Zenit-Fans mit kurzem Horizont

Die Fans von  Zenit St.Petersburg sind überzeugt, dass der Klub  keine schwulen und dunkelhäutigen Fußballspieler verpflichten soll. Foto: ITAR-TASS

Die Fans von Zenit St.Petersburg sind überzeugt, dass der Klub keine schwulen und dunkelhäutigen Fußballspieler verpflichten soll. Foto: ITAR-TASS

Fans von Zenit St. Petersburg fordern vom Klub, auf die Dienste von homosexuellen und farbigen Spielern zu verzichten. Viele Beobachter verurteilen das als rassistisch und befürchten einen Imageschaden für den russischen Fußball.

Nach Meinung von Anhängern des Sankt Petersburger Fußballvereins Zenit sollte der Klub in Zukunft keine schwulen oder dunkelhäutigen Fußballspieler mehr verpflichten. Das geht aus einer der Klubleitung übergebenen Erklärung hervor. Experten warnen vor der Gefahr zunehmender Spannungen im russischen Fußball und befürchten negative Auswirkungen auf das Ansehen Russlands als Ausrichter der Weltmeisterschaft 2018.

Die vergangene Fußballsaison in Russland war nicht gerade arm an Skandalen. Häufiger als alle anderen Vereine stand dabei Zenit aus Sankt

Petersburg im Mittelpunkt. Nach den astronomischen Ablösesummen in Höhe von mindestens 80 Millionen Euro für die Neuzugänge, den brasilianischen Torjäger Hulk und den Belgier Axel Witsel, provozierte Kapitän Igor Denisow einen offenen Konflikt mit der Klubleitung, indem er ein deutlich höheres Gehalt forderte. Daraufhin wurde er in den Ersatzkader verbannt und verbrachte wichtige Spiele auf der Reservebank. In negativer Erinnerung geblieben ist auch die Böller-Attacke von Zenit-Anhängern auf den Torhüter von Dynamo Moskau, Anton Schunin.

Kurz vor Jahresende sorgten Anhänger des St. Petersburger Klubs erneut für Schlagzeilen, als sie auf ihrer Internetseite ein Manifest unter der Bezeichnung Selekzija-12 (Selektion-12) veröffentlichten. In ihm sprachen sich die Verfasser gegen die Verpflichtung dunkelhäutiger Fußballspieler und Vertreter sexueller Minderheiten aus. Sie diffamierten diese als „heimatlose Gesellen, die ständig den Verein wechseln". Die Mannschaft sollte, so die Autoren, idealer Weise nur aus „mit Kämpfereigenschaften ausgestatteten Fußballspielern" aus St. Petersburg und Umgebung oder – im äußersten Falle – Spielern aus slawischen und skandinavischen Ländern bestehen.

Über neunzig Prozent der Diskussionsteilnehmer im Internet hätten für das Manifest gestimmt, erklärte ein Vertreter der Fangemeinde von Zenit gegenüber der Zeitung Metro. Ultimativen Charakter trage die Erklärung nicht. Es sei jedoch „die abgestimmte Meinung von Leuten, die die Mannschaft über viele Jahre hinweg unterstützt haben". Als rassistisch betrachten sich die Fans nicht. Es gehe nur darum, die Identität des Klubs zu wahren. „Wenn bei FC Barcelona elf Spieler aus dem eigenen ‚Stall' zum Spiel antreten, stehen alle hinter der Mannschaft", versucht Maxim Karotin, Experte für Fangruppen, gegenüber Gazeta.ru einen Vergleich.

Die Vereinsführung kommentierte das Fan-Manifest mit der Bemerkung, dass die „Fußballspieler nicht aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit oder Hautfarbe in unsere Mannschaft aufgenommen werden, sondern ausschließlich dank ihrer sportlichen Qualitäten und Leistungen".

Die rassistischen Äußerungen aus den Reihen der Zenit-Anhänger könnten sich negativ auf das Ansehen Russlands als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2018 auswirken, befürchten Experten. „Es ist sehr seltsam, so etwas zu hören, wo doch die ganze Welt zusammenwächst. Menschen verschiedener Konfessionen und Hautfarbe leben miteinander. Ich bin der Meinung, dass die Erklärung der Anhänger von einer absolut falschen Haltung zeugt. So etwas schadet nicht nur dem Ansehen des Klubs, sonder auch dem Image des ganzen Landes", erklärte der legendäre russische Spieler und erste Vizepräsident des russischen Fußballverbandes Nikita Simonjan gegenüber der Zeitung Iswestija.

Der bekannte Zenit-Veteran und UdSSR- Meister von 1984, Sergej Wedenejew, vermutet, dass hinter der Erklärung der Fans andere Interessensgruppen stehen. „In St. Petersburg leben und studieren Menschen verschiedenster Nationalität. So ist es auch in den Kinder-Fußballschulen. Normale Leute würden sich zu solchen Äußerungen niemals hinreißen lassen", ist Wedenejew überzeugt. Jungen Menschen könne man ganz leicht irgendwelche Ideen suggerieren. Man sollte sich deshalb insbesondere mit denjenigen beschäftigen, denen das Anheizen von Vorurteilen und die Zunahme der Aggression in St. Petersburg und anderswo in Russland in die Hände spiele.

„Ich habe das Manifest aufmerksam durchgelesen und konnte nichts Kriminelles darin finden. Jeder Fanklub, jede Vereinigung von Fußballanhängern hat das Recht auf einen eigenen Standpunkt", erwidert der Vorsitzende des allrussischen Fanverbandes, Alexander Sprygin. Er habe deshalb Juristen beauftragt, die Erklärung aus rechtlicher Sicht zu bewerten.

Quelle: Zusammenstellung von Meldungen aus den Zeitschriften Iswestija und Kommersant sowie dem Internetportal Gazeta.ru

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