Von Wattfraßen und Wassermännern

Das warme Wasser wird in Russland im Sommer üblicherweise für zwei oder drei Wochen abgeschaltet. Foto: PhotoXPress

Das warme Wasser wird in Russland im Sommer üblicherweise für zwei oder drei Wochen abgeschaltet. Foto: PhotoXPress

Warum wird in Russland das Wasser und die Energie so vergeudet? Unsere Kolumnistin Adele Sauer ist auf der Suche nach eine Antwort.

Wenn ich mich in Deutschland behaglich und lange dusche, werde ich heftig kritisiert. Man sei schließlich nicht Rockefeller und Wasser ist teuer. Da wird beim Einseifen schon mal das Wasser abgedreht derweil, auch unter fließendem Wasser Geschirr spülen ist verpönt. Hier nicht, hier läufts und läufts... Tropfende Hähne, fast in jedem Haushalt zu finden, jucken auch niemanden.

Warum wird das edle Nass so vergeudet? Erstens weil es ein stark unterentwickeltes Umweltbewusstsein gibt und zweitens weil hier die Wohnungsverwaltungen den Wasserverbrauch so großzügig kalkulieren, dass jeder Wohnungsinsasse täglich mehrere Vollbäder nehmen kann. Wer soll denn bei solchen hohen und absolut sinnlosen Aufgaben an sparen denken!

Und noch ein Kuriosum: Wer sich einen Zähler einbauen lässt, natürlich auf eigene Kosten, zahlt am Ende viel weniger Wassergeld, weil er natürlich solche Unmengen, wie die Verwaltung kalkuliert hat, niemals verbrauchen kann. Da kommt einem doch glatt der gute alte Tjutschew in den Sinn, der sehr treffend bemerkte, dass man Russland mit dem Verstande nicht begreifen kann, da muss wird wohl irgend ein anderes Organ herhalten müssen.

Dafür wird bei den recht seltenen Reinigungsarbeiten in den Hauseingängen mit Wasser enorm gespart! Und wenn die Moskowiter auf ihre Datschen reisen, sparen sie ebenfalls mit Wasser. Denn wenn dort das kühle Nass mit Eimern vom Brunnen ins Haus geholt werden muss, ist Herumpanschen nicht angesagt.

Dann kommen die allgemeinen und unfreiwilligen Wasserspiele, wenn stadtbezirksweise bzw. heizkraftwerksweise das warme Wasser in Moskau abgeschaltet wird. Da setzt dann ein richtiger Badetourismus ein, man besucht sich gegenseitig mit seinen Badeutensilien.

Früher dauerte das zweifelhafte Vergnügen knapp einen Monat, heute versucht man doch diese Phase stark zu kürzen, damit keiner aufmuckt. Die angeblichen Reparaturen und Erneuerungen am Wassernetz halte ich für eine Erfindung der Beamten, die dafür zwar die Kostenvoranschläge nach oben einreichen, aber keinen Handschlag machen und die Kohle in die eigene Tasche stecken.

Wer also seinen Bekannten- und Verwandtenkreis ausschließlich im eigenen Warmwasserbezirk hat, muss findig sein und eine eigene Waschtechnik entwickeln. Das Wasser wird auf dem Herd erwärmt, man nehme einen Hocker (taburetochka) und stelle darauf eine Schüssel (tasik). Nicht die große Tasse zum Übergießen vergessen! Übergießen, einseifen, genussvoll abspülen.

Seit diesen Spielchen schaue ich bei größeren Feten immer recht scheel auf die multifunktionalen Plasteschüsseln.

Nach dem Gemeinheitsgesetz wird's immer kalt und regnerisch, wenn das warme Wasser abgeschaltet wird. Deshalb laufen bei den eigenwilligen Waschungen die Heizgeräte auf Hochtouren, denn auch die Heizung ist dann flächendeckend abgeschaltet. Dabei wird gehörig Energie verballert, was dann mächtig ins Geld geht.

Bei dem Kabelsalat in den Hausfluren konnte man hin und wieder andere Zähler anzapfen und so ungeschoren Energie verbraten. Das wird aber zunehmend schwieriger.

In den Hausfluren brennt nahezu landesweit nachts das Licht, die reine Verschwendung. Die Russen sind doch begabt und erfinderisch, man muss nur die Energie in die richtige Richtung lenken! Dann erfinden sie das Fahrrad neu und Lichtschalter, die nach 3-5 Minuten das Licht wieder ausgehen lassen, wenn keiner mehr im Haus unterwegs ist.

In den Wohnungen allabendlich Festbeleuchtung, in allen Zimmern brennt Licht, auch wenn keiner drin ist. Das ist sicher noch eine sowjetische Angewohnheit, als der Strom wenig kostete. Es ist ein Volk von Wattfraßen! Sinnvolles Sparen ist nicht in, die russische Seele braucht Weite und Auslauf! Da auch, wie beim Wasser, die gesamte Elektrik nicht erneuert wurde, obwohl neue Haushaltsgeräte, von denen die Hausfrauen früher nur träumen konnten, jetzt das Netz belasten, kommt es öfters mal zu Havarien, Abschaltungen und Kabelbränden. Da ist dann guter Rat teuer und bei Kerzenschein kann man dann über Energieeffizienz sinnieren.

In drei von vier meiner Moskauer Wohnungen hatte ich genau damit zu kämpfen. Waschmaschinen waren in den Häusern, die Ende der 60er Jahre erbaut wurden, überhaupt nicht vorgesehen. Da musste extra vom Verteilerkasten ein Kabel gezogen werden, damit die Waschmaschine angeschlossen werden konnte. Das Kabel, Kupfer, dreiadrig, besorgte ich selbst. Es gefiel dem Elektriker in meiner ersten Wohnung so gut, dass er einen sehr kurzen Weg vom Verteiler zur Maschine suchte, direkt unter der gusseisernen Badewanne lang, um den Rest für sich zu behalten.

Aber alle Elektriker oder die sich dafür hielten, hatten in der Lehre schlecht aufgepasst. Trotz extra Kabel konnte ich während des Waschvorganges kein anderes Gerät einschalten. Sonst flogen alle Sicherungen raus. In einer Wohnung schoss plötzlich eine Stichflamme aus der Wand, als die Maschine lief. Ich wollte mir nebenbei einen Tee kochen, das war zuviel fürs Netz. Als ich die Wand aufgehackt hatte, fand ich einen Klumpen Alukabel, wie eine kleine Faust.

In der dritten Wohnung bekam ich andauernd einen gewischt, wenn ich das gusseiserne Spülbecken oder den Herd berührte, auch der Fußboden in der Nähe der Waschmaschine war ohne leichte Stromstöße nicht zu wischen. Ist doch kein Wunder, dass ich hellsichtig geworden bin!

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