Langes, fernes, frohes Fest

Gemeinhin sagt man dem Deutschen eine große Verbundenheit zum Weihnachtsfest nach. Christkindlmärkte, Glühweinstände, liebevoll dekorierte Tannenbäume, es scheint, als entfalte das romantische Deutschland um die Festtage seinen feierlichsten Glanz. Doch warum nicht die festlichste Zeit des Jahres in Russland verbringen? Wo sonst hat man die Möglichkeit ab Heiligabend noch zwei Wochen Feiertage dranzuhängen?

Foto: Robert Neu.

Anfang Dezember, wenn für den konsumgeplagten Mitteleuropäer in Form von rot getünchten Schokoladebergen und Gebäckhalden vor der Supermarktkasse die Weihnachtszeit mit einem „We wish you a merry X-Mas" eingeläutet wird, wenn sich Pommesbuden in ein Weihnachtsmarktfell schmeißen, sich wildgewordene Anzugsträger einen letzten Schnaps zu viel reinschrauben, denn des Chefs Portemonnaie ist eh viel zu schwer, dann denkt in Russland noch niemand an Weihnachten. Der Moskauer steht immer noch im Stau, der Petersburger im Regen, der geplagte Sibirier schaufelt Schnee. Niemand verschwendet einen Gedanken ans Weihnachtsfest. Wirklich niemand? Nein. Ich schiebe meinen Einkaufswagen durch einen gut sortierten Supermarkt. Im Gewürzregal Fertigmischungen für Borschtsch, Pilaw, Kiewer Hühnchen, doch Lebkuchengewürz? Fehlanzeige. Ich ergattere Zimt, dass muss genügen.

Für meine Freunde gibt es Lebkuchenhäuser. Ein wenig deutsche Tradition im fernen Sibirien. Die Platten werden steinhart und erinnern an Stahlbeton mit Schokokruste, doch alle dekorieren und kleben frohen Mutes. Keine dummen Sprüche, der Aufwand wird gewürdigt. Niemand stößt sich an der Melange aus Zimt, Gummibärchen und Puderzucker. Die Lebkuchenhäuser und der bereitgestellte Sekt werden ein unverdaulicher Hit.

Meine Figur dankt mir, dass das Weihnachtsfestessen am Heiligen Abend ausfällt. Wie naiv, in Anbetracht dessen, was noch folgen soll. Von

Heiligabend nichts zu spüren. Keine verrückten Horden Einkaufswütiger verderben mir den Vormittag. Doch in meiner westsibirischen Zeitzone rückt der Kirchgang mit Meilenstiefeln näher. Tiefer Neuschnee bedeckt die Stadt, ich betrete die schmucke evangelische Holzkirche, die Tomsk einem Staatsbesuch Angela Merkels zu verdanken hat. Bitterer Frost auf der Straße, in Mänteln und Mützen sitzen wir im Gotteshaus, die Seele gewärmt, die Knochen erfroren. Russlanddeutsche Omas haben sich versammelt und trällern alte Weihnachtslieder so schief und unverständlich, dass die Eisblumen von den zugefrorenen Fenstern platzen. Trotzdem eine bewegende Feier. Diese Menschen haben sich über Jahre der Repression ihre Erinnerung an das Fest der Vorfahren erhalten. Die Predigt, auf Deutsch gehalten, prallt auf taube Ohren, aber ist Weihnachten nicht ein Fest des Herzens?

Am nächsten Tag beginnt die Vorfreude auf das Neujahrsfest. Keine Böller in den Straßen, dafür Kuchen und Sekt im Büro. Immer neue Bekannte treten ein. Man besucht sich, die Arbeitszeit wird wundersam verkürzt, leicht angeschwipst und von Süßkram vollgestopft taumele ich abends nach Hause. Jeder Tag, ein Feiertag. Schon vor Silvester kann ich es kaum mehr sehen.

Robert Neu. Foto aus dem

persönlichen Archiv.

Die Kälte ist des Tannenbaumhändlers größter Feind. Fällt die Temperatur, fallen die Nadeln gleich mit, nur noch triste Gerippe stehen dann im Wohnzimmer. Also wird verzichtet, sowieso, für Neujahr einen Tannenbaum? Wir beschränken uns auf die üblichen Massen an Lebensmitteln, mehrere Schichtsalate, Pasteten, Kuchen, Fisch, Fleisch. Tage lang wird gekocht. Überfuttert wird am Neujahrsabend der Fernseher eingeschaltet, kein „Dinner for one", nein, die „Ironie des Schicksals" ist russisches Standardprogramm. Ein Film von einem, der in der monotonen Sowjetwelt in den falschen Flieger steigt, doch ob der immer gleichen Häuserblocks, der immer gleichen Straßennamen, der immer gleichen Lebensumstände in einer gänzlich anderen Stadt landet. Den Irrtum bemerkt er freilich nicht. Wir bemerken den Schlag, den uns der Frost zusetzt, als wir das Haus verlassen. Fröhliche, ausgelassene Straßenpartys kann man bei minus dreißig Grad nicht erwarten. Der Sekt in der Flasche fast festgefroren, staunen wir über unsere Kraft, zehn Minuten das kleine Feuerwerk über den Dächern der Stadt zu erleben, dann beugen wir uns der Macht der Natur und verschwinden auf eine Party.

So weit, so selbstverständlich. Doch der Tisch biegt sich am Morgen immer noch unter den Speisen und da beginne ich zu ahnen, was mir blüht. Tagelang ein steter Strom Besucher und Verwandte. Kaum wieder alleine, zwängen wir uns schon in dicken Mäntel und Stiefel. Gegenbesuch ist angesagt. Die anfängliche Freude über die feinen Köstlichkeiten ist der Übelkeit gewichen. Zu kalt, um irgendetwas anderes zu machen. Sport? Denkste. Mechanisch öffnet sich der Mund und verschluckt eine weitere Kohlpirogge.

Kurz vor der Apathie entscheiden wir uns für das Leben. Wir ergattern Tickets in das Altaigebirge. Umsteigen in Novosibirsk, ich fotografiere Väterchen Frost und seine Enkelin Snegurotschka. Er könnte aus einer Coca-Cola Werbung entsprungen sein, dabei verdankt er seine Popularität u.a. den Kommunisten. Darüber will ich eigentlich mit ihm diskutieren, aber meine Füße sind bald so blau wie Snegurotschkas Umhang, also entscheide ich mich, ihm mal einen Brief an sein Postfach in Weliki Ustjug zu schicken. Werden deutsche Kinderträume föderal nach Bundesland geordnet in Engelskirchen, Himmelstadt oder Nikolausdorf abgestempelt, so werden die russischen Kinder in Weliki Ustjug immerhin landesweit einheitlich betrogen.

Im Bus bemerke ich erstaunt, dass ich immer noch auf einen Sitzplatz passe. Über vereiste Straßen zum Teletskoe See. Mehr als zehn Stunden Fahrt in einem Kühlschrank ohne Fenster, eine dicke Eisschicht raubt jegliche Sicht.

Dem Besuchswahn entronnen, mieten wir ein Zimmer direkt am See. Romantischer könnte es nicht sein. Blauer, strahlender Himmel, Gebirge und See metertief unter Pulverschnee begraben. Eine Schlittenfahrt durch den Wald, warmen Tee um den steifen Körper zu wärmen. Ein knorriger Altaier mit mongolischen Gesichtszügen hält die Zügel in der Hand.

Morgens einen Wodka für die Gesundheit. So hat es Pjotr Fjodorowitsch schon auf zweiundsiebzig Lenzen gebracht. Dazu Wettbewerbe im Extremsaunen und Eisbaden. Ein Loch ist in den See geschnitten worden, mir friert es trotz unzähligen Kleidungsschichten. Hatte auch zum Frühstück keinen Schnaps kredenzt, trotzdem: bei minus zwanzig springe ich in keine Eislöcher. Dampfend klettern die Teilnehmer aus dem Wasser, ein Handtuch wird gereicht, dann flitzen sie in die Banja und wärmen sich kräftig auf. So stellt man sich den russischen Winter vor.

Die Weihnachtszeit nähert sich dem kirchlichen Höhepunkt und Ende entgegen. Das Neujahrsfest als Alternative zum kirchlichen Feiertag diente den kommunistischen Eliten als brauchbarer Ersatz. Bis heute hat es gefühlt Vorrang, aber das orthodoxe Fest am 7. Januar ist wieder offizieller Staatsfeiertag, Weihnachten ist im Kommen.

Abends im dunklen über den zugefrorenen See zur Kirche. Kaum Platz zum Atmen im Gotteshaus, dick eingepackte Mumien drängen dicht an dicht. Der kleine Innenraum füllt sich mit dem gleichmäßigen Gesang der Liturgie. Weihrauchschwangere Luft, Kerzenduft, das Knistern des Schnees unter unseren Stiefeln: Zum Abschluss eines fast einmonatigen Weihnachtsspektakels fühle ich mich wie in ein älteres, ein heiligeres Russland versetzt.

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