Die Welt der Wepsen

Die Wepsen sind ein finno-ugrisches Volk in Nordwestrussland mit etwa 13.000 Angehörigen. Woher die Bezeichnung „Wepsen“ stammt, ist bis heute nicht geklärt. Die reichhaltige Tradition des kleinen indigenen Volkes wird nur noch in einigen Dörfern praktiziert.

Am Westufer des Onegasees liegt das verschlafene Dörfchen Shyoltozero. Von der Hauptstadt der Republik Karelien, Petrosawodsk, schlängelt sich die Straße auch durch dieses träge am See gelegene Provinznest entlang. Beschauliches Dorfleben. Es gibt einige Läden und sogar eine Kantine. Doch die winzige Ansammlung baufälliger Holzhäuser und Bretterverschläge unterscheidet sich wenig von anderen Dörfern. Und, ihm käme keine besondere Aufmerksamkeit zuteil, befänden wir uns nicht in der schläfrigen Hauptstadt der Wepsen.

Zuhause sind die Wepsen im Norden Russlands. Europas größter See, der Ladogasee, begrenzt ihr Gebiet im Westen, Europas zweitgrößter See, der Onega, im Osten. In den tiefen Annalen der Geschichte bleiben sie im Verborgenen. Wenig ist über sie bekannt, selbst die Bedeutung ihres Ethnonyms Lüdilaine ist unklar. Auf die Bühne der Weltgeschichte gelangten die Wepsen erstmals durch den Tribut, den sie seit dem elften Jahrhundert den Nowgorodern pflichtig waren. Felle, Honig und Holz füllten die Kontore der mächtigen Handelsrepublik und bescherten Nowgorod Wohlstand. Der christliche Glaube gelangte mit den Handelskontakten zu den Wepsen.

Mitten im Dorf steht das reich verzierte Haus des Kaufmanns Melkin. Fein gearbeitete Ornamente schmücken es, wie Kronen sind die Fensterstürze geschnitzt. Vielleicht fühlte sich der ehemalige Besitzer wie ein König, das prächtigste Haus im Dorf hatte er auf jeden Fall. Heute birgt es das ethnografische Museum.

Irina Michailowna, eine untersetzte, kräftige Frau begrüßt mich. „Wir sind für unsere harte Arbeit bekannt", sagt sie, „denn hier hätte nichts anderes uns das Überleben sichern können." Fotografien von Pflügen, die von Hand gezogen werden, mittelalterliche Gestelle, unterstreichen ihre Aussage. „Das Land ist uns nicht wohl gesonnen. Alles müssen wir ihm abringen." Auf einem weiteren Bild starrt ein ausgemergelter Mann mit Strohhut und Filzstiefeln den unbekannten Fotografen an. Sehr einfache Lebensbedingungen, Lehm, Morast. Das Foto stammt aus den 1950er Jahren.

Zwanzig Jahre nach dem Zerfall derSowjetunion bringen die Männer das Heu wieder per Hand ein. Heuhaufen trocknen auf den Feldern. Die alten Maschinen rosten derweil vor sich hin, für neue hat hier niemand Geld. „Wir sind von den Schrecken des 20. Jahrhunderts gebeutelt worden, wie alle anderen auch. Ganze Dörfer hat man liquidiert, auch wir mussten in die Kolchose." Die funktioniert schon lange nicht mehr. Am Ortsausgang liegt sie vernachlässigt und verfällt.

Auf einem Gedenkstein lese ich: Republik Karelien. Wepsischer Nationalkreis. Der Stein ist glattpoliert, wie ein Grabstein kommt er daher. Denn die Autonomie ist 2004 „vor die Hunde gegangen", wie Irina Michailowna meint. Die kleine administrative Wohltat wurde 1994 gewährt, in den turbulenten Jahren des Wandels feierten viele kleine Ethnien ein Comeback. Die letzten Fesseln wurden zerschlagen, so dachte man. Überall schossen Nationalbewegungen wie Pilze aus dem Boden. Das Imperium zerfiel. Wie gegängelte Kinder, denen man urplötzlich das Toben erlaubt, so standen sie auf, die Karelier, die Wepsen, die Baschkiren und Jakuten, die Tataren und Mordwinen, zig Völkerschaften. Aber wer nie laufen gelernt hat, dem fällt das freie Gehen schwer.

In kalten Stein gehauen betrachte ich die letzten Überbleibsel dieser Zeit. Die Wepsen waren auf verschiedene administrative Gebiete, Karelien, das Woloda-Gebiet und das Leningrader Gebiet, verteilt. Übermäßig ambitionierte politische Pläne wurden so kurz gehalten. Einhergehend mit der in ganz Russland typischen Landflucht des 20. Jahrhunderts, ist dieses Volk zu klein, um seine Eigenständigkeit zu erhalten. Verschiedene Schätzungen gehen von acht bis dreizehntausend verbliebenen Wepsen aus. Den Nationalkreis hat man aufgegeben, die skandinavisch anmutende Flagge, das gelb-blaue Kreuz vor türkisem Hintergrund, ist mit Nägeln an die Museumswand geschlagen worden.

Die Beziehung zum finnischen Nachbarn ist eng. Wepsisch, eine balto-finnische Sprache ist mit dem modernen Finnisch und dem Karelischen eng verwandt. Im Gästebuch finde ich Einträge aus Helsinki, Tampere, Turku. Aus Japan war ein Sprachwissenschaftler zu Besuch. Eine Schriftsprache hat das Wepsische nicht entwickelt. Einige klägliche Versuche sind in Form von zerfledderten Schulbüchern im Museum zu betrachten. Erst in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde eine Literaturbewegung ins Leben gerufen, das lateinische Alphabet gewählt, einige Bücher, darunter ein Russisch-Wepsisches Wörterbuch, verfasst. Nach mageren sechs Jahren war Schluss. Die meisten Angelegenheiten wurden ohnehin auf Russisch erledigt. So wie heute.

Frau Michailowna sieht das anders. „Alle hier können Wepsisch. Bis in die zehnte Klasse ist es Pflichtfach in der Schule". Aber der Versuch, mir dann einige Wörter beizubringen, schlägt fehl. Ganz so gut scheint es doch nicht gestellt zu sein um den Erhalt der Sprache. „Natürlich reden wir nur Russisch miteinander", gibt sie dann zu, aber es soll noch einige Alte geben, die die Sprache beherrschen.

In Wolodarskaja, knapp fünfundvierzig Minuten südlich, trotzt eine Perle der nordrussischen Holzbauarchitektur Wind und Wetter. Hohes Gras ringsherum, wir schlagen uns einen Weg zum Kirchenportal durch. Eine alte Frau führt mich, gebückt lehnt sie sich an ein Geländer. Im inneren haben nur nackte Holzpfähle die Jahre der Stagnation überstanden, ein einsames Kreuz lehnt in einer Ecke. Staub wirbelt auf. Die alte Frau zündet eine Kerze an und verneigt sich dort, wo einst die Ikonostase gestanden haben muss. „Kein Geld, niemand kümmert sich um die Bausubstanz", sagt sie resigniert. Das Weltkulturerbe Kischi, die berühmte Holzkirche, ziehe die Touristenmassen und Geld an, hierher verirre sich niemand. Wer könnte die Schätze erhalten und pflegen? Die Jungen zögen, wie überall, in Russlands Regionen, in die prosperierenden Städte.

Dort warteten Cafés, Partys, Knete. Kohl, Kartoffelernte und Kirchenrenovierung hingegen seien aus der Mode gekommen.

Man könnte doch die Kirche nach Kischi verlegen, schlage ich vor. „Niemals", sagt sie resolut. „Die Kirche wurde uns geschenkt und wir brauchen sie. Viele haben sie vergessen oder hatten Angst früher. Trotzdem brauchen wir sie und werden nicht aufgeben." Sie hat die Schlüssel und fühlt sich verantwortlich. Vielleicht ist das der Sinn ihres Daseins? Und ihre Bürde? Während wir sprechen, fegt sie den Boden.

„Trotzdem, mir gefällt es hier. Es ist meine Heimat."

Die Zeit wird nicht auf sie und die Wepsen warten. Wolken sind über den Onegasee gezogen, doch einzelne Lichtstrahlen brechen durch, fallen auf ihr Gesicht. Verträumt sieht sie aus.

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