Lenins Geburtsstadt zwischen Tradition und Moderne

Die Brücke über die Wolga in Uljanowsk. Foto: Lori / Legion Media

Die Brücke über die Wolga in Uljanowsk. Foto: Lori / Legion Media

Uljanowsk blickt auf eine reiche Geschichte und Kultur zurück. Mit Lenin hat es einen sehr berühmten Sohn. Durch ihn wurde das Stadtbild zu Sowjetzeiten stark verändert.

Uljanowsk stimmt sich auf den Internationalen Kongress „Die Kultur als eine Ressource der Modernisierung", der vom 26.-28. September 2013 hier stattfindet, ein. Zum Forum werden russische und ausländische Kulturschaffende, Wissenschaftler, Experten des Europarates und der UNESCO erwartet. Zufällig ist die Wahl der Stadt an der Wolga als Gastgeber des Kongresses nicht: Bereits im Jahre 2011 war Uljanowsk zur Kulturhauptstadt der GUS ernannt worden.

Zunächst hieß die Stadt Simbirsk und galt als "adlige Stadt an der Wolga". Der Zarenerlass über die Gründung der Stadtfestung ist auf das Jahr 1648 datiert. Doch auch zuvor war die Gegend bereits besiedelt. So segelten orientalische Kaufleute auf der Wolga flussaufwärts in Richtung Norden. Rund um die Stadt fand man Spuren diverser Turkvölker sowie finno-ugrischer und mongolische Stämme.

Vor kurzem wurde sogar eine kleine Figur des Hindu Gottes Shiva entdeckt. Archäologen haben auch die Spuren der ersten Stadtbefestigung ausgegraben, die ihrerseits Teil einer großen Wehranlage war. Diese sicherte im 17. Jahrhundert die damalige Grenze Russlands. Die "Große Russische Mauer", die sich vom Dnjepr bis zur Wolga zog, bot Schutz vor Überfällen südlicher Steppenvölker.

 

Zwiespältiger Ruhm als Geburtsstadt Lenins

Später, im 20. Jahrhundert, erreichte die Stadt als Geburtsort Lenins, der ursprünglich Wladimir Iljitsch Uljanow hieß, große Bekanntheit. Im Jahre 1924, kurz nach dem Tode des Revolutionsführers, erfolgte die Umbenennung in Uljanowsk. Die dann folgende Entwicklung sehen Historiker zwiespältig.

Einerseits wurden altertümliche Kathedralen zerstört, denn nach Auffassung der Kommunisten gehörten Kirchenhäuser nicht in die Heimat Lenins. Andererseits wurden in Uljanowsk große Denkmäler der Sowjetzeit errichtet, unter anderem die überwältigende Lenin-Gedenkstätte, die schon während ihrer Errichtung von 15 Millionen Touristen besucht wurde.

Mit der Zeit wurde auch immer mehr Industrie angesiedelt. Zugleich verschwand der historische Stadtkern. Schöne Villen und Gutshäuser gibt es deshalb nur noch wenige in Uljanowsk. Das Stammhaus der Familie Uljanow allerdings wurde unter Denkmalschutz gestellt. Um das Geburtshaus Lenins herum entstand vor etwa 80 Jahren ein neues Stadtviertel, dessen seltene Holzbauweise nur noch an wenigen anderen Orten Russlands in dieser Pracht zu bestaunen ist.

 

Sohn der Stadt: Der Historiker Karamsin

Aber Lenin ist nicht der einzige bekannte Sohn der Stadt. So erinnert ein ungewöhnliches Denkmal an den großen Historiker Nikolaj Karamsin. Auf dem oberen Teil des Karamzin-Monumentes befindet sich die zierliche Statue der Muse der Geschichtsschreibung, Klio, im Volksmund "gusseisernes Weib" genannt. Karamsin selbst taucht im Denkmal als Büste in der runden Nische des Sockels und in zwei allegorischen Basreliefs auf, die Szenen aus seinem Leben darstellen.

Zu Ehren von Nikolaj Karamsin wurde bereits im Jahre 1848 die öffentliche Karamsin-Bibliothek gegründet. Mit ihr unterhielt die Familie Karamsin immer sehr gute Beziehungen. So überließ die Witwe des Historikers der Bibliothek einige Bände seines Hauptwerkes "Die Geschichte des Russischen Staates". Nach dem Tod des älteren Sohnes Wladimir Karamsin im Jahre 1879 wurde der Bibliothek der gesamte Nachlass, einschließlich einiger Raritäten aus der Privatbibliothek des Historikers, übergeben.

Die Bestände konnten durch Gaben und Überlassungen der Bürger kontinuierlich ergänzt werden. Unter den Spendern waren auch bekannten Literaten, zum Beispiel der Dichter Nikolaj Jasykow und der Schriftsteller Iwan Gontscharow, die ebenfalls hier geboren wurden und lebten. Nicht zufällig also galt die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts als die "Kulturhauptstadt" des Wolga-Gebiets galt.

Die heutigen Einwohner von Uljanowsk bewahren nicht nur sorgsam ihre Geschichte und ihren kulturellen Reichtum. Dank der dynamischen Wirtschaft hat die Stadt den Sprung in das dritte Jahrtausend erfolgreich gemeistert.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Stimme Russlands.

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