Die eigenen Fans – eine Gefahr für den Fußball

Diese Fans sind keine Außerirdischen, sondern Mitglieder unserer Gesellschaft", so der Präsident des Klubs „Dynamo".  Foto: Kommersant.

Diese Fans sind keine Außerirdischen, sondern Mitglieder unserer Gesellschaft", so der Präsident des Klubs „Dynamo". Foto: Kommersant.

Beim Spiel Zenit St. Petersburg gegen Dynamo Moskau traf ein Böller den russischen Nationaltorwart Anton Schunin. Nun fordern Sportfunktionäre ein Ende der Hooligan-Attacken in Russlands Fußballstadien. Denn nicht nur der russische Fußball leidet unter den Rabauken: Wie soll die WM 2018 im eigenen Land friedfertig verlaufen?

Gleich zu Beginn des Klassikers in der Arena von Chimki flogen Münzen, Feuerzeuge, Böller aufs Spielfeld. Anton Schunin wurde von einem Böller so schwer getroffen, dass er kurzzeitig das Bewusstsein verlor. Die Ärzte des FC Dynamo behandelten ihn glücklicherweise sofort, so dass er nach 15 Minuten wieder zu Bewusstsein kam. Der Schiedsrichter Alexej Nikolajew brach daraufhin das Spiel sofort ab und schickte die Mannschaften vom Feld. Laut eines ärztlichen Gutachtens erlitt Shunin Verbrennungen an der Hornhaut der Augen und hat teilweise sein Gehör verloren.

In diesem Jahr ist dies nicht das erste Mal, dass russische „Fans" mit einer derartigen Aktion Schlagzeilen machen: In der Ortschaft Nowogorsk, unweit von Moskau, haben Unbekannte mit Paintball-Pistolen auf Spieler des FC Dynamo wegen ihrer mangelnden Leistung geschossen. Spielern mit dunkler Hautfarbe wurden auch Bananen zugeworfen und kaukasische Fußballmannschaften wurden Opfer übelster Beschimpfungen, was dazu führte, dass sie beim Spielen der russischen Hymne im Stadion zu Pfeifen begannen.

"Dynamo"-Torwart Anton Schunin wurde von einem Böller schwer verletzt. Foto: Kommersant. 


Etwas härter geht es bei Spielen des Klubs „Anschi" der Stadt Machatschkala in der Europa-Liga zu. Die Fans provozieren ihre Landsleute dazu, Massenschlägereien anzuzetteln. Mit dem Böllerwurf ist der Höhepunkt der Aggressionen erreicht.

Eintrittskarte nur gegen Ausweis


Sergej Prjadkin, der Präsident der Russischen Premier-Liga, nahm auf einer Sondersitzung zum Thema Fan-Verhalten Stellung und meinte, dass es so nicht weiter gehen könne. „Der Böllerwurf auf Anton Schunin hat das Fass zum Überlaufen gebracht", sagte Prjadkin. „So kann es nicht weitergehen! Gastmannschaften werden von nun an ihre Eintrittskarten selbst verkaufen, wobei die Tickets ausschließlich gegen Vorlage eines Inlandspasses verkauft werden dürfen. Sollten Fans die Vorschriften der Liga verletzen, so wird der jeweilige Klub bei seinem nächsten Spiel ohne Zuschauer spielen müssen."

Diese Entscheidung der russischen Liga basiert nicht auf Vorgehensweisen, die es bereits anderswo gibt. Denn in Westeuropa muss man keinen amtlichen Lichtbildausweis vorzeigen, um eine Eintrittskarte zu erwerben und Spiele ohne Zuschauer kommen auch nur alle fünf Jahre vor.

Die großen Mengen Geld, die in den russischen Fußball investiert

wurden, sind ein Grund dafür, warum sich so viele ausländische Stars von der russischen Premier-Liga angezogen fühlen. Einige dieser Stars sind beispielsweise der deutsche Stürmer Kevin Kurányi, der Mittelfeldspieler der französischen Nationalmannschaft Lassana Diarra, der brasilianische Nationalstürmer Givanildo Vieira de Souza („Hulk") oder der zweifache Sieger der prestigeträchtigsten europäischen Liga, der UEFA Champions League, der Kameruner Samuel Eto'o. Und Russland hat die Ehre, das wichtigste Fußballturnier der Welt veranstalten zu dürfen – die Fußballweltmeisterschaft 2018.

Doch so schnell sich der russische Fußball entwickelt, so schnell kann auch alles wieder verloren gehen. Denn die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in russischen Stadien und das niedrige Verantwortungsbewusstsein der russischen Fans könnten nicht nur die ausländischen Fußball-Stars verschrecken, sondern auch zu einem ernst zu nehmenden Hindernis bei den Vorbereitungen der WM 2018 werden.

Ein Problem der Erziehung


„Diese Fans sind keine Außerirdischen, sondern Mitglieder unserer Gesellschaft", äußerte sich Gennadi Solowjow, der Präsident des Klubs „Dynamo".  „Es ist eine Frage der Erziehung, die schon in der Grundschule beginnt, eine Frage der Werte, die in den Familien vermittelt werden. Ich bin mir sicher, dass es uns aber irgendwann gelingen wird, die Situation in den russischen Stadien so zu kontrollieren, dass das Schlimmste, was dort passieren wird, das Singen des Fangesangs ‚Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!' sein wird."

Edward Serschan, einer der Leiter des Fan-Klubs „Zenit", sieht keinen Unterschied zwischen den russischen und den westlichen Fans. Seiner Meinung nach stehen jene Menschen, die in Skandale im russischen Fußball verwickelt waren, kaum in Verbindung mit den Fan-Klubs.

„Leute, die Böller herumwerfen oder sich mit anderen illegalen Sachen beschäftigen, sind sehr kleinliche Menschen", erklärt Serschan. „Sie leben nicht für Fußball und wissen auch nichts über die Mannschaft, die sie anfeuern. Das Einzige, was sie interessiert, ist Rowdytum: Knaller zünden, Bananen werfen und den Gegner beleidigen. Es ist einfach nur schade, dass wegen solchen Leuten gleichermaßen über alle russischen Fans gerichtet wird. Und ich versichere Ihnen, dass es solche Leute auch in Westeuropa gibt. Denn die wahren Fans provozieren nicht, sondern geben alles, um ihre Mannschaft im Spiel zu unterstützen."

So soll bald in Russland ein weiteres Gesetz erlassen werden, mit dem gegen Hooligans in russischen Stadien vorgegangen werden soll. Bleibt zu hoffen übrig, dass sich etwas ändert.

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