Moskau sehen und sterben

Russland ist zum eine Art Altersheim für B-Promis aus dem Westen geworden, meint unser Kolumnist Der Ulenspiegel. Wer zu Hause nicht mehr gebraucht wird, der geht einfach nach Russland.

Todesdrohungen sind der Ritterschlag für den Kolumnisten. Dessen Texte regen die Leser so sehr auf, dass man den Autor umbringen möchte. Mir ist das bisher nur einmal passiert: Als ich mich in meiner Kolumne in einer russischen Zeitschrift über die Verehrung lustig machte, die man in Russland der abgehalfterten Chanteuse Mireille Mathieu bis heute zu Teil werden lässt.

Die russischen Leser erbosten dabei vor allem zwei Punkte. Erstens meine Feststellung, dass nirgendwo sonst in der Welt, vor allem nicht in Frankreich, die Schlagersängerin mit dem Pagenkopf in eine Reihe gestellt wird mit den echten Größen des französischen Chansons.

Und zweitens meine durch zahlreiche Beispiele gestützte Behauptung, dass Russland eine Art Altersheim für B-Promis aus dem Westen geworden ist. Wer zu Hause nicht mehr gebraucht wird, der geht einfach nach Russland. Dort gehen Interpreten immer noch als Superstars durch, die daheim nicht mal mehr auf Betriebsfesten und Möbelmarkt-Eröffnungen eine Chance haben. Aus Deutschland wären hier Thomas Anders zu nennen sowie die Überbleibsel von Boney M und Dschingis Khan.

Nostalgie ist vor allem dort ein Thema, wo die Menschen von einer besseren Vergangenheit träumen. Also eigentlich überall in der Welt. In Russland kommt zu persönlichen Erinnerungen an Jugend und Partys noch das Element der Exotik. Westliche Musiker waren in den 1970er und 80er Jahren so etwas wie rare Boten aus einer anderen Welt. Die steht zwar inzwischen für alle offen und ist längst nicht so toll wie damals erträumt, aber der Erinnerung an diese Zeiten gibt man sich immer mal wieder gerne hin. Retro eben.

Während „Ra-Ra-Rasputin" oder „Moskau, Moskau" auch dortselbst mehr als ein schriller Party-Gag genommen werden den als große Kunst, steht die Sache ganz anders mit allem, was aus Frankreich kommt. Hier reicht die Nostalgie der Russen zurück bis ins 18. Jahrhundert, in die Zeit, als Frankophilie ein Zeichen feiner Lebensart war.

Selbst die Sowjetunion, die ja eigentlich die Heimat aller Proletarier sein wollte, sonnte sich im Glanze französischer Noblesse. Weil man das Volk nicht von allen westlichen Einflüssen abschirmen konnte, trennte man zwischen angelsächsisch-kapitalistischem Schund und fortschrittlicher Kultur aus dem Mutterland der Revolution. Das brachte ein bisschen internationales Flair in den sozialistischen Alltag. Frankreich wiederum konnte das Gelegentliche Kokettieren mit der Sowjetunion als Beleg für seine unabhängige Außenpolitik nutzen.

Vor diesem Hintergrund ist Wladimir Putin mit Gérard Depardieu ein ganz dicker Fang gelungen. Das ist was anderes als Thomas Anders oder ein namenloser Tänzer aus der Boney-M-Truppe. Das ist französische Hochkultur.

Und Brigitte Bardot soll auch schon Interesse an der russischen Staatsbürgerschaft gezeigt haben. Zwar sind beide nicht mehr ganz taufrisch, aber wen juckt das? Retro bedeutet eben auch ein wenig Patina. Vielleicht lassen sich ja auch noch Edith Piaf, Voltaire und Molière umbetten? Die Friedhofsgebühren wird François Hollande ja sicher demnächst auch noch erhöhen.