Epizentrum mythenreicher Geschichte

Das kleine Städtchen Susdal ist 220 km von Moskau entfernt. Jeder Stein kann hier eine Geschichte erzählen.

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Die Konzentration „russischen Geistes" steigt spürbar schon während der Anreise. Im Dorf Pawlowskoje gibt es linkerhand ein kleines Hotel, vor dem sich eine mächtige Figur eines russischen Bogatyrs erhebt. Der Held bezwingt hier den sagenhaften Drachen Smej Gorynytsch. Je weiter man sich der Stadt nähert, desto mehr häufen sich Reklameschilder für Hotels, Gasthöfe und Restaurants. Praktisch das ganze Leben des heutigen Susdal ist mit dem Tourismus verwoben.

Erstmals wird Susdal in den Chroniken 1024 erwähnt. Die Stadt liegt an den malerischen Ufern des Flusses Kamenka, der dort eine Biegung macht. Früher einmal war die Kamenka schiffbar, hier verliefen die wichtigsten Handelsrouten.

Susdal war einst das geistige Zentrum der Rus und das ist heute noch zu spüren. Auf einer Fläche von nicht mehr als neun Quadratkilometern sind fünf Klöster, an die dreißig Kirchen und Kapellen sowie vierzehn Glockentürme versammelt. Eine solche Dichte von Kulturschätzen pro Quadratmeter weist außer der Altstadt von Jerusalem kaum ein anderer Ort der Welt auf.

Hier gibt es keine Hochhäuser, es gelten Gesetze, die diese Architektur verbieten. Die höchsten Gebäude sind vierstöckig. Wer nicht weiß, wo sie liegen, wird sie allerdings nicht finden. Eine Stadtbesichtigung sollte mit dem Handelsplatz beginnen. Am Ende der lang gezogenen Ladenreihe erhebt sich ein Turm, dessen Spitze ein Falke, das alte Wahrzeichen der Stadt, ziert.

Die Auferstehungskirche in der Mitte des Platzes rundet dieses Ensemble ab. Hier sieht alles noch aus wie vor hundert und zweihundert Jahren, nur die allgegenwärtigen Souvenirläden stören das Bild ein wenig. Der Platz ist mit unebenen Pflastersteinen ausgelegt – für Fußgänger nicht sehr komfortabel. Mit Bleistiftabsätzen empfiehlt es sich nicht, ihn zu überqueren.

Susdal-Besucher sollten bei ihren Planungen berücksichtigen, dass die Museen nur bis 18:00 Uhr geöffnet sind und auch die Souvenirgeschäfte um diese Zeit schließen. Danach herrscht hier vollkommene Stille.

Die Abende in Susdal sind die Zeit für echte Liebhaber vergangener Welten. Sie laden ein zu Spaziergängen durch stille Gassen inmitten historischer Bauten und umgeben von wundervoller Natur, mit der dieses Fleckchen Erde ebenfalls reich gesegnet ist.

Wenn man von dem Handelsplatz in die Kremljowskaja Uliza einbiegt, erblickt man rechts von der Straße einen Hügel, der sich über einen

Unterkünfte

Susdal hat 50 Hotels, Gasthöfe, Herbergen mit einem Komfort von 2-4 Sternen. Viele Einwohner bieten Touristen auch ihre Privatunterkünfte an.

 

Anfahrt

Jede halbe Stunde fahren Busse vom Moskauer Busbahnhof Schtschelkowskij nach Susdal. Die Fahrkarten kosten etwa 15 Euro, die Fahrtzeit beträgt 4 Stunden und 40 Minuten.

ausgetretenen Pfad besteigen lässt. Der Anstieg ist nicht ganz mühelos, vor allem bei feuchter Witterung. Aber, der Einsatz wird reich belohnt. Von oben eröffnet sich ein wunderschönes Panorama, das reich an Fotomotiven ist. Die Flussbiegung unter dem Hügel, der Wald im Hintergrund – eine echt russische Landschaft. Von hier aus sind zwei Klöster und zehn Kirchen zu sehen. Vorsicht ist auf dem Rückweg geboten. Der Abstieg ist schwieriger als der Anstieg.Das Erlöser-Jewfimi-Kloster gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es wurde 1352 auf dem hohen Ufer der Kamenka gegründet. Anfangs waren die Mauern und Gebäude der Klosteranlage aus Holz. Während des Überfalls von Polen-Litauen brannten sie ab. Danach entstand hier eine Steinfestung, die bis heute erhalten ist.

Auf dem Gelände des Klosters befinden sich einige Museen. Hier ist auch das Grab von Fürst Poscharskij, der zusammen mit Kosma Minin eine Bürgermiliz anführte und Moskau 1612 von den polnischen Besatzern befreite. Stündlich ertönt ein fünfminütiges Glockenkonzert vom Hauptglockenturm des Klosters. Wenn man das Erlöser-Jewfimi-Kloster verlässt und rechts der Festungsmauer folgt, erreicht man einen weiteren hübschen Aussichtsplatz.

Denis und Jelena sind aus Kiew nach Susdal gereist: „Wir sind schon zum zweiten Mal hier. Uns gefällt Susdal sehr. Kiew ist natürlich auch reich an Geschichte, aber die Millionenstadt drängt sich immer in den Vordergrund. Hier findet man urtümliche russische Naturlandschaften und eine ungeheure Menge an Kulturdenkmälern. Letztes Mal haben wir sogar auf das Hotel verzichtet und am Stadtrand unser Zelt aufgeschlagen".

Zelten ist natürlich eine tolle Sache, aber keineswegs notwendig. Susdal hat unzählige Hotels, große und kleinere – Angebote für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel. Die Einwohner versuchen ebenfalls am Geschäft mit den Besuchern der Stadt zu verdienen und vermieten ihre Häuser für wenig Geld.

Insgesamt wurden in Susdal vier Komplexe in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Außer dem Erlöser-Jewfimi-Kloster sind das der Susdaler Kreml, die Muttergottes-Geburtskathedrale und die fünf Kilometer vom Susdaler Zentrum entfernte Boris-und-Gleb-Kirche. Praktisch alle Kirchen und historischen Denkmäler sind für Touristen geöffnet. Die Stadt selbst gilt als Kulturdenkmal und genießt daher besonderen Schutz.

Das Museum für alte Architektur ist ein ganz besonderes Ensemble am Kamenka-Ufer am Rande der Stadt. Hier kann man Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert besichtigen: Bauernhäuser, Bojarenhäuser, eine Windmühle und die Christi-Verklärungs-Kirche aus dem Dorf Kosljatjewo, Rajon Koltschugino. Man kann sie von allen höher gelegenen Plätzen der Stadt sehen.

Die Uliza Lenina ist die Hauptstraße der Stadt. Hier ist die touristische Infrastruktur konzentriert – Hotels, Cafes, Geschäfte. Susdal ist auch bekannt für seinen Medowucha, ein niedrigprozentiger Honigwein. Man bekommt ihn überall. In Susdal gibt es alles, was das touristische Herz begehrt. Es hat sogar seinen „Roten Platz". Anstelle des Lenin-Mausoleums jedoch säumen ihn das Gebäude der Stadtverwaltung und das Hauptpostamt. Sollte man in zwei Worte zusammenfassen, warum man unbedingt nach Susdal reisen muss, dann könnte man sagen: „Russische Seele".

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