Lasst uns froh und munter sein!

Das feierlich dekorierte Einkaufszentrum GUM in Moskau. Foto: RIA Novosti.

Das feierlich dekorierte Einkaufszentrum GUM in Moskau. Foto: RIA Novosti.

Obwohl in Russland Weihnachten erst am 7. Januar gefeiert wird, setzt Anfang Dezember der vorweihnachtliche Rummel ein, genau wie im guten alten Europa.

Obwohl hierzulande erst am 7. Januar Weihnachten gefeiert wird, setzt Anfang Dezember der vorweihnachtliche Rummel ein, genau wie im guten alten Europa. Alles erstrahlt im Lichterglanz, die Twerskaja, der Kudamm von Moskau, liegt unter einem Himmel aus tausenden von Lämpchen. Überall stehen schon die Weihnachtstannen, die hier Jolka heißen und blinkern vor sich hin. Mir kommen sie eher wie Rummel- oder Casinotannen vor, zu bunt und zu blinkend.

In den Einkaufstempeln und auf den Shopping Malls ein Gehaste und Gedränge, als ob es schon bald nichts mehr zu kaufen gäbe. Und das

Preiskarussell ist ein wahres Wunder. Erst wird alles um 200% teurer gemacht (sie verstehen, die Krise, die Krise), um dann großzügig 70% Rabatt zu gewähren. Wenn man dann mit vielen teuren Tüten beladene Frauen sieht, kann man die Verschlankung, die die Kreditkarte ihrer Männer soeben erfahren hat, gut nachvollziehen.Das Fernsehen macht natürlich auch tüchtig mit, die Werbespots lassen keinen Zweifel daran, dass derjenige, der am Run auf die Geschenke aller Art nicht teilnimmt, kein guter Mensch sein kann.

Alle murren, dass die Preise unaufhaltsam steigen und kein Geld für Geschenke in der Reserve liegt, kaufen aber unverdrossen ein. Pfiffige Händler und Unternehmer gönnen sich jetzt keine freie Minute und setzen alles um, was in den Lagern liegt. Sie können sich hier auch richtig austoben, denn sie werden nicht von einem kleinlichen Ladenschlussgesetz in ihrer Verkaufslust eingeschränkt.

Es wird jetzt im Dezember auch zunehmend schwieriger, mal spontan in ein Restaurant zu gehen, um ein frisch gezapftes Bierchen zu schlürfen. Alles voll oder an der Tür hängt ein Schildchen „Geschlossene Gesellschaft". Egal, ob der Unternehmer das Gehalt im Umschlag zahlt und die Mitarbeiter so um die Rente und andere Sozialleistungen bringt, oder ob der Betrieb ein gutes Sozialpaket geschnürt hat – wenn er keine Jahresabschlussfete organisiert, hat er es sich mit den Angestellten aber ordentlich verdorben.

Wo soll man sonst sein neues Cocktailkleid ausführen oder die rattenscharfen Stiefel für 500 Euro? Und wie soll man das eher schale Liebesleben aufpeppen, wenn es keine Fete gibt? Vielleicht kommt da auch eine Beförderung dabei mit rum?

Zähe Staus vor den Einkaufszentren und in den Hauptstraßen und meine Aversion gegen wahlloses Geschenke kaufen, ich verschenke lieber Zeit oder interessante Veranstaltungen, veranlassten mich erneut, der Hauptstadt den Rücken zu kehren und ins Land zu fahren. Ich fuhr wieder einmal nach Kostroma an der Wolga. Ich hatte dort zu tun und verband das Angenehme mit dem Nützlichen.

Direktverbindungen gibt es wenige, also blieb mir wieder nur der Nachtzug. Das Hin-und Rückfahrtticket kostet inzwischen genau so viel wie ein Flugticket nach Kasan. Wofür muss ich für die paar Kilometer so viel Geld hinlegen? Der Zug hat schon bessere Zeiten gesehen, ist äußerlich unansehnlich und innen nicht besonders einladend. Matratzen und Kissen sollten schon längst ausgewechselt werden.

Das Schmuckstück eines jeden Waggons ist natürlich der große Wasserkessel, wo man immer heißes Wasser für Tee oder irgendwelche Instantsuppen bekommen kann. Ein Bordrestaurant oder ein Imbiss fehlen. Und die Toiletten sind unschlagbar. Für Blinde leicht zu finden, schon von weitem zu riechen. Ein Graus! Und weil Biotoiletten zu teuer sind, müssen die alten noch eine Weile herhalten. So werden sie, um die Umgebung Moskaus nicht zu verschmutzen, eine Stunde und zehn Minuten vor Ankunft geschlossen, in aller Herrgottsfrühe. Da pinkeln dann die genervten Herren der Schöpfung ihre Blasen auf dem Bahnhof an allen Ecken und Enden leer. Soviel zur Verschmutzung der Hauptstadt. Von hinten durch die Brust ins Auge.

Kostroma hatte schon richtig Frost, die Wolga friert langsam zu. Todesmutige Eisangler hocken schon auf dem brüchigen Eis. Schnee und leichte Kälte tragen zur guten Laune bei. Kein Vergleich zum Moskauer Matschwetter.

Hat sich Großväterchen Frost in Welikij Ustjug nieder gelassen, so bietet Kostroma seiner Begleiterin, dem Schneewittchen, eine Heimat. Es gibt mitten im Zentrum ein Schneewittchenhotel und man kann auch dort ihr Häuschen bewundern.

Während Großväterchen Frost sehr lange in Amt und Würden bleiben kann, muss Schneewittchen jedes Jahr zur Wahl antreten. Und sie ist recht weit von Großväterchen Frost entfernt. Wenn das der Liebe mal keinen Abbruch tut. Aber einfach kann ja jeder, oder?

Kostroma bietet für geplagte Moskauer und ihre Atemwege saubere klare Luft, ein liebevoll restauriertes Zentrum mit sehr vielen Handelsreihen und Übernachtungsmöglichkeiten für jeden Geldbeutel. Und ein gemächliches urrussisches Leben. Beneidenswert!

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland