Moskaus alltägliche Geheimnisse neu entdecken

 Touristen-Dieste als WowMoscow oder Moscow Greeter bieten die Moskau-Besuchern eine gute Möglichkeit, einen realen Eindruck von Russland zu bekommen, statt nur die üblichen Sehenswürdigkeiten abzuklappern.  Foto: Getty Images / Fotobank

Touristen-Dieste als WowMoscow oder Moscow Greeter bieten die Moskau-Besuchern eine gute Möglichkeit, einen realen Eindruck von Russland zu bekommen, statt nur die üblichen Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Foto: Getty Images / Fotobank

In den letzten Jahren sind viele neue und ungewöhnliche Touren durch Moskau entstanden. Es gibt die Möglichkeit, Rätsel zu lösen, geheimnisvolle Orte zu entdecken oder einen Einblick in den Alltag eines Moskauers zu erhaschen.

Einer heißen Spur folgen, relevanten Hinweisen nachgehen und Einheimische um Informationen bitten – Detektiv in einer fremden Stadt spielen sind neue Erfahrungen, die Besucher mit einer jungen Generation von Fremdenführern machen. Normalerweise gehört es nicht zu einem Stadtrundgang, Fremde zu umarmen, Gedichte zu rezitieren und nach Graffiti in Form eines Vogels zu suchen – doch „Moscow Game Tour" ist eben kein gewöhnliches Angebot.

Nikita Bogdanow, 25 Jahre alt, Stadtführer und Gründer des Unternehmens, sagt: „Es handelt sich nicht um eine herkömmliche Tour, sondern um ein komplexes Rätsel. Man interagiert mit heimischen Stadtbewohnern und macht so mehr Erfahrungen. „Moscow Game Tour" ist eines der neuen, innovativen Tourismusunternehmen von und für junge Menschen. Sie sind preisgünstig, oft kostenlos, und legen mehr Wert auf Interaktion mit den Einheimischen als auf traditionelle Besichtigungen und Rundgänge.

Bogdanow rief „Moscow Game Tour" 2009 ins Leben. Ziel war es, Touristen zu ermuntern, Gegenden außerhalb der Innenstadt zu erkunden. Im Rahmen der Tour, die rund 18€ kostet, lösen die Teilnehmer kleine Denkspiele und Aufgaben, die sie zu Hinweisen in Form einer Matrjoschka führen. Zu den Rätseln gehört es, Passanten nach dem Weg zu fragen oder einen russischen Satz aufzusagen. Auf „ihrer kleinen Expedition" entdecken die Spieler Sehenswertes wie die Küche eines Klosters oder alte sozialistische Denkmäler. Manche Hinweise sind leichter zu finden als andere. „Es gab eine Stelle, die wir einfach nicht finden konnten", sagt die 25-jährige Vera Baranowa, die an einer Rätseltour im Zarizyno-Park im Südosten Moskaus teilnahm. „Als wir jemanden fragten, stellte sich heraus, dass wir uns genau darüber befanden."

Das Geschäft kam so richtig in Schwung, als Bogdanow Kontakte zu Hotels und großen Reiseagenturen wie TUI sowie Unternehmen wie Google knüpfte. Seit diesem Jahr wird er vom Moskauer Ausschuss für den Tourismus unterstützt, der ein Programm mit dem Namen „Moscow Fresh" ins Leben gerufen hat, um kreativen Tourismus zu fördern.

 

„Moscow Fresh" ermöglicht neue Angebote

Bogdanow organisiert auch die „Moscow Free Tour", die kostenlos einen Überblick über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zwischen Kitai-Gorod und Kreml liefert. In der Hochsaison zieht dieses eher klassisches Angebot jeden Tag zwischen einem Dutzend und 40 Personen an. Die „Game Tour" dahingehend, findet nur ein- oder zweimal pro Woche statt und hat in der Regel nur zwischen 5 und 10 Teilnehmern. „Die ‚Free Tour' ist beliebter, da sie leichter zu verstehen ist", so Bogdanow. „Bei der ‚Game Tour' muss man den Leuten mehr erklären, worum es geht."

Neben der „Free Tour" und der „Game Tour" bietet Bogdanows Unternehmen täglich kostenpflichtige Touren mit verschiedenen Themenschwerpunkten an. Die „Retro-Kommunisten-Tour" führt zu sowjetischen Wahrzeichen wie der Lubjanka (das frühere Hauptquartier des KGB), dem Gulag-Museum, einer Kantine im sowjetischen Stil und zum Jelissejew, einem majestätischen Geschäft an der Twerskaja Straße, das als größter Laden der Sowjetunion galt. Heute werden in diesem Geschäft importierter Joghurt aus Frankreich und andere moderne Feinkostartikel verkauft.

Besucher können sich auch im Untergrund vergnügen – mit der „Metro Tour". Diese schließt einige der am schönsten dekorierten Stationen des Moskauer Metrosystems ein, wie zum Beispiel die mit Mosaiken verzierte Station Komsomolskaja. Die Tour versucht, die Teilnehmer mit Informationen zu versorgen, die über eine gewöhnliche Touristentour hinaus gehen. So werden auch wenig bekanntere Tatsachen über die U-Bahn erzählt, zum Beispiel wie viele Babys darin geboren worden sind.

 

Greeter-Netzwerk nun auch in Moskau

Alexej Sotskow, 30 Jahre alt, rief „Moscow Greeter" ins Leben, ein lokales Franchise-Unternehmen und Ableger des internationalen „Greeter"-Netzwerks. Früher hat er einfach immer wieder zwanglos Freunde durch die Stadt geführt. „Ich habe eine Menge Freunde im Ausland, und wenn sie nach Moskau kommen, zeige ich ihnen die interessantesten Orte. So dachte ich, dass es eine tolle Idee sein könnte, etwas was ich gerne mache auch kommerziell für Touristen anzubieten", erzählt er.

Die „Greeters" sind hauptsächlich Studenten, die Englisch lernen und Besucher zu weniger bekannten Orten führen – wie zum früheren Zarenpalast Kolomenskoje, zu Ausstellungen oder Sportveranstaltungen. Sie bringen die Touristen nicht nur zu verschiedenen Zielen, sondern reden auch viel über ihren Alltag während der Führungen. „Greeters sprechen über ihr Leben, über ihre Eltern, wo sie in Moskau wohnen und was sie studieren", sagt Alexej Sotskow.

„Gewöhnliche Touristenführer geben den Teilnehmern nur Informationen, die sie auch in einem Buch nachlesen können." Walentina Lebedewa studiert im zweiten Jahr Sprachwissenschaft und war zwei Monate als „Greeter" tätig. „Die meisten Menschen, die nach Moskau kommen, besuchen den Kreml und den Roten Platz, doch wenn sie nach Hause kommen, haben sie trotzdem nicht mitbekommen, wie die Menschen hier wirklich leben", erzählt sie. Greeters biete Besuchern eine gute Möglichkeit, einen realen Eindruck von Russland zu bekommen, statt nur die üblichen Sehenswürdigkeiten abzuklappern.

 

WowLocal – Moskauer helfen freiwillig als Touristenguide

Wenn man keinen ortskundigen Begleiter hat, kann es immer noch eine Herausforderung sein, sich in Moskau zurechtzufinden. Im Laufe des vergangenen Jahres sind an historischen Stätten einige Schilder mit englischer Beschriftung aufgestellt worden, doch in der Metro und auf den großen Straßen sind die Schilder nach wie vor nur kyrillisch beschriftet. „Es ist sehr schwer, sich hier zu orientieren", sagt die 25-jährige Irina Tripapina, die „WowLocal" organisiert. „Wir haben beschlossen, die fehlenden englischen Informationen auszugleichen, indem wir eine Gemeinschaft von Freiwilligen gegründet haben, die bereit sind, Touristen den Weg zu erklären." Nachdem die „WowLocal"-Freiwilligen einen Sprach- und Navigationstest bestanden haben, erhalten sie T-Shirts und Ansteckschildchen mit der Aufschrift „Ask Me, I'm Local". „Touristen können ‚WowLocal' zu jeder Zeit und überall in der Stadt finden", erklärt Tripapina.

Seit das Projekt im Juli 2012 gestartet ist, haben sich bereits 400 Freiwillige gemeldet. Tripapina trägt ihr Schild selbst jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit und erzählt, dass sie häufig von Fremden angesprochen wird, die sie nach dem Weg fragen, und auch von Russen selbst, welche die U-Bahn suchen. „WowLocal" stellt aber auch mithilfe von Stadtnavigationsspielen und Gesprächclubs in Hostels Verbindungen zwischen Moskauern und Touristen her. „Wir bringen Freiwillige mit Reisenden zusammen, so dass sie etwas miteinander unternehmen können." So solle der Besuch Moskaus zu einem erfrischend abwechslungsreichen Erlebnis werden.

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