Anmut und Grazie für den Weihnachtsbaum

Russlands Kunsthandwerk und die Fertigkeiten der Glasbläser sind international anerkannt. In Klin ist das Zentrum der Weihnachtsschmuckherstellung. Kommen Sie mit auf eine Führung durch die Produktion.

Museum für Baumschmuck in Klin. Foto: Kristina Sujkina

 

Unweit von Moskau, in der Stadt Klin, bekommt man einen Einblick in die Geheimnisse der Weihnachtsschmuckproduktion. Wir zählen vielerorts die Tage bis zum Neujahrsfest, jedoch in Russlands einzigem Museum für Baumschmuck, dem „Kloster von Klin", wird jeden Tag Silvester gefeiert. In diesem kleinen Museum sind über 2 000 Weihnachtsexponate ausgestellt, die uns etwas über vergangene und heutige Traditionen des Neujahrsfestes, dem wichtigsten Termin im russischen Festtagskalender, erzählen.

Die Tradition des geschmückten Tannenbaums brachte Zar Peter der Große zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus Deutschland mit. Damals hängte man Süßigkeiten und Obst an die Zweige eines Tannenbaums. Einige Zeit später kam der Brauch auf, die Leckereien in Papier oder auch kleine Kartons zu verpacken. Dieser essbare Schmuck war der Anfang des modernen Baumschmucks.

Später wurden die Tannenbäume mit Spielsachen aus Karton und Glas behängt, doch auch diese wurden importiert. Die ersten Fabriken, die in Russland Baumschmuck produzierten, entstanden erst Mitte des 19. Jahrhunderts, und der allererste russische Baumschmuck bestand nicht aus Kugeln, sondern aus Glasperlen. „Mit Perlen wurden allerdings zunächst nicht die Tannenbäume, sondern der Hals der Damen geschmückt. Erst einige Jahre später wurden Perlenketten mit einer Länge von 1,5 bis 3 Metern produziert, die sich auch als Tannenbaumschmuck eigneten", berichtet die leitende Führerin des Museums Ljudmila Dedikowa.

 

Baumschmuck aus Papier und Watte

Erst viel später tauchte auch Schmuck aus verschiedenen anderen Materialien, unter anderem aus Karton oder aus Watte auf. Der am einfachsten herzustellende Baumschmuck bestand aus Karton. Er wurde folgendermaßen angefertigt: Man schnitt zwei gleiche Figuren aus Karton aus, legte sie übereinander, verklebte sie miteinander und bemalte sie zum Schluss. „Es gab auch Baumschmuck, der eine Überraschung enthielt – der sogenannte „Dresdner Schmuck", er wurde in Sachsen entworfen.

Zwischen die beiden Kartonteile wurden bei diesem Baumschmuck Perlen oder kleine Briefchen gelegt, und natürlich gab es unten auch noch einen Faden. Wer so eine Figur geschenkt bekam, zog an dem Faden, die beiden Hälften öffneten sich und hervor kam eine kleine Überraschung", erklärt Dedikowa.

Von den drei vorgestellten Baumschmuckarten ist das Figur aus verschiedenen Materialien dasjenige, das am schwierigsten herzustellen ist. Es besteht aus Glasröhrchen und Perlen, die mit Hilfe von Draht zusammengehalten werden. Allerdings werden solche Spielsachen aus einem Mix heute nicht mehr in Fabriken hergestellt. Dort wird lediglich Glasschmuck produziert.

 

Doch wie wird nun moderner Baumschmuck hergestellt?

Jeder der Handwerksmeister arbeitet mit einem Gasbrenner, der Temperaturen von 500 bis 900 Grad erzeugt. Vor jedem Meister liegen unzählige Glasröhrchen. Innerhalb weniger Sekunden spaltet der Meister mit Hilfe der extremen Hitze das Glas in zwei Teile auf. Die verbleibende Portion besteht aus zwei schmalen, länglichen Bärtchen. In seiner rechten Hand hält er das Arbeitsbärtchen, in seiner linken das Hilfsbärtchen, das später entfernt und weggeworfen wird. In der Mitte des Röhrchens befindet sich der sogenannte Glasposten. Dieser wird nun weiter erhitzt – daraus entsteht die künftige Figur. Wenn das Glas weich wird, wird ein Luftballon ins Arbeitsbärtchen eingeführt. Auf diese Weise entsteht ein von Hand geblasenes Glasspielzeug.

Um bestimmte Figur herzustellen, benutzt der Handwerksmeister spezielle Metallformen, die aus zwei Hälften bestehen. In diese Formen legt er das heiße Glasröhrchen und umschließt es mit den beiden Hälften. So entsteht ein Spielzeug mit einer bestimmten Form. „Auf den ersten Blick scheint es leicht, ein Spielzeug aus Glas herzustellen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei jedoch um einen hochkomplexen Ablauf. Deshalb befindet sich dieses Gewerbe seit jeher in der Hand von Zünften und Dynastien – absolut nicht jeder ist dazu in der Lage. Wer als Glasbläser arbeiten möchte, muss zunächst neun Monate lang als Gehilfe in der Produktion mitarbeiten. Und selbst das schaffen nicht alle auf Anhieb", berichtet uns Ljudmila Dedikowa.

Ist das Glasspielzeug fertig geblasen, wird es in einer Werkstatt mit Spezialfolie beschichtet und anschließend bemalt. Das Spielzeug wird am Bärtchen angefasst und in ein Gefäß mit Farbe getaucht. Die Farbe trocknet innerhalb von 20 - 40 Minuten in speziellen Trockenkammern.

In der letzten und interessantesten Arbeitsphase wird das Spielzeug kunstvoll bemalt. Jede der Meisterinnen hat vor sich auf dem Tisch ein bestimmtes Muster liegen, das vom leitenden Künstler und Artdirektors der Fabrik angefertigt worden ist. Dabei kann so ein Spielzeug nicht in einem Durchgang komplett bemalt werden. Möchte die Meisterin beispielsweise einen Pilz malen, wird zunächst das Gras auf mehrere gläserne Werkstücke aufmalt, anschließend kommt der Hut an die Reihe und so geht es Schritt für Schritt weiter. Ein solches Spielzeug nimmt die Künstlerin zwischen sieben und zehn Mal pro Tag in die Hand, je nachdem, wie kompliziert das vorgegebene Muster ist. Ist der Baumschmuck fertig bemalt, wird das Bärtchen mit einem Spezialmesser abgeschnitten und eine Verschlusskappe aus Metall aufgesteckt, und schließlich wird der Baumschmuck versandfertig verpackt.

 

Die schönste Damenriege Russlands

Der momentane Hit der Saison sind Glasfiguren, die man zu vielen Gelegenheiten verschenken kann – nicht nur ein Mal im Jahr, sondern zu den unterschiedlichsten Festen. „So werden Schwäne – das Symbol für Liebe und Treue – zur Hochzeiten verschenkt. Engelchen kann man zum Namenstag weiter reichen. Glöckchen vertreiben nicht nur jede Art von Spuk. Wenn man die Glöckchen regelmäßig erklingen lässt, wird man häufig verreisen", fügt Frau Dedikowa erläuternd hinzu.

Die Schönheit und Originalität solcher Kunstfertigkeit wird aber am besten sichtbar, wenn diese an einem Tannenbaum hängen. Im Museum kann man an einer ganzen Reihe von besonders schönen Frauen vorbeiflanieren. Die „Miss Russland" ist mit Kugeln geschmückt, die das typischen Muster aus Wologda tragen.

Der östliche Tannenbaum, die „Miss Japan" ist mit Spielsachen in zwei Farben dekoriert, dazu schwarz und weiß als Symbole für Yin und Yang. Daneben steht die grellbunte „Miss Marokko" oder „Miss Mandarinfisch". Und dann gibt es noch einen Tannenbaum, der an eine weibliche Figur erinnert. Auf seinem Haupt thront eine Krone und die Taille wird von einem Brokatband geschmückt. Dabei sind zwei Farben vorherrschend: gold und rot - die Symbole der Macht. „Vor Ihnen steht die Königin", erklärt Ljudmila Dedikowa. „Und nun können wir unserer Phantasie freien Lauf lassen: Es handelt sich entweder um die englische Königin, oder vielleicht ist auch unsere Zarin Katharina aus der Vergangenheit zurückgekehrt."

Der ungewöhnlichste Tannenbaum ist der im russischen Stil geschmückte Lebkuchenbaum. Ihn schmücken Lebkuchen, Bojaren, Matrjoschki und Hähne, die es bislang noch nirgendwo zu kaufen gibt.

 


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