Echt richtig schön falsch

Abkupfern wird immer häufiger - und nicht nur in China. Der Ulenspiegel ist doch der Meinung dass ein solch kreativer Umgang mit geistigem Eigentum nicht immer zu schlechten Resultaten führt.

Wenn es um's Abkupfern geht, steht normalerweise China am Pranger. Jetzt berichtet das Manager-Magazin, dass in russischen Geschäften „deutsche" Produkte angeboten werden, deren Namen hierzulande seltsam unvertraut klingen. Wer hat schon mal was von „Erich Krause Schreibwaren" oder der „Münz Schuhfabrik" gehört? Außerhalb Russlands wohl niemand, denn diese Marken sind dort erfunden worden. Zum Teil mit kompletter Firmengeschichte, die im 19. Jahrhundert irgendwo in einer beschaulichen deutschen Kleinstadt beginnt.

Für mich als Deutschen ist das zunächst mal ein Kompliment. Deutsche Qualität ist scheinbar immer noch so beliebt, dass es sich lohnt, bestimmten Produkten ein deutsches Image zu verpassen. Wenn das Zeug in Wirklichkeit aus China stammt, wen stört's? Ist doch bei den echten deutschen Waren längst auch so. Peinlich wird es nur, wenn die Qualität so schlecht ist, dass das Image der deutschen Industrie darunter leidet. Solche Fälle gibt es auch.

Und wie ist es denn bei uns? Wir haben doch auch Wodka-Marken, die superrussisch daher kommen, mit Adlern oder Bären auf dem Etikett, aber in Wirklichkeit in Kleinkleckersdorf gepanscht werden. Und wie viele pseudoitalienische Modelabel kennen Sie, pseudoenglischen Teesorten, pseudofranzösische Damenunterwäschehersteller? Ja, es gab bei uns sogar pseudorussische Künstler wie Iwan Rebroff (bürgerlich Hans Rippert) und Alexandra (geborene Doris Treitz), die in den Tagen des Kalten Krieges davon profitierten, dass Sänger aus Russland kaum greifbar waren. So konnten sie ungestört echt russische Schwermut beziehungsweise Kalinka-Kasatschok-Wodka-Fröhlichkeit verbreiten.

Ein fremdländischer Name erfüllt noch nicht den Tatbestand der Produktpiraterie. Und auch irreführende Briefkastenadressen und erfundene Biografien sind allenfalls Täuschung. Man soll eben nicht alles glauben, was die Werbung einem weismachen will.

Aber es geht auch in die Gegenrichtung: Weil die Harry-Potter-Bücher so erfolgreich waren, startete der Russe Dmitri Jemenez die Reihe „Tanja Grotter". Anders als chinesische Potter-Imitatoren, die ihre Machwerke als Fortsetzung des Originals auf den Markt brachten, behauptet der Grotter-Vater, etwas authentisch Russisches hervorgebracht zu haben. Er bedient damit nicht die Sehnsucht nach ausländischer Ware, sondern das Bedürfnis nach Abgrenzung davon. Auch wenn seine Storys sich lesen, als hätte er einfach den Originaltext genommen und bestimmte Begriffe mit der „Ersetze"-Funktion ausgetauscht; beispielsweise „Harry" durch „Tanja", „Besen" durch „Kontrabass" etc.

Dass ein solch kreativer Umgang mit geistigem Eigentum nicht immer zu schlechten Resultaten führen muss, zeigt ein Beispiel aus der Sowjetzeit, eines von mehreren. Ohne sich um das Urheberrecht zu kümmern, produzierte das Zeichentrickstudio „Sojusmultfilm" drei Winnie-Pu-Folgen, die das Beste sind, was aus Milnes Vorlage filmisch je gemacht wurden. Die Rechte an dem Bärchen lagen jedoch beim Disney-Konzern, der aus dem Stoff bis heute ganz legal das üblich-dümmliche Zuckerzeug produziert. Mit dem Geist des Buches hat das nichts zu tun, aber es verkauft sich blendend. Nicht immer bedeutet also eine Verletzung des Urheberrechts ein Schaden für die Verbraucher. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall.

PS: Beim Schreiben dieses Textes habe ich auch abgekupfert, und zwar bei mir selbst. Wer die Stellen findet, erhält eine Belohnung!

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