Wenn Mode zum Baukasten wird

Klare Linien, geometrische Formen, knallige Farben: Das sind die Erkennungsmerkmale von Alexandra Kiesels Mode. Foto: Pauline Tillmann

Klare Linien, geometrische Formen, knallige Farben: Das sind die Erkennungsmerkmale von Alexandra Kiesels Mode. Foto: Pauline Tillmann

Sie ist im Moment die angesagteste Modedesignerin Deutschlands: Alexandra Kiesel. Am Samstagabend hat die 29-Jährige in St. Petersburg im Rahmen des Deutschlandjahres eine Performance gezeigt. Das Goethe-Institut hat sie eingeladen und wollte damit eine neue Facette von Deutschland zeigen – und das ist gelungen, denn die Kollektion hat viele überrascht.

Der Ort könnte kaum besser gewählt sein. Die Kulturfabrik „Rote Fahne“ in der Nähe der Metrostation Chkalovskaja bietet den Rahmen für Alexandra Kiesels Modeperformance. Performance deshalb, weil es sich um keine klassische Modenschau handelt. Kiesel ist in einen schmucklosen Maleranzug geschlüpft und pudert die Models ein letztes Mal ab – und zwar nicht hinter der Bühne, sondern auf der Bühne. Danach stellen sich die jungen Frauen auf ein Förderband. Vorne angekommen, bleiben sie voreinander stehen. Am Ende werden sie mit einer Plastikfolie umwickelt. Und stehen gelassen. Nach zehn Minuten ist die Performance vorbei. Zurück bleiben erstaunte Gesichter.

Alexandra Kiesel hat es in Deutschland geschafft. Ursprünglich kommt die 29-Jährige aus der Nähe von Leipzig. Für ihr Modedesign-Studium ist sie nach Berlin umgezogen. Dort hat sie die Kunsthochschule Weißensee besucht und ist seit einem Jahr so gefragt wie nie. Der Grund: Sie hat die bekannte Auszeichnung „Designer for Tomorrow“ gewonnen, verliehen von Mode-Ikone Marc Jacobs. Inzwischen hat sie ihr eigenes Label gegründet – „KIESEL“ – und führte in St. Petersburg ihre Mode zum ersten Mal im Ausland vor. Das wolle sie in Zukunft weiter ausbauen, erklärt sie im Anschluss bei einer Podiumsdiskussion.

„Ich verkaufe meine Mode bereits in andere Länder,“ sagt Alexandra Kiesel, „aber es ist natürlich spannend zu sehen wie die Menschen in Russland darauf reagieren.“ Sie spricht davon, dass sie in Wien ein Semester lang Bildhauerei unter der Ägide des bekannten Künstlers Erwin Wurm studiert hat und jedes Kleidungsstück als Skulptur versteht: „Meine Mode ist tragbar und gleichzeitig ein dreidimensionales Objekt, das bis ins kleinste Detail ausgearbeitet ist, so dass am Ende alles stimmt – so wie eine Skulptur.“

Mode kritisch hinterfragen

Gerade in Russland spielt die Mode eine wichtige Rolle; viele russische Frauen legen darauf besonders großen Wert. Dabei soll genau das in

Frage gestellt werden, meint der Leiter des Goethe-Instituts in St. Petersburg, Friedrich Dahlhaus: „Wir wollen im Rahmen des Deutschlandjahres andere Facetten von Deutschland zeigen als Weißwürste und Trachten.“ Das heißt, man wolle das Publikum mit Veranstaltungen wie Kiesels Performance überraschen und zum Nachdenken anregen – über das eigene Konsumverhalten, aber auch über die Funktion von Mode in der Gesellschaft. Gekommen sind 200 Interessierte, die eine Designerin getroffen haben, die Mode mit einem Baukasten vergleicht.

„Man will uns immer weismachen,“ erklärt Alexandra Kiesel, „dass die Mode, die man uns präsentiert völlig neuartig ist – in Wirklichkeit ist das alles aber schon einmal da gewesen.“

Während ihrer Diplomarbeit vor zwei Jahren hat sie sich intensiv mit der Kunst des Bauhauses auseinander gesetzt. Klare Linien, geometrische Formen, knallige Farben: Das sind bis heute die Erkennungsmerkmale von Kiesels Mode. Die Mode-Designerin sagt, dass sie von den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise in Deutschland nichts zu spüren bekomme. Eher erkenne sie den Trend, dass die Menschen seltener Kleidung kaufen würden, dafür aber viel stärker auf die Qualität achteten.

Die berühmte Modedesignerin Alexandra Kiesel hat ihr eigenes Label „KIESEL“ in St. Petersburg vorgestellt. Foto: Pauline Tillmann

Das komme ihrer Ursprungsidee entgegen, denn die besagt, dass man sich seine Kleidung nach dem Baukastenprinzip beliebig zusammenstellen könne. So solle man zum Beispiel ein Jackett auch noch nach zehn Jahren tragen können, ohne dass es „aus der Mode gekommen ist“. Ihre Kollektion „Baukasten Individualisten“ erinnert nicht zuletzt an die russischen Konstruktivisten der 20er Jahre. Das sei aber eher Zufall, betont Kiesel bei einem Fernsehinterview im Anschluss an die Performance.

Die Kulturfabrik „Rote Fahne“ gilt bis heute als Denkmal des Konstruktivismus, entworfen vom deutschen Architekten Erich Mendelsohn. Passenderweise wurden hier vor dem Zerfall der Sowjetunion Kleider hergestellt, so genannte Trikotagen, also elastische Textilien wie Unterhosen und Unterhemden. In dieser Kulisse hat Alexandra Kiesel auf anschauliche Weise gezeigt, wie kreativ man mit Mode umgehen kann. Von dieser Newcomerin wird man in Zukunft sicher noch viel hören.

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