Raumfahrt: Die Privatisierung des Himmels

Das private russische Engagement im Bereich der Weltraumtechnik kann gegenwärtig wohl nur bezüglich des Weltraumtourismus als überzeugend bezeichnet werden. Foto: NASA

Das private russische Engagement im Bereich der Weltraumtechnik kann gegenwärtig wohl nur bezüglich des Weltraumtourismus als überzeugend bezeichnet werden. Foto: NASA

In Sachen Weltraum-Tourismus sind die USA eindeutig Vorreiter. Doch auch in Russland wirbt man inzwischen für Weltraum-Ausflüge – zum Leidwesen der Kosmonauten. Gehört die Zukunft der privaten Raumfahrt?

Die Pioniere auf dem Gebiet der privaten Weltraumfahrt sind eindeutig die Amerikaner, die bereits seit vielen Jahren Projekte für private Weltraum-Trägersysteme entwickeln. Vor kurzem flog das erste „Baby" der Privaten – das unbemannte Transportraumschiff Dragon des amerikanischen Unternehmens SpaceX – erfolgreich zur internationalen Raumstation ISS und kehrte ebenso erfolgreich zurück. Neben SpaceX ist auch das Unternehmen Virgin Galactic mit ihrem Raumschiff SpaceShip im Rennen.

Das SpaceX-Projekt ist für den umfangreichen Einsatz von Trägersystemen zur Versorgung der internationalen Weltraumstation und den Transport von Flugapparaten für eine erdnahe Umlaufbahn gedacht. Die Nutzlast beim ersten Flug war allerdings noch sehr gering, so dass von einer kommerziellen Nutzung als Trägersystem vorerst nicht die Rede sein kann.

Wenn es jedoch möglich wird, diese Technik für die bemannte Raumfahrt einzusetzen, wird dies große Folgen haben. So kostet der NASA der Transport eines Astronauten zur ISS mit einem Sojus-Raumschiff 60 Millionen US-Dollar, so der Entwicklungsdirektor des Clusters Weltraumtechnologie und Telekommunikation beim russischen Technologiepark Skolkowo Dmitrij Pajson. SpaceX verspricht, diesen Betrag auf 20 Millionen zu senken und dabei noch einen Gewinn zu erwirtschaften.

Wie ein Flugzeug


Die Weltraumschiffe, die im Rahmen des SpaceShip-Projekts gebaut werden sollen, haben eine ganz andere Bestimmung. Das wiederverwendbare Shuttle SpaceShipOne wurde mithilfe des Trägerflugzeuges WhiteKnightOne auf eine Höhe von 15 Kilometern transportiert. Angetrieben durch ein eigenes Raketentriebwerk flog der Flugapparat dann weiter bis auf eine Höhe von 100 Kilometern – diese Entfernung von der Erde gilt als die untere Grenze des Weltraums. Während des weiteren Fluges befand das Shuttle sich dann mehrere Minuten im Zustand der Schwerelosigkeit und landete anschließend wie ein normales Flugzeug, so dass es – wie ein richtiges Spaceshuttle – für weitere Einsätze wiederverwendet werden kann.

Solche Flüge werden übrigens auch Adrenalinjunkies für 200 000 US-Dollar angeboten. Das ist in etwa ein Hundertstel dessen, was ein Weltraumtourist gegenwärtig für einen einwöchigen Aufenthalt auf der ISS bezahlen muss, zu der er mit einem russischen Sojus-Raumschiff befördert wird.

Allerdings soll das Know-How der amerikanischen Privatunternehmer wohl nicht übernommen und umfassend für die russische Weltraumfahrt nutzbar gemacht werden. Nach Meinung von Stephen Attenborough, dem Geschäftsführer von Virgin Galactic, verfügt Russland nämlich über eine solidere Basis in der Weltraumfahrt, weshalb private Aktivitäten derzeit nicht von Bedeutung seien.

Sinnvoll scheint es dagegen, über eine private Initiative zur Nutzung der Weltraumforschungsergebnisse zu sprechen. Dmitrij Pajson erklärt: „Die

Übereinstimmung ist bezeichnend: 2011 verkündete die NASA, sie würde die Verantwortung für die Aktivitäten auf dem erdnahen Orbit - darunter die Betreuung des amerikanischen Abschnittes der ISS - in die Hände der Privatwirtschaft übergeben. Und 2012 erklärte die Geschäftsführung der russischen Weltraumagentur Roskosmos, sie strebe an, die praktische Nutzung der Ergebnisse der Weltraumforschung an den Privatsektor zu übertragen."

Der Experte führt auch Projekte mit russischer Beteiligung an: „Eine Reihe Unternehmen aus Skolkowo arbeitet sehr aktiv an der kommerziellen Verwertung von Produkten und Dienstleitungen für die Weltraumfahrt. In ein paar Jahren werden wir wahrscheinlich die ersten Starts im Rahmen solcher Projekte erleben – zum Beispiel des Mikrosatelliten Sputnix und des Minisatelliten Dauria, des Projektes Atmosfera zur fallschirmbasierten Bergung von Raketenstufen und anderes mehr."

Russische Geschäftswelt nicht bereit


Was den Umstieg zu privaten Weltraumschiffen betrifft, so ist Alexej Kusnezow, der Leiter der Pressestelle von Roskosmos, der Meinung, dass es noch verfrüht sei, aufgrund der ersten Erfahrungen der Amerikaner bereits irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen.

„SpaceX ist der erste Versuch der privaten Weltraumwirtschaft", äußerte sich der Beamte gegenüber der russischen Zeitschrift Expert. „Es bedarf noch einiger Zeit, um zu verstehen, wie dieses Projekt sich in den allgemeinen Weltraumbetrieb eingliedern wird, und erst dann werden wir irgendwelche Rückschlüsse über seine Verwendbarkeit in der russischen Weltraumfahrt ziehen können.

In den USA haben sich Geschäftsleute gefunden, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Soweit ich weiß, hat Herr Elon Musk, der Eigentümer

von SpaceX, sehr viel Geld in das Unternehmen gesteckt und sogar Kredite aufgenommen. Ich denke, er betrachtet das Projekt als eine langfristige Investition. Ich weiß nicht, ob die russische Geschäftswelt bereit ist, ein solches Risiko einzugehen und ob sie überhaupt über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügt." Zudem kann man dem stellvertretenden Chefredakteur von Expert, Pawel Bykow, nur schwer widersprechen: „Eine gewisse Krise des Weltraumprogramms ist natürlich auch in Russland zu spüren, aber unser System ist gut eingespielt, da es im Wesentlichen auf der – leider teilweise veralteten – Sojus-Technologie basiert. Ja, wahrscheinlich ist es aus Sicht der Kosmonauten nicht sehr komfortabel, aber dieses System arbeitet stabil, ist nicht sehr teuer und kann wahrscheinlich noch eine halbe Ewigkeit fortbestehen und dabei rentabel bleiben."

Weltraum-Touristen bei Kosmonauten unbeliebt


Das private russische Engagement im Bereich der Weltraumtechnik kann gegenwärtig wohl nur bezüglich des Weltraumtourismus als überzeugend bezeichnet werden. Die marktschreierische Ankündigung von Roskosmos, erneut Touristen auf die ISS zu schicken, kann allerdings mitnichten als innovativ bezeichnet werden.

„Der Weltraumtourismus", so erklärte im Jahre 2008 der stellvertretende Leiter des Weltraumzentrums des Konzerns Energija, der Fliegerkosmonaut Pawel Winogradow, „stellt zum heutigen Tage für uns Profis leider ein großes Problem dar. Er unterhöhlt die Grundlagen unserer bemannten Weltraumfahrt, da wir gezwungen sind, unsere jungen Kosmonauten daheim zu lassen und an ihrer Stelle die Touristen mitzunehmen."

Dieses Problem würde ein privates russisches Engagement zur Entwicklung von Weltraumtechnik für den suborbitalen Tourismus vielleicht lösen.

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