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Das meiste Geld sammeln in Russland Projekte, die bereits über ein treues Publikum verfügen. Foto: Alamy / Legion Media

Das meiste Geld sammeln in Russland Projekte, die bereits über ein treues Publikum verfügen. Foto: Alamy / Legion Media

Crowdfunding, kollektives Geldsammeln über das Internet für alle möglichen Projekte, wird in Russland zu einem immer beliebteren Instrument. Noch ziehen kreative Ideen die meisten Geldgeber an, doch vor allem soziale Projekte holen auf.

Im Crowdfunding sind sowohl in Russland als auch weltweit kreative Projekte die unangetasteten Spitzenreiter. Kunst und Kreativität stehen im Vordergrund. So sind auf der Seite Planeta.ru in den Bereichen „Musik", „Video", „Theater", „Fotografie" und „Kunst" 40 aktive Projekte zu finden. Auf dem Internetportal Boomstarter.ru sieht es nicht anders aus.

Das meiste Geld sammeln häufig Projekte, die bereits über ein treues Publikum verfügen. So konnte die bekannte Rockgruppe BI-2 über Planeta.ru die rekordverdächtige Summe von 1.250.000 Rubel (etwa 31.000 Euro) sammeln, um ihr neues Album „Spirit" zu produzieren.

Die bisher erfolgreichste Aktion auf Boomstarter kam von der Petersburger Theatertruppe „So ein Theater". Für ihre Aktion, „So ein Festival", die vom 14. November bis 3. Dezember stattfand, nutzten sie Crowdfunding. Über 200.000 Rubel (etwa 5000 Euro) konnten die Schauspieler von 67 Sponsoren einwerben. Wer 100 Rubel spendete, erhielt ein Festivalprogramm mit Autogrammen der Schauspieler, für 500 Rubel gab es ein Ticket zu einer Vorstellung, für 1000 Rubel zwei Tickets und für 1500 Rubel je zwei Tickets für zwei Vorstellungen.

 

Wenig beliebt: Crowdfunding für IT-Projekte

IT-Projekte erfreuen sich im russischen Crowdfunding bisher nicht besonderer Beliebtheit, da diese meist eine sehr enge Spezialisierung aufweisen und nur wenige Investoren gerne in ein neues Programm oder Plug-In investieren.

Spezialisten sind sich einig, dass es sich für ein IT-Projekt eher lohnt, über spezialisierte Ressourcen mit sachverständigem Publikum nach Investoren zu suchen. Vergangenen Sommer wurde in Russland das Projekt IT Rock Out lanciert, über das IT-Fachleute nach Finanzierungsquellen für ihre Ideen suchen können. Auf der Seite kann man sein Projekt anbieten, und die Nutzer geben ihre Urteile ab, ob sie dieses Programm für sinnvoll halten und wie viel sie möglicherweise zu investieren bereit wären. Auch Entwickler können sich melden und die Realisierung einer vorgeschlagenen Idee anbieten. Wenn eine gewisse Anzahl von interessierten Nutzern erreicht ist, kann mit dem Geldsammeln begonnen werden.

„Zur Zeit haben wir ein Projekt in Vorbereitung, für das wir genügend Geld gesammelt und einen Entwickler gefunden haben", erklärt der Geschäftsführer von IT Rock Out Anton Krylow. „Für weitere 15 Projekte sind wir auf der Suche nach interessierten Usern, und für drei Projekte sind wir noch am Geld sammeln."

Die Gründer der Seite stellen ihre Plattform bei weitem nicht jedem, der seine Idee durch Crowdfunding finanzieren möchte, zur Verfügung. Grünes Licht erhalten nur Projekte, die legal sind, keine Finanzpyramiden, Onlinecasinos oder lotterieähnliche Projekte in irgendeiner Form darstellen, und die das Interesse der Betreiber von IT Rock Out geweckt haben.

 

Ganz am Anfang: Crowdfunding für soziale Zwecke

Im sozialen Bereich ist das Antikorruptions-Portal RosPil des bekannten Bloggers Alexej Nawalny das bisher erfolgreichste in Russland. Über fünf Millionen Rubel (etwa 125.000 Euro) konnten bereits gesammelt werden. Freilich, bei diesem Projekt spielte der Name seines Initiators eine wichtige Rolle. Denn normalerweise sammeln soziale Projekte bei Weitem weniger Geld ein als kreativ-künstlerische.

Auch platzieren nicht alle Portale soziale Projekte. Für die Gesellschaft nützliche Initiativen kann man beispielsweise auf den Plattformen S miru po nitke, was ins Deutsche übersetzt in etwa „Viele Bäche machen einen Strom" bedeutet, und Rusini unterstützen.

„Momentan haben wir nur ein erfolgreiches Sozialprojekt: eine Kleidersammlung für ein Waisenhaus. Die Initiatoren sammelten Spenden für den Kauf von Kleidern. Danach wurden allen Geldgebern sehr berührende, von den Kindern gezeichnete Dankeskarten verschickt", erzählt Tina Granik, Administratorin von Rusini. „Reiche die Hand", ein weiteres Projekt auf dieser Plattform, bietet Käufern Kerzen an, die von behinderten Menschen hergestellt wurden.

Das bisher erfolgreichste Projekt auf der Plattform S miru po nitke ist der Dienst „Daru dar", zu Deutsch „Geschenke für Geschenke". Eine virtuelle Datenbank bietet Gegenstände an, von denen sich jeder etwas auswählen und sich schenken lassen kann. Für dieses Projekt konnten 134.873 Rubel (etwa 3.400 Euro) gesammelt werden.

Viele der Geldgeber wollten gar kein Geschenk. Es mache ihnen einfach Spaß, Teil eines Prozesses zu sein, sogar ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten, berichtet Darja Schdanowa, PR-Direktorin von S miru po nitke über ihre Erfahrungen.

 

Die ungekürzte Fassung des Beitrags erschien zuerst in der Zeitung Moskowskije Nowosti.