Maja

In Krisenzeiten werden Wahrsagerinnen häufiger aufgesucht. Foto: Alamy  / Legion Media

In Krisenzeiten werden Wahrsagerinnen häufiger aufgesucht. Foto: Alamy / Legion Media

Aberglaube, Wahrsagerei und Okkultismus sind in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken noch weit verbreitet. Besonders in der Zeit vom Weihnachtsfest wird in ländlichen Gegenden auf verschiedene Weise wahrgesagt – mit Karten, mit Kerzen vor dem Spiegel, aus Kaffeegrund oder aus Spuren im Schnee.

Am Rande von Moskau, auf der Altufjewskoje Chaussee, in einer der tristen grauen Plattenbausiedlungen, dort, wo – wie die Russen sagen – der Asphalt aufhört, wohnt eine ungewöhnliche und aufregende Frau. Wenn man sich durch den dunklen übelriechenden Hausflur bis zur dritten Etage hinaufgearbeitet und die Wohnungstür geöffnet hat, befindet man sich in einer völlig anderen exotischen Welt. Handgeschnitzte Türen mit Spiegeleinsätzen, phantasievoll bemalte orgalitverkleidete Decken und Wände, Kronleuchter und orientalisches Geschirr rufen Erstaunen und Überraschung hervor.

Auch das Aussehen der zahlreichen Bewohner – in vier Zimmern, zwei davon sind winzig klein, leben zwischen neun und zwölf Personen verschiedenen Alters – lässt auf eine exotische Enklave schließen. Hier lebt die Usbekin Muborak, im Russischen Maja genannt, mit ihrer Großfamilie. Häufig wird sie ehrfürchtig mit Maja Chanum angesprochen. Diesen Titel darf sie tragen, weil sie über 45 Jahre alt und Mutter von sechs Kindern und Großmutter von zehn Enkelkindern ist und, das ist der ausschlaggebende Punkt, schon fünfmal in Mekka auf Pilgerfahrt war. Danach muss sie sogar ihr Ehemann mit Sie anreden. Maja ist Heilerin und Wahrsagerin, eine Koryphäe in ihrer Zunft.

Aberglaube, Wahrsagerei und Okkultismus sind in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken weit verbreitet, sie nehmen im Denken der Menschen einen relativ breiten Raum ein. Besonders in der Zeit vom 7. Januar (orthodoxes Weihnachtsfest) und dem 19. Januar (Christi Taufe) wird in ländlichen Gegenden auf verschiedene Weise wahrgesagt – mit Karten, mit Kerzen vor dem Spiegel, aus Kaffeegrund oder aus Spuren im Schnee, abends legt man Löffel auf einen Teller und wertet früh ihre veränderte Lage aus, Mädchen im heiratsfähigen Alter werfen einen Schuh über den Kopf, um die Richtung zu ergründen, aus der der Bräutigam kommen wird.

In jedem Dorf gibt es mindestens eine ältere Frau, die über von Generation zu Generation vererbte hellseherische Fähigkeiten verfügt, aus der Hand

oder aus Karten künftige Ereignisse voraussagt. Von diesen Fähigkeiten wird auch reger Gebrauch gemacht. Bei schwierigeren Angelegenheiten, die etwa über Untreue des Ehegefährten und Erkrankung der Kuh hinausgehen, muss der Ratsuchende schon eine weitere Reise unternehmen, Koryphäen sind auf diesem Gebiet sehr rar. Besonders weise Schamanen findet man bei den Völkern des Nordens, die hautnah mit der Natur in Einklang leben, die Traditionen und Riten ihrer Vorfahren pflegen und ihr Wissen an die Nachkommen weitergeben.

In Krisenzeiten werden Wahrsagerinnen häufiger aufgesucht. Man möchte dann doch gern wissen, wie es weitergeht. Des einen Uhl ist bekanntlich des anderen Nachtigall, und so nutzen die Damen und Herren dieser Zunft vor allem in der Hauptstadt Moskau die Gunst der Stunde und entwickeln verblüffende „geschäftliche" Aktivitäten.

In bunten Zeitschriften, im Fernsehen und auf überdimensionalen Plakaten in der U-Bahn werben sie für ihre Dienste, die mit der wundertätigen Lebenshilfe der Frauen vom Lande und der harmlosen Wahrsagerei junger Mädchen nichts gemein haben. Scharlatanerie wird gut verpackt und an den zahlungskräftigen Kunden gebracht. Bevor der Ratsuchende ins Allerheiligste darf, wird er von den Vorzimmerdamen abgefangen und muss erst einmal ordentlich Geld berappen, um zur Konsultation vorgelassen zu werden.

Unter zweihundert Dollar ist da nichts zu machen, und ein Besuch ist auch nicht ausreichend. Solche Besuche bei Wahrsagern sind nicht ungefährlich, denn hier kommen oft schwarze Magie und verschiedene psychologische Tricks zur Anwendung. Langwierige und schwer zu diagnostizierende Krankheiten sind häufig die Folge. Kommt aber jemand mit einer ernstzunehmenden Krankheit und sie wissen nicht weiter, verkaufen sie Majas Telefonnummer für gutes Geld als Geheimtipp. Darüber war sie, als sie das erstemal von dieser Praxis hörte, ziemlich erbost. Inzwischen macht sie das beste daraus und hilft, wo sie kann und beseitigt schädliche Folgen der Behandlung durch ihre „Kollegen" noch mit.

Im engen Flur in Majas Wohnung drängen sich täglich, ganz gleich ob Sonn- oder Feiertag, zwischen dreißig und vierzig Personen, geduldig wartend, bis sie an der Reihe sind. Dabei kommt jeder genau dann, wenn es für ihn am bequemsten ist. Am frühen Morgen bringen Krankenwagen Patienten, bei denen die Schulmedizin ratlos ist, aus verschiedenen Krankenhäusern.

Dann steht von früh 9 Uhr bis abends 23 Uhr die Türglocke nicht still. Alte Mütterchen, Herren im feinen Zwirn, gestylte Damen, blasse Jugendliche sitzen auf der kleinen Holzbank oder stehen im Hausflur. Das Familienleben geht trotzdem weiter, die Türen der Zimmer stehen nicht still, denn die Enkel brauchen Bewegung, wollen etwas zu trinken oder betrachten sich neugierig die Wartenden. Aus jedem Zimmer dringt Musik oder ein überlautes Fernsehprogramm. Maja empfängt meistens in der kleinen, mit Möbeln und Lebensmitteln in großen Abpackungen voll gestopften Küche (Säcke mit Kartoffeln, Reis, Mehl, Zucker), erledigt nebenbei Hausarbeiten und hört aufmerksam zu, bevor sie ihre Ratschläge erteilt, lebenspraktische, medizinische, psychologische.

Das Spektrum der Probleme und Wehwehchen ihrer Besucher ist weit gefächert. Betrogene Ehefrauen wollen ihren Mann zurück, hoffnungslos Verliebte möchten gern zum Ziel kommen, Unternehmer erbitten Ratschläge für finanziellen Erfolg, ehrgeizige Kommunalpolitiker wüssten gern, wie sie auf der Karriereleiter weiter nach oben kommen, Milizionäre lassen sich einen Talisman zum Schutz für ihr Leben geben, Banditen erheischen Vergebung ihrer blutigen Taten oder wollen wissen, wohin ihre Kameraden verschwunden sind. Kürzlich verschwand ein junger Mann, seinen neuen Jeep hatte man gefunden, ihn aber nicht. Maja konnte helfen. Sie schickte seinen Bruder los, ihn in einem bestimmten Waldstück zu suchen, denn er sei bewusstlos und brauche Hilfe. Und wirklich, in letzter Minute fand man ihn und brachte ihn ins Krankenhaus. Freudig rief der Bruder an, um sich bei Maja zu bedanken. Sie gab ihm mit auf den Weg, dass der junge Mann das Opfer eines Überfalls geworden war, von seiner Frau bestellt, um ihn aus dem Wege zu räumen.

Häufig rücken ganze Familien, also zwei Großväter, zwei Großmütter und die Eltern, an, um einen Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes zu Maja zu schleifen. Das sind Drogenabhängige, die sich gegen eine Behandlung wehren. Mit ihnen arbeitet Maja über einen längeren Zeitraum und kommt zu Erfolg. Auch bei Alkoholsucht kann sie helfen. In solchen Fällen schleppt meist die Ehefrau den Kandidaten an. Von selbst kommen die wenigsten.

Wahren Ruhm hat sie sich mit der erfolgreichen Behandlung von Unfruchtbarkeit und Impotenz erworben. Vor einiger Zeit konnte sie sogar einer bis dahin kinderlos gebliebenen Familie aus Deutschland, die extra angereist war, um sich behandeln zu lassen, helfen. Die junge Frau ist jetzt schwanger. Diese Fähigkeit ererbte Maja von ihrem Großvater und ihrem Vater, die beide sehr angesehene Wahrsager und Heiler in Usbekistan waren. Neben dem mystischen Beiwerk wendet sie Naturheilmittel wie Honig und Kräuter an. Ihr Vater heilte Unfruchtbarkeit damit, dass er einen Stoß Holz von einem Mandarinenbaum anzündete und die Frauen sich dann in Decken eingehüllt auf eine Liege über die glühenden Scheite legten, zur Einstimmung sozusagen.

Am häufigsten kommen aber Menschen zu ihr, die glauben, mit Verwünschungen behaftet zu sein. Das ist übrigens eine weit verbreitete Angst in Russland. Gehen die Geschäfte gut oder man hat sich etwas Schönes gekauft, so wird dreimal über die linke Schulter gespuckt und der „böse Blick" gebannt. Unter den Kräften, die die Menschen umtreiben, nimmt der Neid einen vorderen Platz ein. Deshalb ist man in Russland damit auch sehr vorsichtig. Wenn bildhübsche junge Frauen plötzlich von Ausschlag befallen werden, den kein Hautarzt zu besiegen in der Lage ist, gehen sie zu Wahrsagerinnen und nehmen eine aufwendige Prozedur in Kauf, die – und das klingt für deutsche Ohren sicherlich abenteuerlich - sehr oft von Erfolg gekrönt ist. Um Verwünschungen zu beseitigen, muss man zu Maja 3 Eier, Tee, 1 kg Zucker, Salz, Seife, Körpermilch und ein Laken mitbringen. Die Lebensmittel und die Seife werden über einer Kerze besprochen, mit der Körperlotion salbt sie den Körper an drei aufeinander folgenden Tagen, während der „Verwunschene" auf dem Laken liegt. Nach der Prozedur wird das Laken verbrannt.

Jeder Ratsuchende wird empfangen. Für ihre Dienste verlangt sie weder Geld noch andere Zuwendungen, die Menschen geben von sich aus soviel, wie ihr Geldbeutel zulässt. In vielen Fällen behandelt sie gratis. Maja geht aus religiösen Empfindungen heraus dieser ungewöhnlichen Tätigkeit nach. Sie hängt dem moslemischen Glauben an und hält sich einerseits streng an den Koran, ist aber der Meinung, dass der christliche und der jüdische Glaube ebenbürtig sind, denn sie findet, dass es nur einen einzigen Gott oder eine höhere Gewalt gibt.

Das wird von einigen moslemischen Glaubensbrüdern verurteilt, die meinen, die Quittung für ihr Verhalten hätte Maja schon gekriegt. Sie war bereits fünfmal als Pilgerin in Mekka, ohne dass es ihr gelungen ist, in dem brodelnden Menschenstrom, der sich um die Kaaba bewegt, den Stein berühren zu können. Aber das stört sie nicht, sie wird solange nach Mekka fahren, bis sie den Stein endlich anfassen kann. Auf ihre maßgebliche Anregung und auch mit ihrer finanziellen Unterstützung wurde ganz in ihrer Nähe ein multikonfessionelles Zentrum errichtet. Friedlich stehen dort eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge beieinander, eine Kindereinrichtung gibt es auch. Das ist besonders in unserer Zeit, wo man eine wahre Hetzjagd auf den Islam veranstaltet, um machtpolitische Ziele durchsetzen zu können, ein freundliches und wärmendes Zeichen.

Neben ihrer aufreibenden täglichen Arbeit bildet Maja noch Wahrsager aus. Im Moment unterrichtet sie 94 Schüler. Eine Vielzahl holt sie aus psychiatrischen Anstalten, wo diese unsinnigerweise schmoren. Maja erkennt ihre Begabung, ungewöhnliche Dinge zu sehen, Menschen zu durchschauen und ihnen helfen zu können. Einige von ihnen studieren Psychologie, wie auch ihre mittlere Tochter, die ebenfalls über hellseherische Gaben verfügt. Sie ist dreißig und darf also schon arbeiten, der Bruder mit dreiundzwanzig auch, nur die jüngste Tochter mit vierzehn wird noch ferngehalten.

Spätabends kehrt dann etwas Ruhe ein, Maja bereitet eine große gusseiserne Pfanne Plow (Pilaw oder Reisauflauf) zu und die Familie setzt sich zu Tisch. Maja hat sechs Kinder geboren, fünf davon in erster Ehe. Ihr erster Mann, dem sie im Alter von sechzehn Jahren zur Frau gegeben wurde, starb vor zwanzig Jahren. Der Familienclan beschloss, sie wieder in männliche Obhut zu geben und so wurde sie die dritte Frau von Raimdschan, der neun Jahre jünger ist als sie und von dem sie noch eine Tochter gebar. Shanna ist jetzt vierzehn und soll bald verheiratet werden, was ihr nicht behagt, denn sie wächst in einer modernen Großstadt auf, wo der traditionelle Druck durch den Alltag gemindert wird. Ihr Vater, ein absolut strenggläubiger Moslem, übt massiven Druck sowohl auf die Tochter als auch auf die beiden mit im Haushalt lebenden Schwiegertöchter aus, die er gerne als hörige Hausfrauen sähe, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Aber da hat er die Rechnung ohne Maja gemacht. So diplomatisch und zurückhaltend sie sich auch in seiner Gegenwart gibt, so einfallsreich und lebenspraktisch unterstützt sie die jungen Frauen in ihrer Familie.

Ihr Mann fährt in regelmäßigen Abständen zu seinen beiden anderen Frauen, für die er ein gemeinsames großes Haus gebaut hat, nach Usbekistan. Das behagt Maja nicht, Eifersucht nagt an ihr. Ein Leben in Moskau hinterlässt eben doch Spuren. Als er vorhatte, noch eine vierte Frau zu nehmen, wie es der Koran gestattet, hielten die drei Ehefrauen Kriegsrat und versagten ihm ihre Zustimmung. So muss er eben mit nur drei Frauen leben, der Ärmste. Um ihn dafür ein wenig zu entschädigen, bringt ihm Maja jeden Abend zum Essen zwei dicke Daunenkissen, damit er weich sitzt und füttert ihn liebevoll aus der Hand mit dem von ihr zubreiteten schmackhaften Plow. Dankbar nahm ich einen Löffel in Empfang.

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