wir die Stadt, neuer Asphalt und gute Dächer. „Das sind die Entschädigungszahlungen", meint Boris. Aber man kann das Leid nicht zählen noch abbezahlen. Neue Plastikfenster und ein Zaun, lächerlicher Preis für Kinder, Eltern, Verwandte. Freunde.

Wir fahren vorbei an der neuen Moschee, Gründerzeithäusern, wollen zum Friedhof. Kinder jauchzen beim Fußballspiel, ein nagelneuer Sportplatz breitet sich vor uns aus. Der modernste Tennisplatz südlich von Moskau muss dieser in Beslan sein. Flutlicht erhellt alles. Vielleicht will man Licht in die finstere Vergangenheit der Stadt bringen.

„Was bedeutet für dich Normalität?" frage ich Boris. Er streichelt über einen Grabstein. Es hätten seine Kinder sein können. Er überlegt. Weit erstrecken sich die marmornen Grabplatten in die Nacht. „Wir haben so viel verloren, aber es gibt Zukunft für unsere Kinder."

Boris Laden hat es ihm ermöglicht, die älteste Tochter nach St. Petersburg an die Universität zu schicken. „Ich war hundertmal am Friedhof, habe Bekannte besucht. Normal wird es hier nie werden. Jedes Grab ist ein Loch unserer Seelen und Herzen." Sie haben versucht alle Löcher zu stopfen. Asphalt über die Straße, eine Gedenkstätte über die Turnhalle. Ein Sportplatz gegen das Grübeln und Flutlicht gegen die Nacht. Doch die Löcher der Seelen sind tiefer. Man spürt es in Beslan.

Boris nimmt mich auf wie ein Vater. Schenkt mir Geschichten und Gedanken, teilt mit mir seine Lebenszeit. Seine Familie hat niemanden verloren. Aber ich sehe das tiefe Loch in seinem Gesicht.