Heimweh nach Russland

Dmitri Bulykin ist zum Holländischen Meister mit Ajax Amsterdam im Saison 2011/12 geworden. Foto: Getty Images.

Dmitri Bulykin ist zum Holländischen Meister mit Ajax Amsterdam im Saison 2011/12 geworden. Foto: Getty Images.

Eher aus Verlegenheit ging Dmitri Bulykin nach Europa und wurde hier zu einem gefragten Fußballer. Doch nach fünf Jahren in Deutschland und Holland träumt der Stürmer von einer Rückkehr in die Heimat.

Wir treffen uns mit Dmitri Bulykin im „Alpha Tower", dem höchsten Gebäude der holländischen Stadt Enschede. „Twente", der hiesige Fußballverein, ist seine sechste Station in den fünf Jahren, die er nun schon in Europa tätig ist. Zuvor war er bereits bei Bayer 04 Leverkusen, RSC Anderlecht, Fortuna Düsseldorf, ADO Den Haag und Ajax Amsterdam unter Vertrag. Doch nun zieht es ihn nach Russland zurück.

„Aus europäischer Sicht wirkt die Organisation unserer Fußballklubs ziemlich komisch, " meint Bulykin und zuckt verlegen mit den Schultern. „Es ist unmöglich herauszufinden, wer was leitet, wer welchen Spieler kauft und wer überhaupt was macht", beklagt er. Deshalb halte er es für seine Pflicht, seine Erfahrungen zu teilen, obwohl er befürchtet, dass nicht alle seinen Rat haben möchten.

Erst in Europa platzte der Knoten


Eigentlich ging Bulykin aus Verzweiflung in den Westen, da er keinen anderen Ausweg mehr sah. In Russland jedenfalls gab es für ihn keine sportliche Zukunft. Er galt als ewiges Talent, dem allerdings regelmäßige Discobesuche wichtiger sind als alles andere. Im letzten halben Jahr vor seiner Abreise nach Deutschland war er zwar formell in der zweiten Mannschaft des Fußballklubs „Dynamo Moskau", aufgestellt wurde er jedoch nicht. Im Jahre 2007 ging er schließlich nach Europa um zu beweisen, dass er doch ein erstklassiger Spieler ist.

Seine beste Zeit hatte er bei ADO Den Haag, wo er in der Saison 2010/11 mehr als zwei Duzend Tore schoss und damit dem Klub zum Einzug in die Europa League verhalf. Es folgte der Ruf zu Ajax Amsterdam, wo sich Bulykin trotz beachtlicher Ergebnisse nicht lange halten konnte.

Nun, inzwischen bei „Twente" verpflichtet, will er nicht ewig bleiben. Sein Traum ist es, seine Karriere in Russland zu beenden. „Ich fühle mich in

Europa zwar wohl, doch leben möchte ich hier nicht für immer. Ich bin in Moskau geboren und auch mein Haus und meine Familie sind dort. Ich möchte wieder nach Russland zurückkehren, um mir dort etwas Beständiges aufzubauen", sagt er. Vor seinem Ausflug nach Europa sei ihm nicht bewusst gewesen, wie „schön und richtig", angefangen vom Fußball bis hin zu anderen Dingen im Leben, alles sein könne. Es sei nur schade, dass in Russland fast alles von Leuten abhänge, „die keine Ahnung" hätten.

Bulykin lebt alleine in Holland. Seine Frau fliegt in regelmäßigen Abständen zu Besuch ein. So ist es auch heute. Dmitri fährt zum Flughafen, um sie dort abzuholen und bietet uns an, uns nach Amsterdam mitzunehmen. Auf dem Weg dorthin kommt er ins Plaudern.

„Wisst ihr, wie man Verkehrsstrafen umgehen kann?", fragt er uns und antwortet dann auch gleich selbst. Laut deutschem Gesetz müssten bei einer Bestrafung wegen Geschwindigkeitsüberschreitung die Autos von vorne geblitzt werden, laut holländischem Gesetz von hinten. Daher meldeten viele Holländer ihre Autos in Deutschland an und wenn man sie dann in Holland wegen Schnellfahrens bestrafen wolle, verweigerten sie einfach die Zahlung der Strafgebühr.

Doch im Großen und Ganzen hielten sich die Europäer an Regeln. Wenn man ihnen beispielsweise erkläre, dass es überall in den Gesetzen Schlupflöcher gebe, dann hörten sie einem zu und stimmten einem sogar bei. Letztendlich sagten sie dann allerdings doch: „Nein, so etwas darf man nicht tun." Europäer verstünden Russland, so Bulykins Erfahrung, teilweise überhaupt nicht.

Wir jagen in Richtung Amsterdam. „Jetzt bin ich nicht mehr so oft dort", sagt er etwas wehmütig. „Als ich für „Ajax" spielte, kannte ich jeden in der Stadt. Hier interessieren sich alle für Fußball. Viele kennen mich, grüßen mich auf der Straße und wünschen mir Glück. Dabei halte ich mich in Holland nicht einmal für einheimisch, doch ich bin sehr froh darüber, dass ich anderen viel Freude bereiten kann.

Einmal beispielsweise kam ein Mann zu mir und sagte: „Dmitri, Sie sind das Idol meines Sohnes. Er macht Ihnen alles nach. Er hat sich sogar dieselben Fußballschuhe wie Sie gekauft!" In Russland würde einem so etwas nicht passieren, sinniert der Fußballstar.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Moskowskije Nowosti.

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