Gibt es Väterchen Frost?

Ist nicht Russland, wie Weinachten, ein Wintermärchen, an das wir als Kinder geglaubt haben?

„Du glaubst wohl an den Weihnachtsmann", sagt man, wenn man jemand als besonders naiv hinstellen möchte. Vor mehr als 100 Jahren versicherte ein Kollege von mir, der amerikanische Kolumnist Francis Church, einer achtjährigen Leserin: "Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann". Das Mädchen hatte gefragt, ob dieser freundliche Herr den nun existiere oder nicht, ihre Freunde hätten da Zweifel angemeldet. Die Antwort des Kolumnisten der „New York Sun" war so schön, dass sie bis heute jedes Jahr zur Weihnachtszeit nachgedruckt wird. Er sprach von Liebe, Poesie und Glauben, ohne die nicht nur das Weihnachtsfest undenkbar ist, sondern das ganze Leben.

Normalerweise ist es die Aufgabe eines Journalisten, die Menschen davon abzuhalten, an den Weihnachtsmann zu glauben. Schon immer wurden daher die Medien beschuldigt, zersetzend zu wirken, immer nur das Schlechte zu berichten. Kritische Zeitgenossen hingegen bemängeln, die Medien würden viel zu oft dazu beitragen die Welt schönzufärben und unseren Glauben an alle möglichen Weihnachtsmänner zu verfestigen.

Das gilt natürlich auch für die Berichterstattung über Russland. Die einen – vor allem in Russland – klagen über die zu kritischen Berichte über das Land. Die anderen – vor allem im Westen – wittern üble Machenschaften, wenn ein Beitrag mal nicht kritisch genug ist und versucht, die russische Sicht der Dinge verständlich zu machen.

Die Versuchung ist groß, hier mit Francis Church für ein bisschen mehr Liebe, Poesie und Glauben in der Debatte um Russland zu plädieren. Ist

nicht Russland, wie Weinachten, ein Wintermärchen, an das wir als Kinder geglaubt haben? Nun, als Kinder vielleicht nicht, aber als junge Slawistik-Studenten und Literaturbegeisterte. Damals war Russland die Heimat von Fürst Myschkin und Aljoscha Karamasow, und von Dissidenten, die nächtelang am Küchentisch über die Frage „Was tun" debattieren. Und dann kam die Ernüchterung. Väterchen Frost kommt auch nur, wenn man ihn bezahlt, und meistens hat er einen sitzen. Und vor lauter Enttäuschung machten wir uns auf, den kleinen russophilen Virginias dieser Welt zu erklären, dass das Land ihrer Träume in Wirklichkeit ein Sündenpfuhl ist.

Wie gesagt, die Versuchung ist groß, hier den Francis Church zu geben, schließlich lehrt ja auch Tjutschew, mit dem Verstand sei Russland nicht zu begreifen, an Russland könne man nur glauben. Aber genau das ist falsch. Es gilt vielleicht für Weihnachten, aber nicht für unser Verhältnis zu anderen Ländern. Der Verstand ist gefragt. Weder blinde Liebe noch blinder Hass sind gute Ratgeber. Und auch nicht blinder Glaube an das, was die Medien berichten. „Papa sagt, was in der 'Sun' steht, ist immer wahr" schrieb die kleine Virginia dem großen Francis Church. Aber das ist ein Irrtum, fataler als der Glaube an den Weihnachtsmann.