Für die Bürger, gegen die Gesetze

Dann platzt Wiktor Jemez doch noch der Kragen: „Ich sag Ihnen doch, ich bin erst seit 19. Juli im Amt! Was hier vorher getan oder nicht getan wurde, dafür kann ich nichts!“

Wiktor Jemez, Citymanager von Kostroma.

Foto: Kommersant

Wiktor Jemez, in Jeans, Hemd und Lederjacke, steht mit seiner Frau im ersten Stock eines Kindergartens im Zentrum von Kostroma, um ihn herum frustrierte Müt
ter: Die Bleibe für 80 Kinder sollte nach einem Jahr Umbau am 
1. September eröffnet werden, aber Mitte Oktober wird immer noch gebaut.


Der Ärger der Mütter ist verständlich: Die Menschen sind auf ihren Kindern „sitzengeblieben“, weil die Stadt nicht Wort gehalten hat. Jemez verspricht, dass der Kindergarten am 1. Dezember bezugsfertig sein wird. „Sie reden immer nur, aber wer gibt uns eine Garantie?“, schimpft eine junge Mutter und hört gar nicht mehr auf. Jemez schlägt vor, lieber die Räume zu besichtigen. Am Ende seines Besuchs verspricht er den Eltern, zusammen mit ihnen auch am nächsten Samstag den Fortschritt der Bauarbeiten zu begutachten. Dann setzt er sich mit 
seiner Frau in den schwarzen Dienstjeep und fährt davon.


Der 36-jährige Jemez ist seit Juli Citymanager der Stadt Kostroma, etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau. Den „city manager“ haben sich die Russen in den USA abgeschaut: Er wird nicht gewählt, sondern von der Stadt angestellt, um, ja, die Stadt zu managen. In Kostroma ist das kein Spaß: Die Stadt hat ein wunderschönes Zentrum aus der Zarenzeit, aber die meisten Gebäude sind baufällig. „Wenn wir nichts unternehmen, sind wir in zehn bis 15 Jahren am Ende“, schätzt Jemez.


Die Infrastruktur wurde seit dem Ende der Sowjetunion notdürftig geflickt, aber nie erneuert. Die Wasserrohre sind zu 85 Prozent abgenutzt, das Heizsystem zu 90 Prozent: „Man müsste 16 bis 20 Milliarden Rubel investieren, aber die haben wir nicht“, sagt Jemez. Und dann ist da noch die einzige Brücke über die Wolga, die baufällig ist und dringend renoviert werden muss.


Einstein statt Putin


Mit ähnlichen Problemen kämpfen viele russische Städte. Aber andere haben mehr Geld: 3,5 Milliarden Rubel, etwa 90 Millionen Euro, hat Jemez 2012 zur Verfügung. Es reicht nicht, weder hinten noch vorne. Ein Grund ist, dass die Stadt ein Viertel der eingesammelten Steuern ans Staatsbudget abtreten muss – und mehr als die Hälfte an die Gebietsverwaltung, weil die finanziell noch schlechter dasteht.


Manche Rohre unter der Erde der Stadt stammen aus der Zarenzeit. Foto: Kommersant.


Jemez ist kein typischer russischer Beamter: Er hat einen MBA in strategischem Management von der Moskauer Higher School of Economics, die letzten 15 Jahre war er Manager, gründete die erste Personalagentur in Kostroma, 
leitete eine Supermarktkette, 
eine Möbelproduktion und eine Kleiderfabrik.


Er ist fest davon überzeugt, dass man eine Stadt so managen kann wie ein Unternehmen. Damit steht er für einen neuen, bislang wenig verbreiteten russischen Beamtentypus. In seinem Arbeitszimmer sucht man vergeblich nach einem Putin-Porträt – sonst Standard in den Zimmern russischer Beamter. Nur ein Nagel ragt aus der Wand, von einem Tischchen streckt Albert Einstein Hereinkommenden die Zunge heraus.


Zu Jemez’ Stil gehört auch, dass er mit Journalisten offen über alles spricht. Über Korruption etwa, an die sich die meisten Beamten gewöhnt haben. „Ich kontrolliere die städtischen Aufträge persönlich“, sagt er. Wie das konkret aussieht? Eine Mitarbeiterin legte ihm ein Angebot für Visitenkarten vor. Jede Karte sollte demnach acht Rubel kosten. „Ich weiß aber, dass Visitenkarten nur zwei bis drei Rubel kosten“, sagt er. Kurzerhand rief Jemez mehrere Druckereien an, die ihm den Preis bestätigten. „Es war klar, dass die Mitarbeiterin bei der Auftragsvergabe einen Umschlag mit Geld bekommen hatte. Ich hab sie noch am gleichen Tag entlassen.“


„Arme und Beine gebunden“


Aber ist diese „manuelle Verwaltung“ nicht ein Armutszeugnis für seine Beamten? Jemez hat sich dazu eine Frist gesetzt: „Wenn ich in einem Jahr noch immer von sechs Uhr morgens bis abends um neun arbeiten muss, heißt das, dass ich es nicht geschafft habe, die Kompetenzen zu verteilen.“


Er spricht sogar offen darüber, dass er manchmal die Gesetze brechen muss – zum Wohle der Bürger: Die Handwerker, die den Kindergarten nicht fertiggebaut hatten, ließ er von der Polizei vom Grundstück werfen. Und beauftragte eine gut beleumundete Firma, die sich verpflichtete, das Gebäude bis zum Winter zu sanieren. „Dafür werde ich persönlich 50 000 Rubel (1250 Euro) 
Strafe zahlen müssen, denn laut 
Gesetz hätte ich den Auftrag neu ausschreiben müssen“, sagt er.

Foto: Kommersant.


Mit dem Gesetz über Staatsaufträge, das Firmen mit dem günstigsten Angebot den Auftrag sichert, werde er noch öfter in Konflikt kommen, glaubt Jemez. Denn das gegen Korruption gerichtete Gesetz führe in der Praxis oft zu schlechter Qualität.


Auf die örtlichen Journalisten macht der neue Citymanager einen guten Eindruck. „Aber in vielen Fällen sind ihm Arme und Beine gebunden“, sagt der Journalist Albert Stepanzew. Viele politische und wirtschaftliche Strukturen würden von Moskau gesteuert. 
Es gab da etwa vor Kurzem diesen Unfall im Heizsystem: Während die Mieter eines Hauses vor sich hinfroren, erklärte der Direktor des Unternehmens – einer Tochterfirma von Gazprom – den Behörden, dass alle Mängel beseitigt seien. Jemez überzeugte sich persönlich vom Gegenteil. Aber erst ein Anruf des Gouverneurs bei Gazprom in Moskau sorgte dafür, dass das System repariert wurde.

Jemez’ Vertrag läuft bis 2015, und trotz schwieriger Lage glaubt er an seinen Erfolg: „Aber ich bin kein typischer Beamter: Wenn ich scheitere, ist das nicht mein Ende.“

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