Der lange Arm der Kanzlerin

Im Fall Litwinenko spricht man zu Recht von „restloser Aufklärung“, die erfolgen muss. Normalerweise werden solche Diskussionen auf nationaler Ebene geführt. Ist aber Russland irgendwie in die Sache verwickelt, dann ist das ein Fall für die Weltöffentlichkeit. Im Fall Gustl Mollath sind die Medien übrigens vorsichtiger geworden. Deutschland ist eben nicht Russland. Oder?

Am 7 Januar 2005 starb Oury Jalloh, ein geduldeter Ausländer aus Sierra Leone unter höchst seltsamen Umständen in deutschem Polizeigewahrsam. Der gefesselte Mann brachte es fertig, sich mit einem Feuerzeug (das die Polizisten ihm bei seiner Verhaftung aus unerfindlichen Gründen nicht abgenommen hatten) seine Kleidung sowie eine mit einem flammenhemmenden Überzug geschützte Matratze zu entzünden. Gefesselt, wohlgemerkt. Brandmelder und Überwachungsanlage waren zufällig gerade defekt oder deaktiviert. Der Gefangene starb an einem Hitzeschock.

Dezember 2012: Medien und Politiker erregen sich über den Fall Gustl Mollath. Sitzt ein Held, der Schwarzgeld-Geschäfte der HypoVereinsbank aufdeckte, für seinen Mut in der Klapsmühle?

Klarere Fall, hier zeigen die Machthaber der totalitären BRD ihre hässliche Fratze. Wer anders als Angela Merkel steckt hinter diesen unglaublichen Vorgängen? Spaß beiseite: Bei aller öffentlichen Aufregung über diese beiden Fälle hat niemand Spuren zum Kanzleramt gesucht und die Bundesregierung dafür verantwortlich gemacht. Weder im In- noch im Ausland. Deutschland ist eben nicht Russland.

Anders im Fall Litwinenko. „Russland soll für Tod von Litwinenko verantwortlich sein" meldete jetzt „Spiegel Online" mit Bezug auf die „Times". „Nach Angaben von Hugh Davies - einem Mitglied der Untersuchungskommission, die den Tod des Russen aufklären soll - ist die britische Regierung im Besitz von Beweismaterial, wonach Russland für den Tod des Kreml-Kritikers verantwortlich ist." Welche das sind, wird nicht verraten. Ähnlich harte Beweise lieferte schon 2006 die „Zeit", wobei sich der Kreis der Verdächtigen sogar noch weiter einengte: „Putin soll von Litwinenko-Mord gewusst haben" hieß es da und "Die Wikileaks-Papiere zeigen, US-Diplomaten waren überzeugt: Wladimir Putin war in den Mord am Ex-Agenten Litwinenko eingeweiht. Der war 2006 radioaktiv vergiftet worden."

Wenn US Diplomaten davon überzeugt sind, und jemand sagt, die britische Regierung habe Beweise, dann muss die Sache ja stimmen.

Da kann auch Jaroslaw Kaczynski nicht zurückstehen, der nicht müde wird, seine Verschwörungstheorie über den Flugzeugabsturz von Smolensk wieder und wieder aufzuwärmen. 2010 war ein Flugzeug mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und zahlreichen Prominenten an Bord in Russland verunglückt. Bruder Jaroslaw wittert ein Komplott zwischen dem Kreml und dem polnischen Premier Donald Tusk. Hier sind die Medien allerdings skeptischer, schließlich ist Kaczynski kein US-Diplomat und auch nicht die britische Regierung. Selbst in Polen hält eine Mehrheit seine Thesen für Hirngespinste.

In Fällen wie den genannten spricht man zu Recht von „restloser Aufklärung", die erfolgen muss. Normalerweise werden solche Diskussionen auf nationaler Ebene geführt. Ist aber Russland irgendwie in die Sache verwickelt, dann ist das ein Fall für die Weltöffentlichkeit. Aufforderung nach „restloser Aufklärung" ergeht dann von überallher direkt an Präsident und Regierung. Und wenn die nicht gleich einen Schuldigen präsentieren, ist klar, dass sie selbst in die Sache verwickelt sind. Wird ein Schuldiger gefunden, dann handelt es sich natürlich nur um einen Sündenbock. „Der lange Arm des Kreml" steckt immer dahinter.

Im Fall Gustl Mollath sind die Medien übrigens vorsichtiger geworden. Ist der Mann vielleicht doch kein Held, sondern wirklich psychisch krank? Manchmal lohnt es sich eben doch, genauer hinzusehen. Oder sollte dieser Umschwung vielleicht doch daran liegen, dass in Merkels Deutschland die Medien eben gleichgeschaltet sind?

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