Russlands Kinder entdecken spielend ihr Talent

„Masterslawl" ist eine kleine Stadt auf 6000 Quadratmetern Fläche mit etwa 60 Gebäuden, Häusern und Hütten. Wie in einer wirklichen Stadt gibt es hier eine Bank, einen Bahnhof, ein Theater, eine Universität und eine Feuerwehr. Foto: Pressebild

„Masterslawl" ist eine kleine Stadt auf 6000 Quadratmetern Fläche mit etwa 60 Gebäuden, Häusern und Hütten. Wie in einer wirklichen Stadt gibt es hier eine Bank, einen Bahnhof, ein Theater, eine Universität und eine Feuerwehr. Foto: Pressebild

Jedes Kind hat verborgene Talente. Nun hilft ein Freizeitpark Kindern bei der Förderung eigener Stärken, zeigt ihnen mögliche Zukunftswege und lehrt nebenbei das Wirtschaften mit begrenzten Ressourcen.

 Im März 2013 wird in Moskau die Kinderstadt „Masterslawl" eröffnet. Dort können sich die jungen Besucher im Alter von vier bis vierzehn Jahren in verschiedenen Berufen versuchen, miteinander handeln und so wirtschaftliche Abläufe selbst erleben. Dadurch sollen sie lernen, Geld nicht nur für bestimmte Vergnügungen und Süßigkeiten auszugeben, sondern es auch gegen notwendige Waren einzutauschen, bzw. ihre Arbeitsleistung gegen Geld anzubieten.

Kinder haben heute oft keine Träume von ihren zukünftigen Berufen, in denen sie sich an die Welt eines Raumfahrers, Arztes oder Busfahrers herantasten könnten. Außerdem haben die meisten kein Verhältnis zum Geld und kein Gefühl dafür, ob ein Spielzeug für 100 Euro teuer ist oder nicht. Diesen Kindern und ihren Eltern möchte das Projekt „Masterslawl" helfen. Es startet im nächsten Frühjahr als Freizeitpark, in dem Kinder verschiedene Berufe ergreifen, Geld verdienen, es anschließend für Spiel und Unterhaltung oder auch für die weitere Ausbildung ausgeben können.

„Masterslawl" ist eine kleine Stadt auf 6000 Quadratmetern Fläche mit etwa 60 Gebäuden, Häusern und Hütten. Wie in einer wirklichen Stadt gibt es hier eine Bank, einen Bahnhof, ein Theater, eine Universität und eine Feuerwehr. Die Kinder können hier die verschiedensten Ausbildungen durchlaufen und sogar in ihrem Beruf arbeiten. Spiel und Lernen gehen hier Hand in Hand. Nach der Idee der Projektinitiatoren sollen die Besucher des Projekts „Masterslawl" durch eigene Erfahrung lernen, woher das Geld kommt, wie wichtig eine Ausbildung ist und welche Berufe es überhaupt gibt. Vorgesehen sind außerdem Angebote integrativen Lernens. Kinder mit körperlichen Einschränkungen sollen mit den anderen zusammen lernen und arbeiten.

Der Aufenthalt in der Kinderstadt läuft nach folgendem Prinzip ab: Die Eltern erwerben für 20 Euro eine Eintrittskarte für ihr Kind. Sie gilt für eine der beiden vierstündigen Tagesschichten. Am Eingang erhält der kleine Lehrling die lokale Währung – 80 Goldtalente, die er für Spaß oder Lernen ausgeben kann. Die Preise variieren in der Stadt, im Durchschnitt aber bewegen sie sich um die zwanzig „Talente".

Die „Berufsausbildung" in den Werkstätten verläuft in drei Stufen: Grundwissen für Anfänger, eine Master-Klasse und Kurse zur reellen Berufsorientierung. Sobald der junge Bürger von „Masterslawl" in einem Sonderzug in der Stadt angekommen ist, geht er zur Bank, um seinen Scheck einzulösen und zum Arbeitsamt, wo er sich über freie Ausbildungsplätze und Jobangebote informieren kann. Das Kind lernt und kann dabei Spielzeug-Geld verdienen. Wenn es eine Ausbildung abgeschlossen hat, wird es noch mehr verdienen und für seine Hobbys entsprechend mehr Geld zur Verfügung haben.

Skeptisch denkende Eltern mögen sich ihr Kind verloren auf der Straße vorstellen, verzweifelt und ohne einen Groschen in der Tasche. Sie gehen davon aus, es hat in den ersten zehn Minuten alles ausgegeben für Spiele und für das beruflichen Fortkommen keine Reserven mehr. Aber ein solcher Verlauf ist ausgeschlossen. Wie die Projektgründer versichern, ist es einfach, bei „Masterslawl" Geld zu verdienen. Man kann etwas sehr einfaches tun, zum Beispiel nach einem Kurs in der Werkstatt aufräumen, oder eine kompliziertere Arbeit ausführen, für die man erst bestimmte Dinge lernen muss. In jedem Fall sei das Kind nie unbeaufsichtigt. Wenn es Probleme hat oder ihm einfach nur langweilig werden sollte, sind die Mitarbeiter des Projektes sofort zur Stelle.

„Wir rechnen mit Kindern im Alter von vier bis einschließlich vierzehn Jahren. Es gibt aber auch einen „Schlafbezirk" für die Kleinsten. Dort spielen unsere Mitarbeiter mit den Kindern, die Eltern können sie sogar schlafen legen. Vor dem vierten Lebensjahr kann ein Kind leider keine Kurse besuchen", sagt der Initiator und Projektleiter Witalij Surwillo.

Manche Bedenken argwöhnischer Eltern jedoch lassen sich nicht aus dem Weg räumen. Was werden die Kinder mit ihrem Geld machen? Werden sie es nicht für Spekulationsgeschäfte, Betrügereien oder gar Bandenkriminalität verwenden? Dafür ist auch eine Kinderpolizei in der Stadt vorgesehen. Und wozu eine Polizei ohne Kriminelle? „Natürlich sind uns diese Gefahren bewusst. Das System der Entlohnung von Leistungen kann in den Kindern auch regelwidrige Gedanken entstehen lassen, sie kopieren schließlich in jeder Hinsicht die Welt der Erwachsenen. Wir werden alles daran setzen, solchen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Unser Geld etwa ist gegen Fälschungen geschützt. Alle Erfolge, erbrachten Leistungen und Ausgaben eines Kindes erfassen wir zentral in unserem Computer. Das gesamte monetäre System ist absolut transparent", teilt Surwillo mit.

Nach Aussage der Initiatoren des Projektes werden alle Abläufe in der ersten Phase seiner Umsetzung optimiert und überprüft. Es ist weltweit bislang beispiellos. So gibt es zwar das Netz „Kidzania" von Freizeitparks für Kinder. Dort aber hat die Arbeit des Bäckers, Feuerwehrmanns oder Polizisten einen Schaubuden-Charakter. Das Setting ist immer gleich. Das Projekt „Masterslawl" dagegen zielt darauf ab, die Kinder ihre eigenen Fertigkeiten entdecken und sie weiterentwickeln zu lassen. Sie sollen sie in ihrem Alltag und später dann im realen Leben, im künftigen Beruf anwenden können.

10,5 Millionen Euro haben die Initiatoren der Kinderstadt in dieses Projekt investiert. Sie gehen davon aus, bis zu 500 000 Kinder und Jugendliche jährlich empfangen zu können. Über 200 Mitarbeiter sind fest bei „Masterslawl" angestellt. Die Freizeit- und Lernstadt wird im „Evolution Tower" des Handelszentrums „Moscow City" entstehen. Witalij Surwillo denkt mit seinen Partner schon darüber nach, wie das Konzept „Masterslawl" auf andere Städte übertragen werden kann. Außerhalb der Metropolen werden die Parks sicher kleiner ausfallen.

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