Verlogene Hilfe

Unser Kolumnist Der Ulenspiegel äußert sich über das umstrittene "Dima-Jakowlew-Gesetz".

Die amerikanische Schwimmerin Jessica Long wurde in Russland geboren. Mit 13 Monaten wurde sie von einer amerikanischen Familie adoptiert. Heute ist sie weltberühmt, Goldmedaillen-Gewinnerin und Fotomodell. Jessica Longs Beine enden kurz unter dem Knie, sie kam ohne Knochen in den Unterschenkeln zur Welt. Ohne ihre Adoptiveltern würde sie vielleicht heute noch in einem sibirischen Waisenhaus dahinvegetieren.

Dima Jakowlew war auch ein Waisenkind aus Russland, das von einer amerikanischen Familie adoptiert wurde. Im Jahr 2008 starb der knapp

zweijährige Junge an einem Hitzeschlag in einem Auto. Sein Adoptivvater hatte ihn neun Stunden bei sengender Sonne im Auto gelassen. Zwei Schicksale adoptierter russischer Kinder. Dima Jakowlew muss jetzt als Namensgeber für ein Gesetz herhalten, welches es US-Bürgern verbieten soll, russische Waisen zu adoptieren. Das Ganze ist eine Retourkutsche für das amerikanische Magnitskij-Gesetz. Dieses verbietet russischen Staatsbürgen die Einreise in die USA, die von US-Behörden verdächtigt werden, an Menschenrechtsverletzungen beteiligt zu sein.

Zahlreiche Russen fühlen sich abgestoßen von der Duma-Initiative, die angeblich dem Schutz der Waisenkinder dienen soll. Die sozialen Netzwerke sind voll von Meldungen über russische Waisenkinder, die im eigenen Lande den Tod gefunden haben.

Aber nicht nur die Frage der Adoption selbst, sondern auch von der Art und Weise, wie das Gesetzt, begründet wird und wer seine Protagonisten sind, macht die Menschen wütend. Der Abgeordnete Sergej Shelesnjak, der sich in Sachen Heimattreue besonders hervortut und russische Waisen vor dem sicheren Verderben in der Fremde retten will, soll laut dem oppositionellen Blogger Alexej Nawalny seine Töchter an teuren Eliteuniversitäten im Ausland studieren lassen. Er steht nur stellvertretend für eine Elite, die nichts für die Armen im eigenen Land tut und einen verlogenen Patriotismus vor sich her trägt.

Auch für westliche Russland-Experten bietet diese Debatte Stoff zum Nachdenken. Der Streit um Menschenrechte in Russland entzündet sich normalerweise an prominenten Figuren, um die sich Legionen von Anwälten, Menschenrechtlern und ausländischen Unterstützern kümmern. Von Chodorkowski bis Pussy Riot gilt: auch wenn die Strafen härter sein mögen als das Vergehen, die Solidarität aus dem Ausland übersteigt das Maß der Bestrafung bei weiten. Vor allem dann, wenn man es mit der Unterstützung vergleicht, die denjenigen zuteilwird, denen es im Russland wirklich dreckig geht – Waisenkindern, Kranken, Behinderten, Alten, gewöhnlichen Strafgefangen. Mit solchen Nobodys lässt sich im Westen eben nicht so gut Symbolpolitik betreiben.

Viele wohlmeinende Beobachter wundern sich darüber, warum in Russland prominente Regimekritiker so ungeliebt sind, die im Westen als Helden gelten. Die Antwort ist ganz einfach. Sie werden als Teil der Elite gesehen, genauso wie die feisten, selbstzufriedenen Duma-Deputierten, die Symbolpolitik auf dem Rücken der Waisenkinder treiben. Chodorkowski ist für die Russen ein Oligarch, der zu hoch gepokert hat, kein Freiheitskämpfer. Die Girls von Pussy Riot, so glauben viele, werden von westlichen Organisationen mit Geld überschüttet werden, wenn sie erst aus dem Knast kommen. Dafür, wer wirklich in Not ist, und wer lediglich im Kampf um Macht und Reichtum vorübergehend den Kürzeren gezogen hat, haben die Russen ein feines Gespür.

Für Waisenkinder ist es nicht einfach, prominent zu werden. Und wenn sie es sind, so wie Jessica Long, dann brauchen sie keine Unterstützung mehr. Guter Vorsatz für alle Russland-Freunde im Westen: Im neuen Jahr setzen wir uns mal für die ein, die keinen Namen haben.

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