Mission possible – in Sankt Petersburg

Der Missionar Richard Stark. Foto: Arina Popowa

Der Missionar Richard Stark. Foto: Arina Popowa

Seit 13 Jahren kämpft der 74-jährige Missionar Richard Stark für den Wiederaufbau der katholischen Kirche Mariä Heimsuchung in Sankt Petersburg, die 1919 von den Sowjets enteignet wurde. Laut einem Dekret aus der Zeit Boris Jelzins müssen die Kirchen samt Grundstück zurückgegeben werden.

"Das ist alles mein Land, die parken hier illegal", zeigt der 74-jährige Pfarrer Stark auf mehrere Autos nur wenige Meter von der Kirche entfernt. In seiner Stimme vermischt sich Stolz mit Entrüstung. Bis zur Revolution 1917 gehörten, so Stark, alle Gebäude neben der Kirche zusammen – selbst ein katholisches Gymnasium und ein Waisenhaus hätten sich hier befunden. Heute nennt der Gemeinde von zehn Hektar des gesamten ehemaligen Friedhofsgeländes offiziell nur knapp zwei Hektar ihr eigen. Denn durch den ehemaligen Friedhof führe die Straße Mineralnaja, der Rest sei von grauen Fabrikgebäuden besetzt.

Wir gehen in Richtung Kirche und stehen plötzlich inmitten eines Feldes, das mit allerlei Müll verschandelt ist. Eine dicke Schicht von Herbstblättern auf dem nassen Grund vermischt sich unter den Füßen mit Reifen, Brettern, Ästen und Plastikverpackungen. „Kommen wir da überhaupt durch?", frage ich zaghaft. „Wer „A" sagt, muss auch „B" sagen, antwortet Stark philosophisch. Man müsse eben etwas sportlich sein, schmunzelt er.

Und in der Tat, wir schlängeln uns unter einem Betonbogen durch und stehen bereits auf dem gepflegten und asphaltierten Kirchhof. Pater Stark führt mich an einen Marmorstein heran: „Der ist im vorigen Jahr hier aufgestellt worden. Ein Grabdenkmal für die Katholiken, die in den 1930er Jahren Opfer von Repressionen wurden und umgebracht worden sind. Auf dem Sockel steht der Name Epifanij Akulow. „Er war der letzte Pfarrer dieser Kirche und wurde am 06.10.1937 erschossen", erklärt Stark bewegt.

Ein ähnlicher Gedenkstein, so der Pfarrer, stehe in Lewaschowo, einem Waldgebiet im Norden von St. Petersburg, wo unter Stalin 14.000 Menschen verschiedener Konfessionen und Nationalitäten hingerichtet worden seien.

 

Den schwierigen Bedingungen zum Trotz

Wir stehen auf dem Friedhof. Auf ihm ruhen 40.000 Katholiken. Errichtet wurde die Ruhestätte 1855. Damals lebten in Sankt Petersburg mindestens 80.000 Katholiken. Das Kirchengebäude wurde erst später, 1859, nach einem Entwurf von Nicolas Benois erbaut worden. „Im nächsten Jahr begehen wir den 200. Geburtstag des Architekten. Er liegt in dieser Kirche, in der Krypta. Aber da kommen wir gar nicht hin, weil alles unter Wasser steht" schildert Stark die prekäre Situation.

Nach zehn Jahren harter Auseinandersetzung habe die Stadt endlich beschlossen, das Grundstück mit dem Kirchengebäude, welches unter Denkmalschutz steht, zurückzugeben. Das hätte viel Nerven und Geld gekostet, erzählt Stark.

Mein Blick fällt auf ein Dixi-Klo und ein Becken mit Wasserspeicher neben der Kirchenmauer. „Einen eigenen elektrischen Anschluss haben wir auch nicht. Ein Nachbar hat mir jetzt freundlicherweise eine Leitung gegeben. Die ist aber nicht offiziell", erläutert der Pfarrer.

Auf dem leeren Kirchenhof erscheint plötzlich eine ältere Dame. „Ich habe den Ofen ausgemacht und das Kapellchen zugeschlossen. Bleiben Sie gesund, bis Freitag!". „Spassibo Julija Petrowna, do swidanija", dankt der Seelsorger. Die Frau ist eine von 30 Gemeindemitgliedern, für die Pater Stark freitags und samstags jeweils um 7 Uhr und sonntags um 12 Uhr einen Gottesdienst abhält. Familien mit Kindern könne er nicht einladen, dazu seien die Bedingungen zu schlecht.

Auf meine Frage, ob sich die ganze Sache lohne, antwortet der 74-Jährige, der Mitglied der Steyler Missionare, einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft ist, ohne lange zu überlegen: „Jeder andere hätte schon längst aufgegeben. Aber es gibt keinen Priester, der so viele Katholiken, darunter sieben Erzbischöfe, unter seinen Füßen hat. Diese ehemalige Friedhofskirche ist die Mühe wert, denn nach katholischer, wie auch nach orthodoxer Auffassung sind Tote und Lebende eine Gemeinschaft. Und die, die schon bei Gott sind, können für uns etwas tun", begründet Stark sein Engagement.

Es ist Zeit, sich zu wärmen und wir gehen in die Kirche. Vor dem Eingang parken ein weißer Ford-Transporter und eine graue „Schestjorka". Den russischen Wagen habe er seinem slowakischen Kaplan gegeben. Mit dem Ford fährt Stark täglich die sieben Kilometer zum Stadtzentrum, wo er eine Wohnung mit katholischen Seminaristen teilt.

Wir gehen die Wendeltreppe hinauf in das Arbeitszimmer des Geistlichen. Es sieht wie ein ganz normales Büro aus: Schreibtisch mit Computer, Vorhänge, Sofa, Teppich. Nur das brummende Heizgerät passt nicht ganz ins Bild. Ohne Jacke, in einem Kollarhemd, der Alltagskleidung katholischer Priester, sieht Herr Stark plötzlich wie ein ganz normaler Pfarrer aus.

Auf dem Tisch breitet er einen Plan des Kirchengeländes aus: „Dieses Stück gehört mir. Sсhauen Sie, hier auf diesen 5.000 Quadratmetern möchte ich eine Oase der Ruhe, der Sauberkeit und der Besinnung schaffen. Sobald das mit dem Grundstück endgültig geklärt ist, geht es richtig los. Wir werden Besuch haben aus Polen, Frankreich, Italien, Deutschland ...", wagt Stark einen Blick in die Zukunft. „Vom Glauben her sind wir ein Herz und eine Seele, das ist mir wichtig".

 

Mit Gottes Energie

Stark erzählt nun noch über Herzog Maximilian von Leuchtenberg, das einzige katholische Mitglied der Zarenfamilie. Nur dank dessen Unterstützung sei die Errichtung des Friedhofes möglich gewesen. Dann ein abrupter Themenwechsel: China werde bald ein christliches Land sein. Ohne Umweltschutz ginge alles zugrunde. Die Verschmelzung von Kirche und Staat schreite immer mehr fort", sinniert Stark.

Nach 28 Jahren im Kongo sei Russland für ihn wie ein Paradies. Dort in Afrika habe er den Bürgerkrieg überlebt, Brücken gebaut, eine Ebola-Epidemie bekämpft und Afrikanern die Landwirtschaft beigebracht.  "Ich kann nicht predigen, wenn man hungert", - sagt der Pfarrer.

Wir betreten einen eindrucksvoll großen Dienstraum, wo es kaum wärmer ist als draußen. Alles hier wirkt wie in einer üblichen katholischen Kirche. Nur die Wände sind mit modernen Bildern eines zeitgenössischen deutschen Malers gestaltet. Als erstes geht Pater Stark auf die Jungfrau-Maria-Skulptur zu und bietet mit seiner klangvollen Stimme spontan ein Gesang-Gebet dar. „Zu Weihnachten stellen wir überall Kerzen und Heizgeräte auf, es wird warm und sehr gemütlich", lächelt Stark glücklich.

Nach Weihnachten gehe er nach Deutschland, zur medizinischen Untersuchung. Das müsse nach einer Herzoperation regelmäßig sein. Danach ginge es gleich wieder zurück, in seine Kirche. Wo nimmt er die Energie her? Von Gott. Und natürlich bürge der Name "Stark" für Qualität. Im Jahre 2009 erhielt der Pater das Bundesverdienstkreuz.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland