Russische Filmwoche: „Intelligenter Mainstream“ statt Schwarzmalerei

Organisatorin der "Russischen Filmwoche" Julia  Kuniß: Das Publikum ist müde geworden pessimistische Filme zu sehen. Auf dem Bild: Spielszene aus dem Film "Stahlschmetterling".  Foto: Kinopoisk.ru

Organisatorin der "Russischen Filmwoche" Julia Kuniß: Das Publikum ist müde geworden pessimistische Filme zu sehen. Auf dem Bild: Spielszene aus dem Film "Stahlschmetterling". Foto: Kinopoisk.ru

Interview mit Julia Kuniß, Erfinderin und Organisatorin der „Russischen Filmwoche“ in Berlin

Russland HEUTE:  Sie gelten zusammen mit Ihrer Kollegin Julia Leonenko neben der russischen Agentur Interfest als die Erfinderinnen und Organisatorinnen der „Russischen Filmwoche". Ihre Agentur in Berlin nennt sich Interkultura Kommunikation. Was sind die Aufgaben dieser Agentur?

Julia Kuniß: Interkultura Kommunikation Leonenko & Kuniß GbR, Berlin–Moskau ist spezialisiert auf die Konzeption, Organisation und Public Relations von kulturellen Events in Deutschland und Russland. Das heißt als Projektleiterinnen der Agentur müssen wir natürlich über umfassende Kenntnisse der internationalen Filmbranche verfügen.

Zudem haben wir langjährige Erfahrungen im Bereich Public Relations und Event-Management in Deutschland und in Russland gesammelt. Zu den wichtigsten Projekten der Agentur gehört die seit 2005 veranstaltete „Russische Filmwoche" in Berlin.

Mit wem außer Gazprom als Sponsor arbeiten Sie sonst noch zusammen?


Gazprom Germania GmbH ist seit 2005 der Hauptförderer des Filmfestival in Berlin, das wir gemeinsam mit unserem russischen Partner „Interfest" und mit freundlicher Unterstützung des Kulturministeriums der Russischen Föderation veranstalten. Berlin und Moskau sind ja Partnerstädte und so waren wir zum Beispiel 2011 für das Projektmanagement des Kulturprogramms der Berliner Tage in Moskau und der Moskauer Tage in Berlin zuständig.

Dieses Jahr, im September, haben wir die Deutsch-Russischen

28.11. - 5.12.2012 „Russische Filmwoche in Berlin – Vielfalt des russischen Kinos"

Studentenfilmtage in Moskau mit Arbeiten deutscher Film-Schulen - wie beispielweise der Konrad-Wolf-Filmhochschule in Potsdam - veranstaltet. Umgekehrt zeigen wir jetzt in Berlin auch Studenten-Arbeiten der verschiedenen Filmhochschulen in Moskau innerhalb der „Russischen Filmwoche" in unserem Rahmenprogramm, das im „Arsenal", dem Institut für Film und Videokunst, gezeigt wird. Moskau hat inzwischen neben dem 1919 gegründeten WGIK, dem Gerassimow-Institut für Kinematographie, eine große Anzahl von privaten Filmschulen wie etwa die der berühmten Dokumentaristin Marina Razbezkina.

Ihre Funktion innerhalb des Organisationsteams nennt sich „artistic director". Welchen Einfluss nimmt Gazprom als Haupt-Sponsor auf ihre Arbeit? Können Sie ihre Vorstellungen gegenüber diesem Förderer und Mitveranstalter durchsetzen? Oder haben sich die Arbeitsbedingungen im Laufe der letzten Jahre verändert?


Gazprom hat nie Einfluss auf unsere Inhalte genommen, dafür unsere neuen Ideen unterstützt und auf diese Weise geholfen die Filmwoche immer weiter auszubauen. Für das Hauptprogramm hat es immer schon Absprachen mit unserem russischen Partner „Interfest" gegeben.

Nur mit der Zeit haben wir mehr Erfahrungen in Bezug auf die Publikums-Erfolge und den Publikums-Geschmack gemacht. Der hat sich sehr verändert. „Interfest" hat sich schon immer um die Rechte gekümmert. Aber die Rechte-Beschaffung ist schwieriger geworden. Es sind inzwischen viel mehr Film-Einkäufer und -Verleiher auf dem Markt.

Die Bedingungen haben sich mehr und mehr kommerzialisiert. Wir können Filme heute nicht mehr so einfach bekommen wie früher. Dafür können wir die zehn für die „Russische Filmwoche" ausgewählten Arbeiten aber heutzutage in vier Berliner Kinos zeigen.

Ist „Red Square Screening", die in Cannes 2012 von RAC (Russions Are Coming!) ins Leben gerufene internationale Film-Show, die jetzt jährlich auf dem Roten Platz in Moskau stattfinden soll, ein gutes Beispiel für die Markt-Entwicklung? Wenn sich dort nicht nur die Film-Industrie der gesamten postsowjetischen Territorien präsentiert, sondern auch ein Markt für internationale Koproduktionen geschaffen wird, was bleibt dann für kleinere Film-Festivals wie das Ihre noch übrig?

Das eine schließt das andere nicht aus. Wir versuchen ein Programm für den „Intelligenten Mainstream" zusammenzustellen. Also Filme für ein großes Publikum zu finden und mit einem Augenzwinkern eine neue Tendenz herauszukristallisieren: Den „satirischen Blick" auf gesellschaftliche Missstände.

Früher herrschte eher, auch in internationalen Filmen, eine Schwarzmalerei dieser Missstände vor. Solche Arbeiten wurden meist nur als Nischenfilme gezeigt. Das Publikum ist aber müde geworden diese Art von Filmen zu sehen.

Bei den Historienschinken verhält es sich ähnlich. Heute wird, meiner Meinung nach, eine satirische Machart bevorzugt, um Gesellschafts-Kritik zu üben. Zumindest das Publikum zwischen 30 und 45 kehrt jetzt wieder an die Kinokassen zurück -  auch wenn die 15- bis 25-jährigen anscheinend, leider noch immer zu 58% die Sorte russischer Filme mögen, die in Anlehnung an US-Amerikanischen B-Movies produziert werden.

Welche Filme Ihres diesjährigen Programms würden Sie denn als Beispiele für „Intelligenten Mainstream" gelten lassen oder sogar empfehlen können?

Das Kriminal-Drama „Stahlschmetterling" von Renat Dawletjarow. Das ist Unterhaltung, Genre-Kino und doch mehr als nur ein Krimi. Es geht ums Erwachsenwerden, um Psychologie. Einem 40-jährigen Offizier in einer Polizeistation am Rande von Moskau kommt unerwartet ein Waisenmädchen bei der Verfolgung eines Serienmörders zu Hilfe. Äußerst unterschiedlich im Charakter geraten sie immer wieder aneinander obwohl sehr schnell klar wird wie ähnlich ihre Weltanschauung ist.

Oder „Erzählungen" von Michail Segal, in dem ein junger Schriftsteller ein Manuskript mit vier Kurzgeschichten in einem großen Moskauer Verlagshaus abgibt, die dann eigenartigerweise das Leben derjenigen beeinflussen, die darin lesen. Diesem Film haben Sie das Etikett „Mystischer Triller" gegeben. Warum das?

„Erzählungen" bietet gleichzeitig wie auch „Stahlschmetterling" etwas Geheimnisvolles. Außerdem ist er wie auch das Jugendmelodram „Nichtstuer" von Andrej Sajzew ein Beispiel für das Genre „Melancholie des Russischen Kinos". Bei „Nichtstuer" denken wir auch daran, dass er sich gut für Schulunterrichts-Programme eignen könnte, so wie sie etwa das „York Kino" zeigt.

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