Tomsk – Die Perle Sibiriens

Foto: Ricardo Marquina,Russland HEUTE

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Die Stadt an der alten Handelsstraße nach Sibirien ist aufgrund seiner erhaltenen historischen Bausubstanz und wegen der vielen Studenten ein kulturelles Bollwerk vor der Unendlichkeit der Taiga.

Sibirien tickt anders. Nicht alleine die Zeitverschiebung sondern eine Verschiebung des Zeitgefühls kann man wahrnehmen. Obwohl die Züge ausnahmslos pünktlich fahren, rattern sie tagelang, bis sie ihren nächsten Halt erreichen. Obwohl der Sommer heftig und warm ist, herrscht doch das Regiment des Winters ein halbes Jahr. Historizität ist schwer fassbar auf dem schlafenden Kontinent. Tomsk jedoch, 250km nördlich von Nowosibirsk mitten in Westsibirien gelegen, bietet dem Besucher eine spürbare Atmosphäre der Zeit, des Neuen wie des Alten zugleich.

Vom Auferstehungsberg, einem gemächlichen Hügel im Zentrum der Stadt bietet sich ein Blick in alle Himmelsrichtungen: hier der mächtige Tom, ein Schleife machend, schiebt er sich von den Kohlegruben des Westsibirischen Ruhrgebiets, dem Kusbass kommend Richtung Norden, in den Ob. Ins nördliche Eismeer führt sein Weg. Einst trug er die Kosaken hierher, auf Befehl des Zaren Boris Godunow gründeten sie 1604 ein Fort, ein Vorposten des Russischen Reiches im unendlichen sibirischen Kontinent. Tomsk, die Perle Sibiriens entstand hier.

Holzbarrikaden und ein Ausguck zeugen heute davon, neu errichtet erinnern sie an die Bedeutung dieses Ortes. Kosakenfestung als Stützpunkt zur Eroberung Sibiriens. Das Stadtmuseum mit altem Feuerturm ragt hoch über der Stadt, im Hintergrund mächtige Wolken aus den Kraftwerken der Umgebung. Auch die geschlossene Stadt Tomsk-7, heute Sewersk, zeigt sich deutlich am Horizont. Atomkraftwerke und Holzhäuser. Das kuriose Paradox dieser Stadt aus Modernität und Geschichte wird schon auf den ersten Metern des Spaziergangs deutlich.

Sibirien war bald erobert. Seine Bedeutung errang Tomsk im Laufe der Zeit durch seine Lage am Sibirischen Trakt. Auf der einzigen morastigen Landstraße in der Taiga wühlten sich Kutschen und Gespanne durch den Schlamm, auf die Verbannten wartete ein jahrelanger Fußmarsch. Das war bevor die Eisenbahn hunderttausende Menschen auf einen oftmals schicksalhaften Weg nach Osten beförderte.

Als Handelszentrum und Militärposten wuchs Tomsk zu der neben Tobolsk und Irkutsk bedeutendsten Stadt Sibiriens heran. Alle Reisenden der Zeit machten hier Rast. Doch eine wahnwitzige Fehlentscheidung sollte das Schicksal der Stadt in modernen Zeiten bestimmen. Die Legende besagt, die Tomsker Kaufleute und Stadtoberen seien von der Notwendigkeit eines Bahnanschlusses nicht überzeugt gewesen. Zu dreckig, zu laut, ihr fatales Urteil. Sie besiegelten damit die Zukunft des Ortes als Hauptstadt Sibiriens. Die Transsibirische Eisenbahn fährt hundert Kilometer weiter südlich an Tomsk vorbei. Eine Stichstrecke verbindet die Stadt mit der Bahntrasse. Der Handel verblühte, andere Städte wie Nowosibirsk befanden sich nun im Aufschwung, die goldenen Zeiten waren vorbei. Die heutigen Touristenströme auf der legendären Transsibirischen Eisenbahn fließen weitestgehend an Tomsk vorbei, obwohl nicht schwer zu erreichen, ist den meisten Besuchern das Umsteigen zu beschwerlich.

Bewundernswerterweise hat sich Tomsk einen wichtigen Platz in Russlands Legende erhalten. Wir schlendern die vielbefahrene hektische Hauptstraße der Stadt entlang. Lenin ragt über allem und weist auf die rosagetünchte Gotteserscheinungskirche, eine Armada von Kleinbussen wühlt sich hupend und tönend durch die Stadt.

Die Haltestellen vor den Universitäten sind überfüllt mit jungen Menschen. Alleine sechs staatliche Universitäten beherbergt die Stadt, die zahllosen Gymnasien, Lyzeen, Mittelschulen, Colleges, Berufsschulen, Institute und private Bildungseinrichtungen gar nicht mitgezählt. Der Tomsker Urtyp ist Student, ein Viertel der Bevölkerung ist eingeschrieben. Wenig verwunderlich also die vielen jungen Leute, die die Parkbänke in Beschlag nehmen sobald die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings erscheinen und die an warmen Sommerabenden die Uferpromenade des Tom bevölkern.

Das Hauptgebäude der Staatlichen Universität ist ein architektonisches Kleinod, in einen hübschen Park eingebettet fühlt man sich an einen altehrwürdige Campus Englands oder Nordamerikas versetzt. Tradition verpflichtet: Als erste Universität Sibiriens 1880 gegründet, erfüllt sie die Stadt mit Stolz auf ihre für hiesige Verhältnisse lange Bildungsgeschichte. Nicht nur das Wissen verdankt die Stadt den Universitäten: Allerhand Kulturveranstaltungen, vom Theater bis zur Misswahl beleben die Stadt. Und das Beste ist wohl, dass man in einem der Cafés oder Kantinen der Stadt leicht ins Gespräch kommt, denn aufgeschlossene Menschen finden sich hier eher als anderswo.

Als bedeutendes Zentrum für Forschung und Bildung hat Tomsk seinen vergangenen Ruhm aufrechterhalten können. Weit über Russlands Grenzen hinaus wird kooperiert, man versteckt sich nicht mehr vor der Welt. Besonders wichtig erscheint die Gewinnung von Nachwuchstalenten für die Öl- und Gasindustrie, welche nördlich der Region Tomsk nach den Schätzen Sibiriens sucht. Aber auch Sprachlernzentren und viele ausländische Studenten bereichern die Stadt. Im Vergleich zu anderen Provinzzentren Russlands ist Tomsk weltmännisch, nahezu kosmopolitisch.

In andere Zeiten versetzt fühlt man sich, biegt man in eine der vielen Nebensträßchen ab. Wunderbare Exemplare reicher kaufmännischer Holzbauarchitektur sind hier erhalten und vor allem gut in Stand gesetzt und renoviert. Eine wahre Ausnahme, dass die alten Schätze so hervorgeputzt und in neuer Farbe und Licht erstrahlen. So zum Beispiel das Russisch-Deutsche Haus an der Krasnoarmejskaja Straße. Dem Reichtum des Bauherren, der Verspieltheit und Liebe des Architekten offenbart sich an jedem Detail, jedem kleinen Erker, jeder strahlend weißen Kuppel vor tiefblauen Anstrich, in jedem fein verzierten Fenstersturz. Man staunt schlichtweg.

Nach all den baulichen Anmaßungen, die Russland bietet, wirken die Tomsker Holzhäuser wie ein Tropfen Balsam auf die geschundene Architektenseele. Auch hier reihen sich sozialistische Plattenbauten aneinander, aber immerhin ist so viel Altes und Schönes erhalten, dass man sich in einer historisch gewachsenen Stadt fühlt, an einem Ort, der ein Heute, ein Morgen, aber auch ein Gestern hat und sich dessen nicht schämt.

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