Blick nach vorn und nicht zurück

Bild: Alexej Jorsch

Bild: Alexej Jorsch

Fjodor Lukjanow diskutiert die Frage, was Russland durch den Zerfall der UdSSR gewonnen hat und warum es nicht sinnvoll ist, den Blick zurückzuwenden.

Am Sonntag, den 30. Dezember 2012, jährt sich die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zum 90. Mal – eines Staates, der bis heute Heimat für 80% der Einwohner Russlands ist. Lediglich 20% der russischen Bevölkerung kamen in der heutigen unabhängigen Russischen Föderation zur Welt. Die UdSSR erlebte nicht ganz ihr 70-jähriges Bestehen. Seitdem ebben die leidenschaftlichen Debatten über Ursachen und Folgen des Untergangs der Supermacht nicht ab.

Die Auflösung des sowjetischen Staatenbundes am 25. Dezember 1991 war ein überraschend unspektakuläres Ereignis. Ein westlicher Diplomat erinnert sich, er habe sich gewundert, am Abend der Abdankung Michail Gorbatschows den Roten Platz menschenleer vorgefunden zu haben. Nur einige Männer vom japanischen Fernsehen froren im Wind und schienen auf den Moment zu warten, ein Bild von historischer Bedeutung einfangen zu können.

Der Menschenauflauf blieb aus. Weder kam es zu Bekundungen der Freude über den Fall des Imperiums, noch protestierten die Massen angesichts des Niedergangs ihres Landes. Die Gesellschaft war müde von der sich hinziehenden Agonie des sowjetischen Staates, dessen tatsächliches Finale sich fünf Monate zuvor, im August 1991, ereignet hatte. Die formelle Besiegelung wurde allgemein mit Erleichterung und der Hoffnung auf eine neue Epoche aufgenommen.

Je weiter jedoch das Ende der UdSSR wegrückte, desto erbitterter wurden die Debatten über diese historische Wende geführt. Die Einsicht in die Unumkehrbarkeit der Entwicklung kam langsam. Anfangs schien niemand ernsthaft daran zu glauben, dass eine unabhängige Ukraine oder ein souveräner kirgisischer Staat tatsächlich und für längere Zeit, ja sogar für immer, existieren könnten.

Das russische Verhältnis zu den Entwicklungen im Dezember 1991 unterscheidet sich prinzipiell von der in den übrigen Sowjetrepubliken verbreiteten gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Ereignisse. Dort begrüßte man einen Neuanfang, anstatt einen Verlust zu beklagen. Die Herausbildung einer eigenen Staatlichkeit wird - trotz aller Mängel - als Wert aufgefasst. Die russische Gesellschaft dagegen zweifelt bis heute an der Vollständigkeit Russlands in seinen heutigen Grenzen und begreift es häufig nur als Überbleibsel des anderen, „wirklichen" Staates.

Das Trauern über den Verlust, das Verharren in einem depressiven und im Wesentlichen rhetorischen, gelegentlich auch populistisch aufgeblähten Schmerz, prägen praktisch die gesamte russische Diskussion über die Vergangenheit und Zukunft. An diesem Tenor hat sich bis heute nichts geändert, und das ungeachtet der Tatsache, dass das reale politische Geschehen überhaupt nichts mit der sowjetischen Vergangenheit zu tun hat.

Die Menschen orientieren sich grundsätzlich an der Zukunft, richten ihren Blick aber weiter zurück und suchen dort nach Maßstäben für die Bewertung der Gegenwart. Das kann aber nicht gelingen, das sowjetische Prinzip ist ausgereizt, in politischer, ökonomischer, ideeller und moralischer Hinsicht. Aus dieser Epoche lässt sich nichts wiederherstellen. Man muss mit etwas Neuem beginnen.

Wir sind es gewöhnt aufzulisten, was Russland mit dem Zerfall der UdSSR verloren hat. Russland hat den Status einer Supermacht verloren, den es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auch nicht hatte und auch in absehbarer Zeit nicht erwerben wird. Ich wage sogar zu behaupten: niemals mehr haben wird.

Die geopolitische Lage eines der beiden mächtigsten Länder der Welt und die Kontrollsphäre, die sich über die ganze Welt erstreckte, waren das Ergebnis eines beispiellosen Zusammentreffens von Umständen, das es in der Form nicht mehr geben wird. Bald schon wird der Begriff der Supermacht selbst in dem Sinne, den ihm der Kalte Krieg verlieh, zur Vergangenheit gehören. In einer multipolaren Welt hat er keinen Platz mehr.

Im Gegenzug wurde Russland als Staat und Subjekt der Politik eine neue Freiheit zuteil. Diese Freiheit ist zum Beispiel an dem Recht festzumachen, sich nicht in alle internationalen Prozesse involvieren lassen zu müssen, Angelegenheiten von nachgeordneter Bedeutung aus dem Weg gehen zu können, weder an eine große Mission, noch an ein ideologisches Dogma gebunden zu sein.

Das wurde lange nicht als Vorteil gewertet. Im Gegenteil trauerten die politische Elite und ein nicht kleiner Teil der Gesellschaft eben dieser globalen Rolle nach. Erst jetzt beginnt man zu verstehen, dass es in einer Welt, in der jeder Anspruch auf absolute Macht unweigerlich mit Verantwortung für Ereignisse einhergeht, die niemand mehr beeinflussen kann, sehr vorteilhaft sein kann, eine solche Rolle nicht zu haben.

Der den Nahen Osten durcheinander wirbelnde „Arabische Frühling" ist ein anschauliches Beispiel. Hätte Russland den Status und die internationalen Verpflichtungen der UdSSR inne, müsste es sich aktiv einmischen, müsste es versuchen, das Geschehen in die eine oder andere Richtung zu lenken, um seine führende Rolle nicht einzubüßen. Genau das versuchen gerade die Vereinigten Staaten, mit zweifelhaftem, um nicht zu sagen kontraproduktivem Effekt.

Das Bestreben, auf der „richtigen Seite der Geschichte" zu stehen, hat Washington de facto in eine Allianz mit jenen Kräften getrieben, die Amerika in den vergangenen zehn Jahren zu seinen Gegnern zählte und die verständlicherweise in den USA einen ausschließlich taktischen, keinen strategischen Bündnispartner sehen.

Je weiter sich die Lage in diesem Teil der Welt jedoch zuspitzt, desto schwieriger und gefährlicher wird es, die dort entstandenen Probleme zu lösen. Russland bemüht sich um die Einhaltung bestimmter Prinzipien im Nahen Osten, zieht sich aber, wenn es nicht anders geht, zurück, um sich auf akutere Probleme zu konzentrieren. Die USA können sich das nicht erlauben. Vor einundzwanzig Jahren siegten sie über den Drachen und berauschten sich lange an ihren Triumph. Dabei schienen sie nicht zu bemerken, wie sie allmählich seinen Platz einnahmen.

 

Fjoder Lukjanow ist Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Sicherheitspolitik.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.

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